08.08.2010

Integration (2). Abgründe und Schatten in der deutschen Leitkultur

Das Empfinden, dass man nicht in Deutschland, Russland, Afghanistan, Japan oder Bolivien geboren worden ist, sondern auf einem Planeten namens Erde, irgendwo und irgendwann, könnte man mit den Worten Rudolf Steiners als „michaelisch“ bezeichnen. Den Erzengel Michael, der unterwegs ist um zu einer höheren Stufe in den göttlichen Hierarchien aufzusteigen, zu den Archai, könnte man auch den Begleiter der Mondialisierung nennen. In seiner Welt gibt es keine Völker und Nationalitäten mehr, nur noch Individuen, die sich im Spiegel der ganzen Menschheit sehen wollen.

Den Spiegel findet man überall. Man braucht nicht in die Ferne zu reisen, um dem Fremden zu begegnen. In jeder Großstadt ist die ganze Welt vertreten. In meinem kleinen Viertel in Köln, in Anlehnung an Paris liebevoll „Kwartier Latäng“ genannt, trifft man Menschen aus Iran, dem Irak, Ägypten, Polen, Rumänien, der Türkei, Italien, Thailand, Argentinien, Peru und natürlich aus Holland... Mondialisierung heißt, dass die ganze Menschheit an jedem Fleck der Erde kulturell vertreten sein möchte.

Was ist das für eine Tätigkeit, in den Spiegel der Menschheit zu schauen? Integration beinhaltet weitaus mehr, als sich an die Werte und Gepflogenheiten einer dominanten Kultur – man spricht wohl von Leitkultur – anzupassen. Das Lernen einer Sprache, in Deutschland Deutsch, in Frankreich Französisch, in Amerika Englisch, ist eine notwendige Voraussetzung für eine Annäherung an die jeweilige Leitkultur. Deutsch als Fremdsprache zu sprechen und zu schreiben ist allerdings mehr als eine rein sprachliche Angelegenheit – es bedeutet ein Eintauchen in eine bestimmte Art und Weise auf das Leben und die Welt zu schauen.

Die deutsche Leitkultur spiegelt ein paar große Aspekte des Mensch-Seins. Ich bin nicht im Stande die Sichtweisen dieser Kultur adäquat zu beschreiben, dazu braucht man Erkenntnisse, die ich nicht habe. Was mir allerdings immer wieder an der deutschen Leitkultur auffällt, ist erstens eine intime Beziehung zu Begriffen. In Deutschland, wesentlich stärker als in Spanien oder England, werden Begriffe bis zu Ende gedacht. Zu den Deutschen scheinen mir die Neigung und die Fähigkeit zu gehören, Gedanken klar zu formulieren und von der Sphäre des Traumhaften zu befreien. Begriffe müssen „genau“ sein, fast „juristisch“ abgeklärt. Die eher intuitive Art und Weise auf Gedanken hinzuweisen, wie die Engländer das machen („Well, you know what I mean, don´t you?“), ist für manche Deutsche unerträglich.

Zweitens fällt mir immer wieder auf, dass die Deutschen – anders als zum Beispiel die Franzosen –Begriffe nicht als persönliche Schöpfungen verstehen. In der deutschen Leitkultur haben Ideen eigentlich keinen Autor und werden auch nicht als Schmuckstücke verstanden, mit denen man die eigene Persönlichkeit ziert. Begriffe sind quasi objektive Gegebenheiten, die frei im Raum schweben und nicht an Personen gebunden sind. Ich habe öfters bemerkt, dass dies für manche Deutsche so selbstverständlich ist, dass sie nicht einmal verstehen, was ich hier meine.

Drittens umfasst die deutsche Leitkultur einerseits die höchsten Ideale (Friedrich Schiller ist diesbezüglich das große Vorbild), andererseits die Banalität des Bösen (Hannah Arendt). Nicht, dass die Deutschen die enorme Spannweite auch immer denken könnten, nein, ich würde sagen: in gewissem Sinne gerade noch immer nicht, aber FÜHLEN können sie sie allerdings. Mit diesem Fühlen geht ein Ernst einher, der auf einer Ehrfurcht vor den Höhen und Tiefen („Stirb' und Werde“) des Lebens beruht. Manchmal wirkt der Ernst wie eine unterschwellige Schwere, die nicht locker lässt.

Integration fängt mit Begegnung an, und zwar mit einer, die von mir aus gewollt wird. Erst wenn ich bereit bin, mich im Antlitz des anderen Menschen zu ändern, oder vielleicht besser gesagt: zu vervollständigen, findet Integration statt. Die Sache ist nicht nur, dass ich mich in eine fremde Kultur integriere, sondern vor allem auch, dass ich dem Fremden in mir einen Platz gebe. Letztendlich findet Integration in mir statt. Diesbezüglich scheint es mir allerdings so zu sein, dass der oben erwähnte Ernst der Deutschen manchen Fremdlingen richtig Schwierigkeiten bereitet.

Türken, Perser, Latinos, ja, auch die Holländer, ärgern sich manchmal an der – als peinlich erlebten – pünktlichen Genauigkeit der Deutschen. Und sie können manchmal die unterschwellige Schwere nicht nachvollziehen, das Misstrauen, die Distanz... Sie klagen zum Beispiel darüber, dass die Reisenden in den deutschen Zügen kaum mit einander plaudern: jeder verbirgt sich hinter seinem Laptop oder seiner Zeitung. Solange man allerdings als Fremdling vor dem Schatten des Ernstes stehen bleibt und sich nicht auf das Wesentliche einlässt, wird man nicht nur ausgeladen, sondern man lädt sich auch selber aus.

Es scheint mir schon zu stimmen, dass die Deutschen sich seit dem Holocaust selber nicht mehr verstehen. Aber sie fühlen umso mehr. Im Lichte der Integration ist ein ganz bestimmter Gedanke entscheidend, nämlich dieser: der Ernst der Deutschen, inklusive ihrer Schatten, betrifft eine Angelegenheit, die alle Menschen auf dem Planeten namens Erde angehen: die Empfindung, dass das Leben Abgründe kennt. Sich in die deutsche Leitkultur hinein zu begeben, bedeutet auch, sich auf diese Abgründe einzulassen. Um es mit Rudolf Steiner zu sagen: in einer michaelischen Kultur schaut man dem Drachen, der aus dem Abgrund aufsteigt, voll bewusst in die Augen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich habe fast mein ganzes Leben Französisch und English gesprochen. Heute arbeite ich mit Deutschen und finde es ein Genuss : suchen bis man den richtigen Satz hat, der Satz der genau das sagt was man sagen will !

Diese Erfahrungen mit Sprachen hat mich folgendes gebracht : Auf Deutsch kann man schwer lügen, auf English spielt man „Well, you know what I mean, don't you?“ und auf Französisch ist das lügen kein Thema. Politiker haben eine Kunst davon gemacht !

Vielleicht ist das Wort lügen nicht den richtigen Wort, aber es wird bestimmt eine Deutsche Seele mich helfen das richtig auszudrücken.

Thanks Jelle van der Meulen for helping me make steps towards understanding the German soul.
Josiane

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

ERZENGEL MICHAEL

Michaels Flammenschwert
Michaels Flammenharnisch
Michaels Flammendes Ich

halten stand
sind licht
bringen Licht

der Weltenfinsternis.

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Schon vor Wochen wollte ich Ihnen danken, Ihr Antlitz sehen zu können, es macht es leichter, Sie zu verstehen, fast entsteht "nur" durch das Bild bereits eine intime Beziehung.

Ihr Satz: " Mit diesem Fühlen geht ein Ernst einher, der auf einer Ehrfurcht vor den Höhen und Tiefen („Stirb' und Werde“) des Lebens beruht. Manchmal wirkt der Ernst wie eine unterschwellige Schwere, die nicht locker lässt." passt so ganz auf meine innere Stimmung in diesen Tagen und es kommt mir vor, als will das "Deutsche" sich selbst überwinden, um sein Ziel zu erreichen, vielleicht im Positiven Sinne die "Volksseele" auflösen, in die Welt hinein, da ja das Schwere Erbe Steiners, seine Prophetie hierzu sich irgendwie bewahrheiten will, bereits in den Tatenfolgen mancher Politiker.

Danke für die Inspirationen, die sich durch Besuche Ihrer website ergaben. Ernst Seler

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

einfach danke für deine Gedanken.
Dass die deutsche Sprache eine andere Sprache ist als die holländische, wurde mir klar, wenn ich mal spontan zu eine Nachbarin sagte: Ich liebe dich.
Einfach weil wir es in dem Moment schön mit einander hatten. Sie lebt in Holland, ist aber in der nähe von München geboren.
Da sagte sie: Sag das nicht zu oft, weil das hat eine Wirkung.
In Deutschland hat die Sprache eine Wirkung!

Ich hab mal geschrieben:
„Es gibt genau so viele Momente in der Ewigkeit, als dass es Ewigkeit gibt in einem Moment, darum kann ich dich in diesem einen Moment ewig lieben.“
In Deutschland gibt es das nicht. Wenn man zu jemand sagt: Ich liebe dich. Ist das schnell für immer gedacht.

Dass Wörter Wirkungen haben merkt man sehr stark wenn man in Deutschland, zum Beispiel, einen Verein gegründet hat. Einen Verein ist gesetzlich verankert. An sich sagt das nichts. Aber, wenn man versucht außerhalb der Grenzen des Vereins, im Verein etwas anzufangen, dann geht das nicht. Das Wort, der Begriff „Verein“ hat seine Wirkung. Es ist als ob das Wort nicht zulässt, dass man etwas anders daraus macht. Dann muss man eben eine andere Gemeinschaftsform suchen.

Typisch finde ich auch, dass die deutsche Politiker, wenn sie Änderungen wollen, immer um neue Gesetze fragen. Keine praktische Lösung, nein, ein neues Gesetz.
Wenn das Wort Gesetz geworden ist hat es eine Wirkung.

Das klingt alles ein bisschen schwer, aber es hat auch einen Vorteil:
Man kann, weil Wörter Wirkungen haben, sehr schön mit der deutsche Sprache spielen.
Neue Wortschöpfungen sind auch wirklich Schöpfungen.

Das mit der Integration finde ich schwierig.
Weil es mit Ängste zu tun hat.
Ängste die scheinbar einen eigenen Willen haben.
Ängste, die gegenüber Ängste stehen.
Vielleicht muss man mal gut gucken was das mit diesen Ängsten ist.
Einerseits hat das Fremde etwas faszinierendes, anderseits macht es Angst.

Christentum und Islam sind Religionen die von der Allmacht Gottes ausgehen. Schwierig wird es wenn Individuen oder Gruppen von Menschen anfangen sich als Vertreter dieser Allmacht zu benehmen. Das Christentum hat da eine lange Geschichte, der Islam auch.

Macht lässt sich am besten herstellen und verteidigen mit Angst.
Wenn es um die Integration geht wird oft über die Angst die Eigenheit zu verlieren gesprochen.
Die Meisten von uns haben wenig Eigenheit.
Wer wenig Eigenheit hat, hat am meisten Angst sie zu verlieren.
Wer viel Eigenheit hat weiß, dass er sie nicht verlieren kann.
Vielen von uns haben eine Scheineigenheit. Ich schließ mich selber nicht davon aus.
(Diesbezüglich las ich letztlich einen schönen Satz:
Wann haben sie das letzte Mal etwas Neues gedacht?)

Dann gibt es die Menschen, die authentisch sind. Bei der sehe ich dass ihre Authentizität in den meisten Fälle gegründet ist in der Familie, in der Gemeinschaft, in der Region, im Land in dem sie aufgewachsen sind.

Vor ein paar Wochen habe ich hier geschrieben über Post-Authentizität.
Vielleicht meine ich da eine Authentizität, vorbei der Familie, der Gemeinschaft, usw.
Authentisch zu sein ist wichtig, wenn man zum Beispiel Künstler ist. Es ist aber auch sehr anstrengend authentisch sein zu wollen.
Ich will es nicht mehr und damit bin ich vielleicht etwas authentischer geworden. Diese Dinge sind ja nicht so einfach.
Ich realisier mich, dass ich noch lange nicht post-authentisch bin. Bin nur auf der Suche. Vielleicht auch nur aus Unzufriedenheit über was ich bis jetzt geworden bin, oder aus dem Gefühl, dass es so nicht mehr geht.

Herzliche Grüße,
Huub