04.06.2010

Samuel spricht heute zu Sammy. Über Löcher in der Stadt

Lieber Sammy, du meinst also, es sei wahr: als du noch oben warst, hast du auf einmal deine Eltern nicht mehr sehen können, weil sie verschwunden waren und ein Loch hinterlassen haben? Du hast noch eine Spur gesehen, wenn ich es richtig verstanden habe, von Westen nach Osten, irgendwo dahin, wo die Wälder groß und die Dörfer klein und die Menschen träge sind? Habe ich es so richtig verstanden?

Du meinst: Ja. Das heißt: Du hebst dein Haupt und öffnest deine Augen, als ob du eine Wahrheit hörst, die zu dir gehört, die dein Wesen unerwartet beleuchtet, unerwartet einen Platz in einer Geschichte gibt, die auch den Fremden und Ignoranten bekannt ist. Stehst du noch immer da, im Wohnzimmer deiner Familie, die nicht zu dir gehört, sondern ohne eine Ahnung davon zu haben, als Ersatz ausgewählt worden ist? Kannst du noch immer nicht weiter?

Du neigst deinen Blick. Lieber Sammy, ich habe mir Gedanken gemacht. Aus meiner Stadt sind damals Tausende von Menschen abgeführt worden, ostwärts, dorthin, wohin die Gleise führen, bis ins Unermessliche hinein. Ich habe mittlerweile ein Gespür für die hinterlassenen Löcher bekommen, eine Ahnung von leeren Stellen und nicht gelebten Biographien, von abgebrochenen Beziehungen und verlorenen Zukünften. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Löcher zu mir sprächen.

Die Löcher sprechen umgekehrt. Die Löcher sprechen nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen. Sie saugen die richtigen Worte aus meiner Seele in sich auf, als ob sie mich sprechen lassen, weil sie es nicht können. So ist das mit den Löchern in meiner Stadt: ihrer Kerne sind verloren gegangen, haben sich über die Gleise von der Stadt entfernt, bis in eine Weite, die keine realen räumlichen Koordinaten mehr hat, nur noch Geschichte genannt wird.

Die Bedeutungen der Löcher können nur von Passanten erlebt und anerkannt werden. Ohne die Aufmerksamkeit der Städter existieren die Löcher nicht einmal als Loch. Wer schaut aber auf Löcher? Wer versucht zu sehen, was es alles nicht mehr gibt, obwohl das alles natürlich noch immer da ist, sehr bedürftig und schwer von Ereignissen, die sich selber nie erreichen konnten, nie ereignet haben? Und wer schaut dabei auf die Worte, die aus der eigenen Seele aufsteigen?

Ich schaue auf Löcher. Ich höre auf Worte. Und Sammy, ich tue das für dich und für mich. Und weißt du, was ich gemerkt habe? Ich habe festgestellt, dass die Löcher die Menschen, ohne dass sie es merken, traurig machen. Auch wenn die Blicke dumpf über die leeren Stellen schweifen und gar nichts sehen, merken die Einwohner meiner Stadt, dass etwas fehlt. Etwas ist nicht da, was hätte da sein müssen. Die Traurigkeit ist wie ein Hauch, der für einen Moment die Menschen nachdenklich stimmt, dann aber dazu führt, dass Witze erzählt werden.

Die Menschen in meiner Stadt lieben es zu lachen. Lieber Sammy, könnte es sein, dass ich mir in dieser Stadt ein Loch ausgesucht habe, eine Wohnung und einen Garten, voll mit Rosen und Pfefferminz und Calendula und Rittersporn – ein Loch, das dein Loch ist? Kann es sein, dass die leere Stelle deiner Eltern, die über die Gleise verschwunden sind, mich angezogen hat, um meine Worte zu hören? Um wieder von Leben erfüllt zu sein, von Gegenwart und Ereignissen? Kann es sein, dass dieser kleine Ort, direkt neben den Gleisen – alle zehn Minuten fährt ein Zug vorbei – darauf wartet, dass du doch noch hier geboren wirst? In mir?

Lieber Sammy, ich bitte dich um Verzeihung. Ich weiß, dass Hoffnung schmerzhaft sein kann. Ich kann es aber nicht mehr ertragen, dass du immer noch in diesem Wohnzimmer stehst, fern von hier, fern von mir, fern von deinem Loch. Mir tun dein gesenkter Blick und dein Schweigen weh. Vielleicht sagst Du einfach: hör mal Samuel, ich komme! Ich verspreche es dir! Die Stadt, die Wohnung und der Garten würden sich freuen. Und ich sowieso.

Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

THESE

I

Die Kehre
der Metamorphose
des materiellen Alls ist
da, wo das
Universum
sich selbst gebiert:
dunkelgrau
oder feurig
ist der Weg,
umgeben von
Lichtgeschossen
und Gesteinsbrocken,
endend in einem
nimmerendenden
allesvertilgenden
ewigen
Loch.

II

Herkulische Kräfte
benötigt der Neuanfang,
trotz Kälte und Eis
strikt
sonnenwärts
gerichtet, -
dahin, wo das
Ewige sich ewig
selbst gebiert
und bleibend treibt.

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Sehr schön...

Anonym hat gesagt…

An Michael Heinen-Anders: Sind Sie sicher dass Sie ein Kommentar zu Jelles Blog schreiben?Oft scheint es mir nicht der Fall zu sein, und es ist irritierend...

Anonym hat gesagt…

Danke für die

Verführung
Verblendung
Vertiefung
Versöhnung

Anonym hat gesagt…

Kannst du mehr erzählen,
von den hinterlassenen Löchern, deiner Ahnung von leeren Stellen
und
nicht gelebten Biographien,
von abgebrochenen Beziehungen
und
verlorenen Zukünften?

Dein Text wird von einer weiten Traurigkeit getragen, die sanft und golden und hoffnungslos glänzt.

Schön.
Und schrecklich.

Danke. Ch.

Anonym hat gesagt…

Samt ohne Seide

Wenn Wörter Wirklichkeit wären,
würde die Sprache dich
insgesamt
mit Samt bürsten.
Du würdest lesen
wie ein Wort
dich im Wesen berührt.
Du würdest fühlen
wie Kuß
die Lippen kürt.
Du würdest spüren
wie streicheln
die Haut verführt
und wie Sinnerfüllt
zur rechten Stund
auf Daunen geklebt
einen Hauch
vom Mund
im Himmel schwebt.

24. Januar 2010

Huub

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Irgendwie ging es doch bei Jelle um Löcher in der Stadt. Gemeint waren wohl nicht Löcher im Straßenbelag, sondern gewissermassen 'innerliche' Löcher.

Was spricht dagegen, sich dabei mit Löchern im All zu befassen, schließlich heißt es in der Esoterik: Wie oben, so unten...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Ch., ich würde den Text nicht als "hoffnungslos" beschreiben. Mir scheint es eher so zu sein, dass die "Schmerzen" eine Sehnsucht wecken, die gerade die Kräfte der Hoffnung erzeugt. Ich fühle mich an dieser Stelle mit Novalis verwandt. Goethe übrigens konnte Novalis nicht ertragen, weil in seinen Gedichten "zuviel Blut und Tränen" waren.

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

mein "hoffnungslos" ist gar nicht so traurig oder deprimierend gemeint, wie es vielleicht klingt.

"Hoffnungslos" bedeutet Gegenwart. Dein Text sucht keine Zukunft, er ist nicht auf etwas ausgerichtet, was vielleicht noch kommt - oder eben kommen möge.

Nein, er erzählt von der Gegenwart, vom Dasein im Hier und Jetzt - ohne etwas zu erwarten oder sogar zu fordern.

Es ist wie bei den Tränen und dem Bluten. Das gibt es auch nur im Jetzt - man kann nicht im voraus oder im nachhinein weinen oder bluten... Das sind Ereignisse in der Gegenwart.

Wenn also ein Text "hoffnungslos" ist, dann präsentiert er sich verletzlich - weil er nicht pokert.

Hoffnungslos sein heißt Dasein - ohne Masken und doppelten Boden.

Verstehst du, wie ich das meine?
Ch.

Anonym hat gesagt…

Wofür bittet Samuel Sammy um Verzeihung?

Gruß!

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Ch., ja, verstehe, danke! Herzlich...

Liebe(r) Anonym, ich meine: Samuel bittet Sammy um Verzeihung, weil er Hoffnung bringt, aber weißt: Hoffnung kann auch Schmerz bringen. Herzlich...

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

...Hoffnung kann auch Schmerz bringen...


...

Flucht in die Sonne.

Geborgen das Leben.

Geöffnete Tore erfüllen
mit Wonne.

Hinein, schnell hinein
Verborgen dem Sturm,
Abseits des Regens
Aller üblichen Wege
Fern der Heimat,
Doch nahe der Zukunft.

Schreie dringen nicht durch
dicke, dichtgefügte Mauern.

(Michael Heinen-Anders)