21.09.2009

Das schmerzvolle Zusammensein mit den Genauigkeiten des Physischen

Oben in der Arbeiterwohnung, direkt unter dem Dach, hatte mein Großvater seine Werkstatt, die man über eine schmale & wackelige Leiter erreichte. Dort eingeladen zu werden, war ein Privileg; dort eine Stunde zu verweilen, ein Ereignis. Dort nahm mein Großvater Eisen & Kupfer & Zinn & Blei in seine Hände, schaute nachdenklich darauf & machte entschieden etwas daraus. Unter seinen traurigen Augen & in seinen rauen Händen wurden Rohstoffe in die Welt der eindeutigen Bedeutungen erhoben.

Die Werkstatt war klein. An den Wänden hingen Werkzeuge, auf einer Werkbank standen Gasbrenner & Amboss, in einer Ecke gab es Körbe mit Schrauben, Muttern, Stangen, Röhren, Bolzen – alles richtig kleine Sachen. Mein Großvater war auf klein eingerichtet & zwischen den Kleinigkeiten bewegte er sich geschmeidig wie eine Katze. Er verstand sich nicht als ein einfacher Handwerker, sondern eher als ein Erfinder, was sich daran zeigte, dass er immer einen dreiteiligen Anzug trug, auch in der Werkstatt.

Er rauchte ständig Zigarren. Über der Werkbank & den Werkzeugen & den Gegenständen-im-Entstehen schwebten Rauchwolken, die irgendwie unsichtbare höhere Ebenen repräsentierten, so, als ob mein Großvater mit seinen Augen in das rauchige Weben schaute & dort die Gegenstände fand, die er eine Etage tiefer mit seinen Händen konstruierte. Als ich Jahre später den Begriff „Alchemist“ kennen lernte, dachte ich sofort an meinen Großvater.

In seiner Werkstatt war mein Großvater sehr-sehr-sehr bei sich. Er war in seinen Anzug & seine Zigarre & seine Hände & die Gegenstände-im-Entstehen versunken. Auf mich – ich stand klein in einer Ecke & schaute mit angehaltenem Atem zu – achtete er gar nicht mehr; ich fühlte mich eher wie ein Bestandteil einer vergessenen Welt, die er als Umfeld seiner Konzentration unbemerkt erzeugte.

Zwei Jahre war er damit beschäftigt, eine Miniatur-Dampfmaschine zu bauen. Nein, ich weiß noch immer nicht, wie er das schaffte, aber es ist wahr: unter seinen Händen entstanden winzige Röhrchen & winzigen Hähnchen, die er auf einer Kupferplatte befestigte & die sich über elegante Kurven fortsetzten, bis zu einem Fässchen, wo Dampf raus kam. Und irgendwo in der Mitte wurden Rädchen in Bewegung gesetzt. Als die ganze Maschinerie nach sechs Monaten richtig funktionierte, schaute er immer wieder nachdenklich darauf & lächelte.

„Mal schauen“, sagte er einmal, „was du mit deinen Händen machen kannst.“ Er gab mir eine Handvoll zerbrechlicher Röhrchen aus Kupfer und dazu noch winzig kleine Verbindungsstücke, die so klein waren, dass man eigentlich eine Lupe brauchte, um sie richtig zu sehen. Sie lagen vor mir auf einer Holzplatte. „Mach´ mal einen schönen Kreis daraus“, lautete der Auftrag.

Aber ich schwitzte & schwitzte. Ich war hilflos & wusste nicht einmal, wie ich die fast unsichtbaren Gegenstände mit meinen Fingern anfassen sollte. Mir schienen sie unberührbar zu sein. Der Auftrag meines Großvaters brachte mich in einen Bereich, in dem ich nicht zu Hause war & auch nicht zu Hause sein wollte. Und mein Großvater sagte geduldig: „Du vergisst zwei wichtige Sachen: du atmest nicht ruhig & du schaust nicht hin. Du willst etwas tun, bevor du die Dinge wirklich gesehen hast. Deine Hände sind nicht mit deinen Augen verbunden.“

Und so ist es mein ganzes Leben geblieben: mich auf die Genauigkeiten des Physischen einzulassen, tut richtig weh. Physische Präzision erzeugt Schmerzen in meiner Seele. Es ist, als ob dazu eine Verlangsamung & Distanzierung benötigt wird, die sich für mich wie Sterben anfühlt. In dem Zusammensein mit den Genauigkeiten des Physischen scheine ich mich zu verlieren. Dass das offenbar nicht so sein MUSS, hat mir aber mein Großvater gezeigt.

Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Die Physis bereitet manchem eine schiere Last. Was Rudolf Steiner
in "Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit" (GA 130) im Zusammenhang mit der Mission des Buddha auf dem Mars ausführte, war die drohende Trennung der Menschheit in 1. ausschließlich dem mönchischen, geistigen Leben zugewandte und 2. ausschließlich praktische, dem sinnenfälligen Leben zugewandte Menschen. Der eine häte zum anderen nicht mehr finden können, hätte die Mission des Buddha auf dem Mars (im Auftrag von Christian Rosenkreuz) keinen Erfolg gehabt. Somit gibt es heute zwar einerseits sowohl den Typus des 'vergeistigten' Menschen, dem praktische Arbeit fern liegt, als auch den reinen Praktiker, dem alle Theorie und alles 'Geistige' fern liegen - aber es gibt auch die Brückenbauer
(pontifex) welche das eine mit dem anderen vereinen.
Jelles Großvater scheint mir einer dieser Brückenbauer gewesen zu sein.

Ich habe den vergeblichen Versuch einer Flucht aus dem irdischen Jammertal früher einmal so ausgedrückt gehabt:

...

Oftmals siegt das Unverständnis.
Tag für Tag
höhlt der Schmerz
den Körper.
Ohne ihn,
doch auch mit ihm
ist die Flucht unmöglich.
Hellhörige Täler
verhindern den Aufstieg
in die Berge.
Lange noch nachts
gellt der Schrei
in den Ohren.
Es siegt die Erkenntnis
unfähig zu sein.

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Wenn man auf der Wanderung über einen Stein im Weg gestolpert und schmerzhaft hingefallen ist, lernt man schnell, auf den Weg zu achten und nicht wie der "Hans Guck in die Luft" aus dem Struwelpeter durch die Welt zu gehen.Dann wird auch der schwere Weg im Gebirge leicht zu gehen sein. Und auch der Paraglider weiss, dass er wieder landen muss und sich den Hals bricht, wenn er die Gesetze der Thermik und der Schwerkraft ignoriert.
Alter Mann, wie willst Du Himmel und Erde verbinden, wenn Dir die Erde schmerzhaft bleibt, weil Du sie nicht kennst?

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

@anonym

Es ist ein Unterschied, ob ich mich im physischen bloß - mehr oder weniger geschickt - bewege oder ob ich auch ein Praktiker im handwerklichen Sinne bin.

Der Autor Robert M. Pirsig hat übrigens in "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" schon sehr viel früher auf die individuell auftretenden Schwierigkeiten im Umgang mit der Physis, die Jelle hier meint hingewiesen.

Und - um Mißverständnissen vorzubeugen - man muß nicht gleich schwerbehindert sein, um solche handwerklich-praktischen Defizite an sich selbst 'in der Welt der Dinge' zu verspüren.

Anonym hat gesagt…

@ Michael Heinen-Anders
Spätestens wenn Du mit dem Kinn auf dem Kiesel aufgeschlagen bist, weisst Du, was Dir passiert ist. - Jedes kleine Mädchen lernt auch heute noch im Kindergarten und später in der Schule Handarbeiten erst aus Papier und Bast, dann mit der Strickliesel, der Häkelnadel oder dem Strickzeug. Und ebenso schraubt auch jeder normale kleine Junge, auch schon ab dem Kindergartenalter mit seinen diversen Baukästen und übt seine Hände. Warum sonst gäbe es die vielen Baumärkte? Heutzutage ist die Trennung nicht normal und gerade im richtigen Sinn "vergeistigte Menschen" sehen die praktischen Arbeit an "Haus und Hof" als Ausgleich. In den USA z.B. war das schon immer so. Und: mit normaler Ingelligenz lässt sich jede notwendige praktische Anforderung lernen (z.B. über Do-it-yourself-Bücher; Kochbücher oder Handarbeitsanleitungen für die Damen etc. Und auch der PC erfordert eine gewisse manuelle Grundgeschicklichkeit. Das alles ist doch heute selbstverständlich, der "vergeistigte Mensch" dem die Praxis fernliegt und der "reine Prakiker" sind doch heute Fossile aus Ururopas Zeit.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Anonym

Anonymität
schützt den Toren
in einer sich
verändernden
Welt.
Hat er den
NAMEN
auch
scheinbar verloren -
so ist’s
so meint er
dennoch
sicher um
ihn
bestellt.
Hält er auch
starke Reden -
es gilt für ihn
wie jeden in
dieser Welt:
bei der
Endabrechnung
der Argumente
zählt nur der
NAME
der für sich
selbst verständlich
redend
selbstverständlich
steht.

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Heinen,
auch mit Namen kennen Sie mich nicht,genausowenig wie ich Sie kenne. In der Anonymität des Internets bleibt auch ein Name anonym, da ich z.B. keinen Blog betreibe und nur hin und wieder mal kommentiere.
Ich danke jedenfalls für Ihr freundliches Gedicht, das nur von Ihrer eigenen Argumentationslosigkeit zeugt und werde mich also auf diesem Blog, da offensichtlich unerwünscht, nicht mehr zu Wort melden. Warum auch mit fremden Menschen diskutieren? Verlorene und vergeudete Gedanken und Zeit....

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe(r) Anonym, von mir aus sind Sie nicht unerwünscht. Herzlich, Jelle van der Meulen

Ruthild Soltau hat gesagt…

Die Kinder, die im Kinder-und Jugendhaus Kahlgrachtmühle leben, besuchen die verschiedensten Schulen in Aachen. Zur Zeit sind es 7 Schulen (und 1 Kindergarten). Die Waldorfschüler bekommen, wie bekannt, Handarbeits-, Werk-, Gartenbauunterricht... An einer Erziehungshilfeschule wird professioneller Werkunterricht von Handwerksmeistern erteilt. An den übrigen Schulen gibt es fast keinen oder überhaupt keinen Handarbeits- und Werkunterricht. Der Trend (Heimwerkerarbeit), der als Sehnsucht in den Menschen lebt, ist noch gar nicht in den staatlichen Schulordnungen und Schulplänen angekommen.
Herzliche Grüße
Ruthild