07.09.2009

"Der Rhein gehört zu meinem Leben". Über Basel, Köln und Amsterdam

Der Rhein ist ein komplexes System. Bei Schaffhausen & Basel & Freiburg bietet er die Vorstellung von reinem Willen an – dort braust & plätschert & springt sein Wasser. Ab Breisgau fängt er langsam an, sich selbst zu ergreifen & irgendwo hinter Mainz bereitet er sich auf den Zustand des Gleichgewichts vor. Kurz nach der Loreley kriegt der Rhein seine eigene Kurve & kreiert eine Ausgewogenheit, die in Köln vollständig ausgebildet ist. Ab Arnhem gerät der Rhein in die niederländische Diaspora: er wird langsamer & spaltet sich großzügig & verfeinert sich allmählich in tausend stille Fasern & ähnelt damit dem menschlichen Gehirn.

Der Rhein gehört zu meinem Leben. Ich habe seine kräftige Ruhe in Arnhem kennengelernt, der Stadt meiner Jugend. Dort habe ich gesehen, wie er gelassen an den Ruinen des zweiten Weltkrieges vorbei floss, so, als ob es sie nicht gäbe. Und beim Schloss Doorwerth habe ich seine Offenheit gesehen: er fließt da mächtig-aber-still unter dem Himmel um des Himmels Willen. Bei Arnhem scheint der Rhein sich in ein Sinnesorgan zu verwandeln.

Ich bin an seinem schönsten Seitenarm geboren, an der IJssel, bei Doesburg. Dort habe ich gelernt, wie man Hechte & Zander & Brachse fängt. Ich habe das Leben auf den Rheinkähnen beobachtet, diese tiefen Schiffe, die vollgeladen fast unter der Wasseroberfläche verschwinden, ohne zu sinken; die Menschen auf Deck schienen mir immer doppelt unterwegs zu sein: von Arnhem nach Kampen oder umgekehrt & weg von den überschlagenden Wellen an Bord, hin zu den trockenen Kajüten.

Und in den Jahren, in denen ich in Zutphen lebte, habe ich die Sprache des Rheins gehört. So horizontal er sich auch benahm, so vertikal war seine Sprache ausgerichtet. Er hörte immer auf die Wolken & den Himmel & den Wind & die Möwen, die in einem Vierklang sagten: bei uns hier oben bewegt sich etwas, das sich gerne in dir, du schlafender Einwohner von Zutphen, fortbewegen möchte.

Auf dem IJsselmeer, wo sich ein Viertel des Rheinwassers sammelt, bin ich mit kleinen Schiffen gesegelt & habe verstanden, wie man sich mit dem Wind & den Wasserströmen unterhält. Sehen & Hören werden dort eins. Auf dem Binnenmeer bin ich auch dem Wikinger Olof begegnet, der in einen wilden Sturm geraten war & verzweifelt Christus versprach eine Kapelle zu bauen, falls er überleben würde. Er überlebte & stiftete Amsterdam & Amsterdam & die Olofkapelle gibt es noch immer.

In den Grachten von Amsterdam habe ich gesehen, wie das Wasser des Rheins in eine nachdenkliche Stille versetzt wird. Zwanzig Jahre in Amsterdam zu leben, heißt auch: sich bemerkt oder unbemerkt der spiegelnden & verwandelnden Einkehr des Wassers aus Deutschland zu widmen. Vor allem an den herbstlichen Abenden, zwischen fünf und sieben Uhr, schimmert ein Hauch von Gold im ruhenden Wasser – als ob etwas von unten aus der Erde nach oben glüht & sich sichtbar-unsichtbar zeigt.

Rembrandt Harmensz. van Rijn hat dieses goldene Flimmern wohl gesehen; und der große niederländische Dichter Joost van den Vondel – er lebte auch in Amsterdam, wurde aber in Köln geboren – hat es wohl gehört. In seinen Gedichten spricht oft die melancholisch-goldene Abschiedsstimmung des Rheins, die dadurch entsteht, weil die Menschen das Wasser für eine Weile künstlich zurückhalten, bevor es sich in den Atlantik verliert. Joost van den Vondel nahm nur das Leben ernst, das vom Tod berührt war.

Nicht umsonst wird von Amsterdam gesagt: die Stadt ist andauernd im Versinken.

Letzten Endes habe ich in Köln den Rhein als Herz kennen gelernt. Irgendwo zwischen der Loreley und Köln scheint der Rhein in sich selbst aufgehoben zu werden & seine Mitte zu finden. Sein Stauen & Klopfen & Fließen wird kräftig-aber-gehalten, als ob er eigentlich nichts mehr tun muss, um zu sein was er ist: Rhein. Um zu sich zu kommen, braucht er sich nicht impulsiv nach vorne zu drängen oder sich nachdenklich zu erinnern was er mal war.

Kommentare:

Sebastian Gronbach hat gesagt…

RUDOLF STEINER zum VATER RHEIN:

"Was ist denn das, der alte Rhein? Das Wasser, das du da unten fließen siehst, das ist ganz gewiss nicht alt, denn das wird in den nächsten Stunden schon weit unten sein und in ein paar Tagen irgendwo im weiten Meer sein; alt ist es aber ganz sicher nicht.

Und dasjenige, wovon du sprichst, das scheint mir nicht die bloße Ausgrabung und Ausbauung der Erde zu sein zwischen den schweizerischen Bergen und der Nordsee.

Also was ist der Vater Rhein, der alte Rhein, von dem man oftmals spricht?

Substanziell ist da gar nichts, es bleibt nichts Substanzielles übrig, wenn Sie den Begriff Vater Rhein nehmen.

Ebensowenig bleibt in Wahrheit etwas Substanzielles übrig, wenn Sie die eigene Leiblichkeit nehmen. Diese eigene Leiblichkeit ist ein fortgehender Strom:
Zerstörung, Wiedererneuerung der Säfte, Zerstörung, Wiedererneuerung der Säfte.

Da bleibt nichts übrig als die Form, die ein Ergebnis des Geistes ist.


In diese Form ergießt sich immer wiederum hinein dasjenige, was als Substanz erscheint, gießt sich hinein, wird zerstört, gerade just wie das Wasser im Vater Rhein."

(Rudolf Steiner)

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Wer erinnert sich noch daran, dass der Rhein einmal sehr stark verdreckt war (dies hat sich wohl mittlerweile etwas verändert):

DUNKLER RHEIN

Dunkler Rhein
dein garstiger Schein
macht mich grausen
der Umwelt Not
der Fischlein Tod -
menschlicher Sod
verschob schnell
das einst so
vollkommene Lot.

(Michael Heinen-Anders)

Alexander Dill hat gesagt…

Ich wußte gar nicht, daß Amsterdam auch Rhein ist. Letztes Jahr bin ich dort einmal im Monat gewesen, als Berater einer holländischen Fotobuchfirma. Es blieb mir fremd und böse.
Nun bin ich in Basel und schwamm heute wieder im Rhy mit meinem orangenen Sack.
Jelle, bist Du auch schon im Rhein geschwommen:
http://www.anthroposophie-im-alltag.de/leben-im-alltag/2009/die-grossen-gemeinguter-teil-1-schwimme-im-rhy/
Man lässt sich einfach von der Schwarzwaldbrücke bis zur Johannisbrücke treiben, ganz taoistisch. Der Fährmann, Herr Thurneysen, ist der Sohn eines berühmten Baseler Kunsthändlers, der sozusagen der Lao-Tse Basels ist.
Wer ist der Lao-Tse von Köln und Amsterdam? Helge Schneider und Hermann van Veen?