23.10.2010

Roter Text. Über Foucault und die Mission der Freundschaft

Drei Jahre vor seinem Tod, 1984, äußert sich Michel Foucault folgendermaßen über seine Beziehung zu seinem Freund Daniel Defert: „Ich lebe in einem Zustand der Leidenschaft zu jemandem. Vielleicht ist diese Leidenschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt in Liebe umgeschlagen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Zustand der Leidenschaft bei uns beiden, einen permanenten Zustand, der keinen anderen Grund hat zu endigen als sich selbst und dem ich vollkommen verfallen bin, der durch mich hindurchgeht. Ich glaube, dass es nichts auf der Welt gibt, nichts, was immer es sei, das mich hindern würde, wenn es darum ginge, ihn wiederzusehen, mit ihm zu sprechen.“

Diese Wortwahl ist für Foucault in den letzten Jahren seines Lebens bezeichnend: Er erwähnt die große Idee der Liebe, distanziert sich davon leise mit dem Wort „vielleicht“, evoziert in seinen Beschreibungen allerdings eine Intensität und Nähe, die keine Fragen bezüglich seiner Gefühle für Daniel Defert offen lässt. Sein Biograph Didier Eribon fasst schlicht und einfach zusammen: „Foucault hat ihn bis zum Ende geliebt“.

Foucaults Denken über die Freundschaft wurde von dem Umstand geprägt, dass er homosexuell war. Für Foucault bedeutete dies vor allem, dass die Gestaltung der Beziehung gesellschaftlich nicht vorprogrammiert war; eine homosexuelle Beziehung befand sich in einem dunklen und düsteren Bereich, in dem einerseits Geheimnisse gepflegt werden mussten – wir sprechen von den frühen sechziger Jahren – und andererseits eine homosexuelle Beziehungsform noch nicht festgelegt war. Schwule und Lesben „müssen von A bis Z eine Beziehung erfinden, die noch formlos ist: die Freundschaft“.

Foucault entwickelt eine Sichtweise auf Beziehungen, die im Grunde genommen eine hoffnungsvolle Prognose bedeutet: in seinen Augen dürften Beziehungen zwischen Menschen, zwischen zwei Menschen, immer mehr und mehr von dem Bedürfnis bestimmt werden, interne und externe Freiheiten zu erobern und zu pflegen. Foucault verallgemeinert die spezifische Position der homosexuellen Beziehung; für alle intimen Beziehungen, die sich auf der Basis einer persönlichen Nähe gestalten wollen, gilt, dass sie sich gesellschaftlich in einer besonderen Lage befinden.

Francisco Ortega fasst diese Sichtweise folgendermaßen zusammen: „Foucault zufolge leben wir in einer Welt, in der die sozialen Institutionen dazu beigetragen haben, die Zahl der möglichen Beziehungen zu begrenzen. Der Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass eine Gesellschaft, welche die Zunahme der möglichen Beziehungsformen zuließe, schwieriger zu verwalten und zu kontrollieren wäre“.

Zugreifen auf die Freundschaft bedeutet „Minoritäten entstehen zu lassen, die der Macht Widerstand leisten“. Inspirierend an dieser Erweiterung der Idee der Freundschaft ist, dass sie eine Brücke zwischen Privatem und Öffentlichem schlägt. Sie verleiht der Freundschaft eine positive Würde, nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für das soziale Leben und die Gesellschaft.

Diese Brücke wird für mein Verständnis von drei Pfeilern getragen: 1. Der Selbsterkenntnis und der „selbstbildenden Praxis“, das heißt: der souveränen und kreativen Beziehung von mir zu mir; 2. der Verbindung von mir zu dir, mit der eine gemeinsame Verantwortung für die souveräne Gestaltung der Beziehung einhergeht; 3. der Bedeutung der EINEN und der ANDEREN Freundschaft für das Leben von viel mehr Menschen, für die Menschen um die Freundschaftspaare herum, letztendlich für das öffentliche Leben mitsamt seinen Institutionen.

Kommentare:

Ruthild Soltau hat gesagt…

Danke, Jelle!
Ich habe immer den Eindruck, dass homosexuelle und lesbische Paare dazu beitragen, Liebesbeziehungen und damit das Gemeinschaftsleben, das gesellschaftliche und politische Leben überhaupt auf eine höhere Stufe zu heben.
Herzlich
Ruthild

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Wie schmeckt das Wort "Beziehung" - wie hingegen das Wort "Freundschaft"?

Sind Beziehungen auch immer Freundschaften und Freundschaften auch immer Beziehungen?

Wo verschmelzen die Begriffe ineinander, wo trennen sie sich?

Wir sprechen von einer Liebes-Beziehung, nicht von einer Liebes-Freundschaft. Aber wir sprechen auch von einer Arbeits-Beziehung...

Steht ein "Freund" inmitten eines Netzes von "Beziehungen"?

Foucault war radikal. Und egoistisch. - Dieses Bild entsteht in mir. - Und liebesbedürftig. Und vermutlich ein hinreißender Liebhaber. Ich glaube, er hatte etwas großartiges mit der "Freundschaft" vor, er hat den weit oben leuchtenden Stern dieser alten Idee gesehen.

...ich und ich...
...ich und du...
...ich und wir...

Wieder einmal geht es um die Bedeutungsfrage - und die ist wichtig!

Danke für diesen kräftigen roten Text, der zum Nachdenken anregt!
Und herzlich! S.P.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

FREUNDSCHAFT

Manchmal wünsche
ich mir mehr davon,
als ich selbst
zu geben bereit bin.
Dies ist ein
Missverhältnis.
Aber wünscht sich
nicht auch unser
Gegenüber
stets mehr
Freundschaft,
als wir füllen
und erfüllen
können?

(Michael Heinen-Anders)

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

GUTE AUSSICHT

Wunderschön
war die Zeit
als wir uns
noch liebten.

Es war eine erfüllte,
prächtige Zeit.

Du hast mir so geholfen
das Überwinden zu
überwinden.

Dafür danke ich
Dir
von Herzen.

Nun aber heißt es:

Das Banner der Freundschaft
wird nie vergehen

so haben wir
es mindestens
auf unsere
Fahnen geschrieben.

Bliebe es dabei
so wäre dies doch
wenigstens:
eine gute Aussicht.

(Michael Heinen-Anders)

Ruthild Soltau hat gesagt…

Liebe Sophie Pannitschka!
Man spricht vielleicht nicht von einer Liebesfreundschaft, aber heißt das deshalb auch, dass es sie nicht gibt? Mir scheint, dass es gut ist, Begriffe beweglich zu halten. Und- Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!
Herzlich
Ruthild

Anonym hat gesagt…

BENJAMIN BRITTEN

Keer terug naar zee,
waar wijsheid wederom
begraven wordt in stromend water,
strevend, weerstrevend,
sterven,
klinken,
als de klokken van Venetie,
als geloften over de golven van de laguna,
waar de dood
de zee verzilt,
het gelui verstilt
en maanlicht zilver
mij leert luisteren
naar de klanken
van de gamalan.

Kom nu muze,
kom dichterbij
in orkest en partituur en krullend haar,
zachtmoedige zweper
rust in ritme,
interval,
een klein gebaar
en de stilte verheft zich
uit de storm van het leven.

1 december 1986

Huub