15.09.2009

Wahrheit und Dichtung in der Biographie. Über Penner und Kapitäne

Im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln sprach Henning Köhler letztes Wochenende über Aggressionen bei Kindern. Wir waren mit etwa fünfzig Leuten zusammen & hörten zu & mischten uns ein. (Warum ich Henning Köhler als Lehrer bewundere, habe ich schon einmal in einem Blog beschrieben. Er schafft es immer, die Philosophen in seinen Zuhörern wachzurufen, das heißt: er vermittelt nicht nur bestimmte Inhalte, sondern er weckt auf.)

Im Fluss seiner Ausführungen tauchte auf einmal ein Thema auf, dass mich schon länger beschäftigt. Henning Köhler erzählte von einem Jugendlichen, der seinen Vater gar nicht kannte & doch seinen Freunden immer wieder fröhlich mitteilte, dass dieser „Seekapitän“ sei & mit seinem Schiff über die Ozeane führe. Als eines Tages ein Treffen zwischen dem Vater & dem Jungen organisiert wurde, entpuppte der herumreisende Seekapitän sich lediglich als Penner.

Die beiden machten einen langen Spaziergang & sprachen miteinander. Als sie zurückkehrten, war der Junge glücklich. Der Vater verschwand wieder für immer & der Jugendliche sprach weiterhin fröhlich davon, dass sein Vater ein Seekapitän sei, der mit seinem Schiff über die Ozeane führe. Aus irgendeinem Grund schien er einen Penner als Vater nicht zu brauchen.

Der Vater war also gar kein Kapitän. Oder war er irgendwie doch ein Kapitän? Wenn es um die Tatsachen unserer Biographie geht, benehmen wir uns wie moderne Menschen, die meinen zu verstehen was Geschichte heißt. Wir verhalten uns nicht nur wie private Historiker, sondern gleichzeitig auch wie Quellen. Wenn ich sage, dass ich bei Arnhem geboren bin, wird mir das abgenommen – ich meine: niemand wird meine Aussage in Frage stellen.

Die Aussage, dass ich bei Arnhem geboren bin, beinhaltet aber eine interessante Spannung. Am liebsten sage ich eigentlich, dass ich in Gelderland geboren bin; und das stimmt durchaus auch, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich bin nämlich in Doesburg geboren, einer Kleinstadt nicht weit von Arnhem, die in der niederländischen Provinz Gelderland liegt. Weil ich Doesburg ein-kleines-bisschen-eigentlich-nicht-so-sehr mag, Arnhem aber schon viel mehr & Gelderland so richtig liebe, bekenne ich mich gerne zu dieser Provinz.

Doesburg fühlt sich irgendwie wie ein dunkles Loch an, wo ich unbemerkt heraus gekrochen bin. Wenn ich aber an Gelderland denke, zeigt sich sofort eine sonnige Fülle: der Veluwe mit seinen endlosen Wäldern & Legenden & strahlend-offenen Sandhügeln, der Betuwe zwischen den Großmächten Rhein & Waal & Maas, der Achterhoek als „Hinter-Ecke“ - dort findet man uralte schlafende Dörfer, die sich nicht von weltlichen Ereignissen beeinflussen lassen.

Gelderland ist mein Kapitän & Doesburg mein Penner. Nun könnte-müsste-dürfte man an dieser Stelle die Frage stellen, ob ich nicht eigentlich die Neigung habe, meine Vergangenheit ein kleines bisschen zu verleugnen. Die Antwort lautet natürlich: „Ja“. Dieses „Ja“ heißt aber nicht, dass ich nicht sagen dürfte: ich bin „bei Arnhem“ oder eben „in Gelderland“ geboren. Die Gesetze, die für Reisepässe gelten, sind nicht unbedingt auch für Biographien zuständig. Und ich verstehe das auch: wenn ein Beamter mich fragt, wo ich geboren bin, sage ich einfach: „Doesburg“ (und sofort füge ich hinzu: „Nein, nicht Duisburg! D-O-E-S-B-U-R-G, das gibt’s ja auch, liegt allerdings in den Niederlanden!“)

Wir komponieren unser Leben nicht nur nach vorne in die Zukunft hinein, sondern auch rückwirkend bis in unsere Vergangenheit. Ständig sind wir damit beschäftigt, das was gewesen ist, neu zu benennen & eben neu zu gestalten. Man könnte diese konstruierende Tätigkeit auch ein Umlügen nennen – ein schönes Wort, womit die Sache sofort auf einen Punkt gebracht wird.

Wenn der Jugendliche behauptet, sein Vater wäre ein Seekapitän, lügt er dann? Auf der historischen & juristischen Ebene natürlich: „Ja“. Auf der legendarischen & poetischen Ebene aber: „Nein“. Die Frage an dieser Stelle kann nur sein: was macht seinen Vater-der-Penner zu einem Kapitän?

Was ist ein Penner? Ich weiß es immer noch nicht so genau. Mir scheinen Penner aber Menschen zu sein, die auf irgendeine Art & Weise sehr intensiv mit etwas ganz Bestimmtem beschäftigt sind. Wenn ich einen Penner sehe, denke ich immer: Herr, was ist deine Mission? Er wendet sich ab von mir & von allen & von allem & scheint sich auf gar nichts einzulassen. Innerlich aber scheint er sich auf unbekannte & ungreifbare & konfuse Koordinaten zu konzentrieren. Penner sind seelisch unterwegs. Sie machen Reisen, die ich nicht kenne & nicht verstehe – ja, irgendwie sind sie schon Seekapitäne.

(Und ach ja, natürlich, John. F. Kennedy damals: „Ich bin ein Berliner!“)

Kommentare:

Foersterliesel hat gesagt…

wie schön sich das liest!
hoffentlich kommt keiner und will den Buben "mit der Realität konfrontieren" und dabei nur beschämen und in seinem Werden stören und verletzen, er wächst innerlich an einem Kapitän heran, wie gut, daß er imstande ist das zu verteidigen!

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

In der Literatur ist es meist einfacher Dichtung und Wahrheit miteinander zu versöhnen - einfacher jedenfalls als in der nichtliterarischen Welt.

Auch krasse Überzeichnungen werden als dass erkannt, was sie sind, nämlich Chiffren für das unmöglich Mögliche. Natürlich besteht hier
schon auf den ersten Blick die literarisch angelegte "Spannung" aus einem Paradox. Aber nicht selten sagen 'Märchen' und Legenden viel mehr über die 'wahre' Seelenbewegung
aus, als die nackte und unverstellte äußere Realität.

An einem (eher surrealen) Beispiel will ich das deutlich machen:

Märchen

An einem Dienstag klingelte bei mir das Telefon; es war Beethoven, wie verrückt, der spielte die
7. Symphonie, da legte ich den Hörer aus der Hand
und lud die Musiker zum 5-Uhr-Tee.
Draußen glitzerte etwas vor dem Fenster; als ich heraussah,
regnete es Goldstaub vom Himmel. Als ich das Fenster
schloss, sprang die Sonne lachend im Zimmer umher, als spiele
sie fangen. Die Lichter zuckten bei jeder Berührung.
Als ich ins Bad ging, floss Honigschleim in die Wanne,
obwohl der Wasserhahn abgestellt war; im Spiegel lief Kinoprogramm.
Auf dem Flur stolperte ich über eine Reihe unbekannter
Apfelsinen, die sich wohl zufällig hierher verirrt hatten;
ich zeigte ihnen den Weg nach draußen.
Dann läutete wieder das Telefon, ich erwachte; es war niemand am Apparat.

(Michael Heinen-Anders)

Ruthild Soltau hat gesagt…

Im Kinderhaus Kahlgrachtmühle leben mehrere Kinder, die ihre Väter nie kenengelernt haben, andere Kinder haben ihren Vater zwar kennengelernt, aber wissen, dass ihre Mutter in der Beziehung mit dem Vater nicht glücklich war. Fast alle Väter sind umgeben von einem Geheimnis, ein etwas dunkles Geheimnis zwar, aber doch ein Geheimnis. Und die Kinder bringen uns, die wir ihr Leben begleiten, die Bitte, ja Forderung entgegen: Achtet meine Herkunft!! - nicht ausgesprochen, aber ganz deutlich fühlbar. Alle Kinder brauchen notwendig für ihre Entwicklung eine Athmosphäre der Achtung vor ihrer Biographie. Nur dann können sie in ihren Träumen die Helden gestalten, von denen sie abstammen und schließlich offen werden für Autoritäten. die sie anerkennen und zu denen sie aufblicken wollen.

Herzliche Grüße
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Ohne Lügen läuft ja gar nichts! Oder? "Nitta" aus Berlin

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Was ist der Unterschied zwischen "Lügen" und "Dichtung"? Könnte jemand mir das erklären? Jelle van der Meulen

Ruthild Soltau hat gesagt…

Ich nehme einen Unterschied wahr, den ich aber nur ganz persönlich beschreiben kann.
Ich weiß noch genau, wie es war, als ich das erste Mal gelogen habe. Ich war ungefähr 7 Jahre alt, vielleicht auch erst 6. Weswegen ich gelogen habe, was der äußere Anlass war, habe ich vergessen. Lebhaft in Erinnerung sind die Gefühle, die ich dabei hatte.Ich log, irgendwie spontan, weil ich das Gefühl hatte, meine Mutter traurig zu machen, ja, ihre Liebe zu verlieren. Aber durch die Lüge trat gerade das ein: ich fühlte mich getrennt, es kam etwas Dunkles in meine Seele, was vorher nicht da war. Und es erwachte eine Bewusstheit, die vorher nicht da war. Ich weiß noch, dass ich mir selbst sagte: Du bist jetzt anders, es wird nie wieder sein wie früher! Es war ein richtig schweres inneres Erlebnis für mich.

Wenn ich Dichtung erlebe (ich kann nur sprechen von Dichtung, die mich berührt)erlebe ich Licht, inneres Licht, das von der Sprache ausgeht.

Wenn Du, Jelle, über die "Lüge" des Kindes in dem Text sprichst, fühle ich mich erinnert an das Johannesevangelium: Das Licht scheint in der Finsternis: die Verwandlungskraft des Wortes!

Herzlich
Ruthild

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Dichtung und Wahrheit gehören zusammen. Ohne Wahrheiten – keine Dichtungen. Aber, ohne Dichtung auch keine Wahrheit. Ob sie voneinander abweichen, wie weit sie voneinander abweichen, was ihnen gemeinsam ist und inwiefern sie sich brauchen, hängt von der Perspektive ab. Vom Blickwinkel. Aber auch die Lüge hat Platz in der Dichtung. Dichtung ist groß.

Dichtung besteht – je nach Blickwinkel – aus „realen“ Wahrheiten sowie Lügen und hat das Potential für etwas Neues. Eigene - poetische - Wirklichkeiten entstehen. Lügen sind dabei die „Unmöglichkeiten“ und Wahrheiten die „Möglichkeiten“. Genauso könnte man es aber auch umdrehen. Es kommt auf den Perspektive an, den man einnimmt, um Dinge zu bewerten. Bezeichnet jemand Dichtungen als Lügen – weil sich das, was zum Beispiel in einer poetischen Erzählung als Realität dargestellt wird, nicht so ohne weiteres „real“ wiederfinden lässt?

Die Dichtung hat die Möglichkeit, menschliche Lügen einzubetten – erfahrbar, nachvollziehbar zu machen. Aber die Dichtung kann mit Wahrheit genauso umgehen, sie kann sie schön, groß und strahlend darstellen, oder auch dunkel, unmoralisch oder dreckig.

Eine Lüge ist immer in einen konkreten und meist sehr speziellen Kontext eingebunden. Und oft kann man die Lüge auch nur aus einer Richtung als eine Lüge bezeichnen. Mit Wahrheiten ist das anders – sie sind groß, weit, und oft unspezifisch. Wahrheiten bieten den Boden für Dichtungen.

Dichtungen sind keine Lügen.
Herzlich!

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Und was mit Nietzsche: "Wer nicht lügen kann, weiss nicht was Wahrheit ist"? (In: Also sprach Zarathustra)

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Oh ja, diese Aussage gibt es auch. Aber sie bezieht sich auf einen anderen Bereich, nämlich, das eigene Gewissen.

Der einzelne Mensch sollte natürlich schon zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können - das hat mit einem inneren Wahrheitsgefühl, mit Moral, mit Bewusstsein - schlicht, dem Gewissen zu tun.

Aber nichts mit Dichtung - oder?

Ein Dichter kann nur derjenige sein, der die Lüge sowohl als auch die Wahrheit kennt.

Herzlich!

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Lebensweltliche Dichtung ist oft 'wahrer' als die Wahrheit, das scheint mir im Falle des Penner /
Kapitäns auch so zu sein.

Auch Goethe hat sich mit dem Thema "Dichtung und Wahrheit" breit befasst.

Ich denke insbesondere die Literatur kommt ohne die Er-Dichtung bzw. Hinzu-Dichtung nicht aus. Nur so lassen sich gigantische Epen füllen (ich denke da z.B. an 'Gilgamesch' von Raoul Schrott), aber auch die Lyrik ist ohne
Dichtung nahezu undenkbar (von der rein visuellen Poesie, wie z.B. bei Christian Morgenstern in "Fisches Nachtgesang" einmal ganz abgesehen).

Somit genießt auch die lebensweltlich-biographische 'Dichtung' (vulgo: Lüge) einen gewissen Rabatt.

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Der Begriff "Dichtung" (siehe auch Ge-dicht!), etwas verdichten, dicht machen, verweist auf einen Fixpunkt. Einen Knotenpunkt.

Dichtung scheint mir weitaus beständiger zu sein, als "echte Lebenstatsachen", denn was Bestand hat, ist die jeweilige Bedeutung.

Wüßten wir etwas von Odysseus, wenn es Homer mit seiner Dichtung nicht gegeben hätte?

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Liebe Sophie Pannitschka,

der Dichter stellt ein Phänomen mit literarischen (z.B. epischen, dramatischen, lyrischen oder prosaischen) Mitteln dar. Mit seiner Er-Dichtung, fokussiert er lebensweltliche und / oder übersinnliche Erfahrung (auch anderer Personen) hin auf eine bestimmte Be-Deutung. Er nutzt also, wie Du richtig sagst, das Mittel der Verdichtung, so z.B. in:

Licht am Morgen

Der Anker lag auf tiefem Grund. Die See war ruhig und nur gelegentlich klatschte eine Welle an die Bordwand.
Matrose Hagen versah seinen Dienst wie sonst auch, nur heute
war irgend etwas anders als sonst.
Nicht die Wellen, nicht die Reibung des Windes war es, was auffiel, nein es war ein Leuchten am Horizont mitten auf hoher See. Und obwohl das Schiff geankert hatte, kam das Leuchten immer näher.
Matrose Hagen dachte zuerst an eine Fata Morgana – doch die Gestalt, die am Horizont sichtbar wurde, glich dem Christus, wie man ihn aus Kirchengemälden und Skulpturen kennt. Segnend strich die leuchtende Gestalt über die Wellen. Und es wurde im Morgendämmern so hell, wie sonst zur Mittagszeit.
Plötzlich erhob sich die Gestalt über die Wellen, weit nach oben und verlor sich schließlich in den Wolken.
Das ganze geschah gegen Kriegsende 1945.
Noch heute ist sich der Matrose Hagen, mittlerweile ein älterer Rentner geworden, nicht sicher, ob er damals wachte oder träumte.

(Michael Heinen-Anders)

Der biographisch-lebensweltlich unmittelbar Betroffene hingegen
bedient sich einer phänomenologisch deutbaren Metamorphose der Wahrheit. Ob man dies dann im Vollsinne des Wortes 'Lüge' nennen kann, halte ich mindestens für zweifelhaft.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders