19.02.2011

Meine Freunde, die Ägypter und ich. Alte Fragen in neuen Kleidern

Immer wieder weisen die wunderbaren Fäden des Lebens auf Zusammenhänge hin, die sich schwer erklären und „denken“ lassen. Ich bin manchmal in Bezug auf die fein-feurig-farbigen Flechtwerke zwischen Menschen sprachlos, staune über diese fast leichtsinnig hin und her springenden Funken, die gemeinsamen musikalisch klingenden Lebensmotive und vor allem auch über die so genannten „Aufgaben“, die erst in Begegnungen eine Gestalt bekommen.

Das Leben fügt sich, öffnet Türen, stellt Weichen. Im Moment befinde ich mich in einem gesteigerten Zustand der Sprachlosigkeit. Ich wäre nicht einmal halbwegs im Stande in einem Text zu beschreiben, wie die Schicksalsverbindungen, die Berührungen und Verkettungen, die Referenzen und Analogien sich gerade in den letzten Monaten in meinem Leben zeigen. Das Leben scheint mir im Moment ein Buch zu sein, dessen tausend Seiten sich gleichzeitig im Jetzt lesen lassen. Und ja, die Botschaften sind schwindelerregend.

Alte und fast vergessene – müsste ich sagen: abgehakte? – Verbindungen zu Menschen und Gruppen von Menschen werden auf einmal höchst aktuell. Sie drängen sich nicht auf, sondern erscheinen zögernd-schüchtern in meinem Blickfeld, stellen behutsame Fragen, knüpfen an Vergangenes an, orientieren sich allerdings auf Zukünftiges. Mir scheint es so zu sein, dass die alten und bekannten Themen neue Kleider gefunden haben und sich wieder auf den Boulevard St. Michel wagen.

Und ich brauche sie nur zu begrüßen, was ich allerdings nicht MUSS. Ich kann es auch lassen und mich abwenden, was im Grunde genommen bedeutet: in meiner Stube (Rainer Maria Rilke: „drin du alles weißt“) bleiben. In dieser Stube, die ich erst in den letzten zehn Jahren gebaut und eingerichtet habe, bin ich sehr gerne, weil es dort eine Ruhe zum Reflektieren und die Nähe zur Poesie gibt. In dieser Stube bin ich so richtig bei mir.

Es sind nicht nur alte Freunde, die sich melden, auch neue klopfen an die Tür meiner Stube, sagen etwa: „Hallo, ist jemand da? Habe gehört, dass hier jemand lebt...“ – und ich öffne dann die Tür und staune: Vor mir steht ein Mensch, den ich nicht kenne, dessen Blick mir aber sehr bekannt vorkommt, als ob er vertrauten Sternenstaub zu mir schickt. Nein, ich lasse die Menschen nicht in meine Stube hinein, setze mich aber mit ihnen auf eine Bank in meinem Garten und schaue auf die Schneeglöckchen, die gerade schüchtern anfangen zu blühen.

Und ich höre zu. Und rede. Und merke, dass offenbar etwas ganz Bestimmtes ansteht. Die Freunde scheinen sich im Moment eine bestimmte Frage zu stellen. Und diese Frage ist genau die Frage, die ich in den letzten zehn Jahren in meiner Stube versucht habe zu begreifen. Ich weiß leider nicht, wie diese Frage fest umrissen zu beschreiben wäre.

Sie scheint, wie die tausend Seiten des Lebensbuches, tausend Gesichter zu haben. Ich kann nur versuchen, die Frage annähernd zu beschreiben, in der Hoffnung, dass die Leser mich korrigieren, meine Worte ergänzen, neue Ebenen der Fragestellung erörtern, dringend nachfragen, Fragezeichen in Ausrufezeichen verwandeln... (Sprachlich übrigens eine interessante Angelegenheit: Diese Frage scheint nur als Performance in Erscheinung treten zu wollen.)

Die Frage hat mit Beziehung zu tun, und mit organischem und elegantem Umbruch. Sie scheint irgendwie ein Licht auf konkrete Schicksalsbezüge werfen zu wollen, etwa auf die Möglichkeit FLIESSEND miteinander in ein Kommen zu geraten, ohne großartige Entscheidungen treffen zu müssen, Vereine zu gründen, Kongresse zu organisieren, Fonds einzurichten... Die Frage hat die Aura von Merkur: Sie kommt und geht, glänzt und rollt wie Quecksilber (klingt also wie die Stimme von Silvio Rodríguez: „En busca de un sueño“), ist immer nur als Tropfen da und rutscht weg, wenn das Gleichgewicht fehlt.

Die Frage versucht die Vorhaben und Aufgaben und Ziele (und was es sonst noch so gibt) gleichzeitig nach unten und nach oben zu verschieben, in gewissem Sinne zu spalten. Nach unten geht es dabei um die Frage: Was macht unsere Beziehung aus, was kann sie tragen, was kann sie bewirken, welche Weichen können wir auf die Basis unserer Verbindung stellen? What difference can we make, just the two or three or four of us?

Und nach oben: Wie geraten wir in die Leichtigkeit des Fließens? Vielleicht ist diese Frage verkehrt formuliert, und sie müsste lauten: Wie kommen wir von der Schwere weg, von jeglichem „koordinieren“ und „planen“ und „umsetzen“ und „durchsetzen“ wollen, von „Projekten“ und „Konzepten“, von gewichtigen „Sitzungen“ und „Vereinbarungen“. Ich meine, gerade an dieser Stelle haben die Tunesier und die Ägypter uns in den letzten Wochen etwas gezeigt. Der Umbruch in diesen Ländern war (bis jetzt) gerade das: organisch und elegant, und Gott-sei-dank unaufhaltsam, genau wie Merkur auch.

Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Apropos Merkur: gewiss hat der immer seine Hand mit im Spiel, aber ich denke angesichts der Vorgänge in Tunesien und Ägypten eigentlich mehr an Uranus, welcher aus seiner vorherigen astrologischen Station, den Fischen, nun in den unzähmbaren Widder, sich anschickt, einzuziehen.
Damit sitzt gewissermassen die kosmische Kraft der Metamorphose auf den Schultern von Riesen. Und wir werden in den nächsten Monaten gewiss staunen, was noch so alles möglich ist.
Auch bei uns wanken schon die vermeintlich uneinholbaren Identitäten und Autoritäten (vgl. http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate ).

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

Wanken die "Identitäten"? Oder sind sie gerade dabei, sich zu finden? Es wird sich noch zeigen. Joh. Buster

Anonym hat gesagt…

Und: Urteile über Guttenberg gibt es genug. Hilfreich sind sie meines Erachtens nicht. Reden wir bitte von unseren Beziehungen! Joh. Buster

and-schilperoord@bluewin.ch hat gesagt…

"Kosmos: Ende März versammeln sich bis auf Saturn alle Wandler in einem Sechstel des Tierkreises. Saturn und Jupiter stehen zum dritten Mal innert Jahresfrist in Opposition."
"Planetarisches Konzil" nennt Wolfgang Held diese Phänomene
Zitat entnommen aus den Beiträgen Magazin zur Förderung der Bio-Dyn-Landwirtschaft ;)

Andrea hat gesagt…

Eigentlich würde ich lieber was anderes schreiben als Zitate aber mir fällt zu diesem doch berührenden Text nichts ein. Ausser der Unruhe im Herzen und meiner angestrengten Atmosphäre in meinem Kopf kann ich nichts beitragen.