09.10.2010

Altwindeck: ein Dorf ohne Vergangenheit. Über Körbe und Texte

Ich war vor kurzem in Altwindeck, einem kleinen Dorf nicht weit von der Sieg. Entlang den schmalen windigen Straßen stehen dort Fachwerkhäuser, ganz große und ganz kleine, die sich ruhig und bescheiden verhalten, als wäre es nicht ihre Aufgabe, laut von einer Vergangenheit sprechen zu müssen. Die alte Mühle, das Bürgerhaus, der Dorfplatz und der Gasthof „Zur Linde“ bieten sich unaufdringlich an, sind für dich da, brauchen allerdings deine Aufmerksamkeit nicht, um das zu sein, was sie sind: in sich ruhende Erscheinungen.

Die Vergangenheit von Altwindeck scheint nicht groß zu sein. Ich meine, bedeutende Dichter, Musiker, Philosophen, Staatsmänner oder Unternehmer sind dort nicht geboren worden. Und entscheidende Schlachten haben im hügeligen Abseits dieses Dorfes, soweit ich weiß, nicht stattgefunden – ja, soweit ich weiß: von Altwindeck gibt es offensichtlich nicht viel zu wissen. In einer Broschüre über das Dorf wird nur von der „Gegenwart“ und der „Zukunft“ des Örtchens gesprochen.

Heute leben in diesem Dorf etwa 300 Menschen, nur wenige davon befinden sich an einem Samstagabend im Gasthof „Zur Linde“, trinken ein Bier, rauchen Zigaretten (das Rauchverbot hat Altwindeck noch nicht erreicht), und reden gelassen über die kleinen-großen Ereignisse der vergangenen Woche. Die Bewohner des Dorfes scheinen ganz gut miteinander auszukommen; drei Stunden lang verlaufen die Gespräche ohne Beschwerden oder Vorwürfe. So etwas wie „Politik“ scheint nicht zu existieren. Und die Schnitzel, die mit einem Haufen Zwiebeln und Bratkartoffeln serviert werden, schmecken vorzüglich.

Zusammen mit meiner Lebensgefährtin übernachte ich bei Karl und Annemie, zwei Windeckern, die eine ganze Etage für Gäste bereit halten. Unten im Keller des Hauses gibt es eine Bar mit heftigen Flüssigkeiten aus der ganzen Welt: ich entdecke sogar eine Flasche Jonge Jenever aus Holland. Anderthalb Stunden reden wir zu viert über die ganze Welt: kein Kontinent wird ausgelassen. Karl war mal als Ingenieur tätig, ist heute in Rente und hat „ganz viel“ um die Ohren. Wenn ich mich richtig erinnere, steht demnächst eine Reise nach Brasilien an. Annemie genießt vor allem den Umstand, dass sie mit meiner Freundin spanisch reden kann: „quiero espagñol“, sagt sie ständig fröhlich.

Dann wird vom Leben gesprochen: von Verantwortungen, Anliegen, Krankheiten, Stress, familiären Angelegenheiten – aber auch hier: keine Vorwürfe oder Beschwerden. Das Leben scheint grundsätzlich in Ordnung zu sein, man solle sich nur nicht verausgaben... Eine Art traditionelle Selbsterkenntnis prägt die Erzählungen, die nicht frei von Dramen sind, allerdings in einem „realistischen“ Rahmen betrachtet werden. Es ist eben so, dass das Leben manchmal weh tut, darüber solle man sich doch nicht wundern. Sind wir nicht alle „Menschen“?

Am nächsten Sonntagvormittag gibt es in Altwindeck einen traditionellen Handwerkermarkt. Mehr als zehntausend Besucher werden erwartet. Die Einfahrtstraßen des Dorfes werden von freundlichen Jugendlichen streng bewacht: kein fremdes Auto darf hinein fahren. Rund um das Bürgerhaus – dort kriegt man Kaffee, Bier, Reibekuchen und Süßigkeiten – sind Handwerker zu finden: Uhrmacher, Weber, Schmiede und Korbflechter, Besenbinder und Brotbäcker. Und: Ein Pferdchen ist beauftragt, die Mühle in Betrieb zu setzen.

Der Korbflechter, etwa vierzig Jahren alt, sitzt auf einem Hocker, hält in seinem Mundwinkel eine Zigarette, und befindet sich in einem langsamen Arbeitsrhythmus, den es nicht zu unterbrechen gilt. Um ihn herum liegen mindestens hundert wunderschöne Körbe die man kaufen könnte, wäre der Mann nicht gerade dabei zu flechten. Mir ist sofort klar welchen Korb ich kaufen will, ja kaufen muss, weil ohne ihn mein Leben leer und aussichtslos bliebe. Ich weiß auch bereits, wo ich den Korb hinstellen will, und zwar auf die breite Fensterbank direkt neben dem Küchentisch, wo ich immer meine Texte entstehen lasse.

Als seine Zigarette zu Ende ist, schaut der Korbflechter um sich her, bemerkt mich dann endlich, sagt nichts, bietet sich allerdings anscheinend irgendwie doch an, wie ein Fachwerkhaus, das unerwartet eines seiner winzig kleinen Fenstern öffnet... Ich darf also etwas fragen, zum Beispiel ob ich vielleicht einen Korb kaufen KÖNNTE. Als ich meine Frage schüchtern gestellt habe, nickt er mit seinem Kopf, was so viel bedeutet wie: na ja, wenn du magst... Ich kaufe also einen Korb, ich glaube aus Weidenruten (bin mir aber nicht sicher, traue mir allerdings auch nicht zu, das zu fragen – so etwas sollte man doch einfach wissen!) und lasse den Mann in Ruhe. Er hat kein Wort gesprochen. In seinem Mundwinkel steckt bereits eine nächste Zigarette und seine Hände haben den Rhythmus sofort wieder gefunden.

Jetzt steht der Korb neben mir in der Küche. Und ich schreibe. Und ich denke: ich möchte mich auch mal als Handwerker auf einem Markt anbieten, ich nehme dann meinen Küchentisch, meinen Hocker von Ikea und meinen Laptop mit, setzte mich hin und flechte betagt Texte. Und falls jemand vorbei käme und für neunzehn Euro einen Text kaufen möchte, würde ich nichts sagen. Ich würde nicht einmal wissen wollen, auf welcher Fensterbank in seiner Seele der glückliche Käufer meinen Text zu würdigen gedenkt. Ich würde mir sagen: Jelle, du bist ein traditioneller Handwerker, mehr nicht. Das reicht doch, oder?

Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

DAS HANDWERK DER DICHTUNG

Ich lernte Dichtung zuerst in
der Realschule kennen, wofür ich
meinem damaligen Deutschlehrer Herrn Tornow noch immer dankbar bin.
Texte aus dem Unterricht
regten mich an zu eigenen
Texten - zunächst nur Prosa,
später dann ab der 10. Klasse
auch Lyrik.
Aber wie beneidete ich die
Kollegen aus der selbstgegründeten Literatur-Werkstatt, die alle bereits das Abi hatten, meist mit
Deutsch als Leistungskurs und in der Regel Germanistik studierten.
Als ich dann begann mit
anderen Dichtern eine
Literaturzeitschrift,
nämlich HANDZEICHEN in Köln
herauszugeben, da bemerkte
ich das theoretische
Gefälle zwischen mir und
den anderen doch sehr schmerzlich.

Doch mein eigentliches
Studium der Literatur
hatte ich ja bereits in der
Buch(groß)händlerausbildung
durchlaufen.
Ab ihrem Ende, nämlich
1979 war ich dann auch
ohne reguläres Studium
in der Lage ambitionierte
Texte zu verfassen.
Ab 1980 besuchte ich dann die
Fachoberschule und bekam
auch dort von wechselnden
Lehrern ein wenig theoretisches Rüstzeug mit.
Anfangs orientierte ich
mich noch an den großen
Vorbildern: Franz Kafka,
Max Frisch, Elias Canetti,
Hans Magnus Enzensberger,
Nicolas Born, Friederike
Mayröcker, Günter Bruno Fuchs,
Bertold Brecht, Jean-Paul Sartre
und wie sie alle hießen. Auch
Rudolf Steiners Dichtungen
hinterließen allmählich Spuren.
Doch allmählich dann
im Laufe der weiteren Jahre
begann ich das Handwerk
des Dichtens gewissermaßen
mit ausgeschwitztem Blut und Wasser zu lernen.
Das Dichten war mir so wesentlich
geworden, wie anderen das tägliche
Brot.
"Der Mensch lebt nicht nur vom Brot
allein..." (NT) und Rudolf Steiners
1. Leitsatz der endet: "Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet." - Diese Worte wurden
für mich zum Inbegriff meiner
eigentlichen dichterischen Arbeit,
die ich zwar nicht von Grund auf
gelernt, aber mir über lange Zeit
erarbeitet habe.
Das Korbflechten habe ich nie gelernt, handwerklich bin ich völlig unbegabt. Doch Texte auch
theoretisch zu fassen, dies wurde
mir im Rahmen meines Wiwi-Studiums
(1982 - 1988) noch obendrein vermittelt.
Und vor allem lernte ich auch noch
die Philosophie und Wissenschaftstheorie so intensiv kennen, als dass ich mit theoretischen Beiträgen zur Literatur, von denen es aber nur wenige gibt, heute nicht mehr direkt als Outsider auffallen muss.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

SOMMERBETT IM WINTERGARTEN

Sommerbett im Wintergarten,
Frühlingskur im Herbsteslaub,
Erlaubnis kann nicht länger warten.
Alles häuft sich auf im Staub
der Daseinsnächten.
Versäume nicht die gute Laune
mit erhöhten Daumen
und unkompliziert
zu zieren,
indem das Lächeln sich verliert
im täglichen Gelächter.

Huub

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

POESIE IN GOLD GEWOGEN


Wieviel wiegt
eines Dichters Herz?
Wieviel trägt
des Dichters Schmerz?

Werden seine Werke
in Tara aufgesogen,
dickleibige Schwarten
gegen Gold gewogen,

so bleibt nicht viel
übrig von des
Dichters Strenge
von des Dichters
Pein.

Allein, er könnte ewig
sein...

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…

Tons of poetry here!

Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle, Du schreibst so munter und anschaulich, dass ich gern noch eine ganze Weile länger Deine Geschichten lesen würde. Ja, und dann dieser Korbflechter - herrlich wie er die Würde seiner Kunst vor dem Marktgeschehen aufrechterhält. Grotesk sich vorzustellen, dass du Deine Kunst auch so zu Markte tragen müsstest wie er!
herzliche Grüße
Ruthild

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

SCHNEEWEISS UND SCHWARZBRAUN

Schwarzbraun
ist die Haselnuss
Schwarzbraun
ist auch Dein volles Haar.

Schneeeweiss
ist die Lilie
Schneeweiss
ist auch Deine zarte Haut

die mich jetzt vorsichtig
sanft berührt.

Wer hätte gedacht
dass Du im Alter
immer schöner wirst?

Wer hätte gedacht
dass ich mich,
auf meine alten Tage,

nochmals wie ein Pennäler
verliebe?

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Liebe Ruthild, was ist aus deiner Sicht "grotesk" daran? Wie würde das denn in deinen Augen aussehen? Herzlich, Jelle

Anonym hat gesagt…
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Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle, ich habe das Bild von einem sehr traurigen Clown vor Augen. Ich mag Clowns sehr, aber ich sehe Dich doch nicht als Clown an. Herzlich Ruthild

Anonym hat gesagt…

EIN LÄCHELN

In der Stille
spüre ich ein Lächeln
auf meinem Gesicht,
wenn ich an dich denke.

In seiner Fülle
enthüllt es ein gewisses Vermächtnis:
Sich im Gedicht
die Welt zu verschenken.

In seiner Enthüllung
verflechtet es
sein inneres Licht
im äußeres Versenken.

28 september 2009

Huub

Anonym hat gesagt…

Da Du mich nicht sehen kannst, muß ich Worte benutzen:
ich lächle.
herzlich
S.St.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

@Huub

Diese wunderschönen Gedichte wären noch besser, wenn sie im Rahmen einer Deutsch- Rechtschreibkorrektur fehlerfrei gemacht würden.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

Ganz in der Nähe von Windeck gibt ein noch kleineres Dorf... Dort in einem altem Fachwerkhaus habe ich mein zweites Kind vor dreißig Jahren geboren. Das war damals mehr als ungewöhnlich und dieses Kind war und ist bis heute ungewöhnlich. Vielleicht hat das Fachwerkhaus dies als etwas herausragend wichtig emfunden, mir war es damals und heute jedenfalls so. Und kommen wir nach langer Zeit dorthin zu Besuch, werden wir herzlich begrüßt. Von dem Haus, von der Landschaft und den Menschen.Und es bleibt ein besonderer Ort, berühmt in mir und allen Begegnungen dort.
Auf die Vorstellung deine Schriften so auf einem Markt zu kaufen, kommen mir warme Bilder und ich kann mir es wünschen so einem Dichter ein Blatt für 19 Euro ab zu kaufen. Das Blatt würde dann auf einem Bild meines Mannes irgend wann gemalt werden, denn er malt alles was ich gerne habe irgend wann und dann wird dieses Bild, wie alle seine Bilder auf einem freien Markt hier oben am Meer in Dangast verkauft, für ein wenig mehr Euro, aber das Bild wird seinen Platz bei einem Liebhaber finden. So einen Korb zu kaufen ist ein Erlebnis, da ist gleich eine Geschichte dabei, so erzählt der Korb und lauscht und manchmal geht er mit zum Markt und trägt ein Bild mit einen gemaltem Gedicht nach Hause...
Herzlich, Birgit

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Michael, führt Rechtschreiberei zur Schönheit? Herzlich, Jelle

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Lieber Jelle,

die Schönheit ist wohl vorher da.
Aber es ist wie die Arbeit eines Bildhauers, die Idee muss möglichst
klar zur Geltung kommen. Das Kunstwerk will "begriffen" werden.
Schönheitsfehler, wie fehlerhafte Rechtschreibung, stören da nur.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

Lieber Michael,

ich kenne schon dieses Verlangen fehlerfrei Deutsch zu schreiben.
Aber immer wenn ich jemand frage es für mich zu korrigieren sagt er oder sie:
O, nein, dein holländischer Akzent ist so schön und deine Fehler sind so niedlich.
Wie lernt man da deutsch, wenn man früher in der Schule nur schlechte Noten für deutsch hatte.
Aber es wiederhält mich nicht zu schreiben was ich fühle.
Ich sehe es als einen herrlichen Weg mein deutsch zu verbesseren.
Ich geniesse es und tschüße euch.

Huub

Anonym hat gesagt…

Meine traditionelle Handarbeit besteht daraus, dass ich für meine Familie und meine Freunde da bin. Ich flechte keine Körbe oder Texten, sondern Beziehungen. Bezahlt werde ich leider nicht. Nitta

andera hat gesagt…

@ Nitta, mit Geld wohl nicht aber mit Lächeln und Freude, ist keine Bezahlung ich weiss, aber Wirkung.