04.02.2011

Das offene Feld der Freundschaft. Über Ehrlichkeit und Treue

Ehrlichkeit und Treue gehören zu den Tugenden, die einer freundschaftlichen Beziehung dienlich sind. Sie machen allerdings im Grunde genommen eine Schere aus: Dort wo sie sich kreuzen, tut es manchmal richtig weh. Ehrlichkeit bezieht sich auf Wahrheit, und Wahrheit verstehen wir manchmal als Grundlage unserer Entscheidungen, was „scheiden“ und „trennen“ bedeutet. Mit einem Willen zur Wahrheit, mit Ehrlichkeit also, geht immer eine Gefahr einher: Mein Freund könnte mir etwas enthüllen oder verraten, (oder etwas tun), mit dem ich, warum auch immer, nicht leben könnte oder wollte.

Das Ideal der Treue hingegen, hat mit Wahrheit gerade nichts zu tun; es verspricht eine Verbindung, die darauf beruht, dass Scheidungen und Trennungen gerade nicht anstehen. Die Bedeutung des Wortes Treue geht auf das indo-germanische "deru" zurück, was Eiche bedeutet; Treue heißt also etwa: fest sein wie eine gewichtige Eiche. Vollkommene Treue ist bedingungslos, hat also einen Kern, in dem trennende Überlegungen keine Wirkung oder keinen Einfluss haben. Dort wo Treue herrscht, sind die Verhältnisse gefügt, ist die Welt eindeutig konstituiert, werden unwandelbare und unbezweifelbare Voraussetzungen geschaffen und gehandhabt.

Treue sucht man nicht, man übt sie höchstens aus. Wahrheiten hingegen müssen immer wieder gefunden werden. Wahrheiten nehme ich an, oder lehne ich ab. Die Feststellung, dass etwas „unwahr“ ist, gehört somit wesentlich zur Tätigkeit einer Wahrheitsfindung; anders gesagt: Die Idee der Wahrheit umfasst die Unwahrheit, eben auch die Lüge. Von seinem Wesen her ist Wahrheit vielfältig und differenziert, Treue hingegen erweist sich als einheitlich und geschlossen, was bedeutet, dass ein Akt der Untreue per definitionem das Ende von Treue bedeutet.

Die Tätigkeit der Treue – kann man eigentlich diesbezüglich von einer Tätigkeit sprechen? – umfasst keine Untreue, im Gegensatz zum Willen der Wahrheit der die Unwahrheit mit einschließt. Nur der Wille zur Wahrheit ist im Stande begrifflich Treue und Untreue zu umfassen. Eine Verletzung der Treue läuft deswegen immer über die Wahrheit: Sie stellt fest, dass etwas nicht oder anders gesagt worden ist, eine „Lüge“ also ans Tageslicht gekommen ist, die zu einer Vertrauensfrage führt. Im Zustand des Vertrauens berühren sich Ehrlichkeit und Treue.

Treue ist eine Urgewalt. Sie ist der Wille zum Tragen. Sie ist der Untergrund des Lebens, Basis und Fundament, Masse und Substanz. Auf meine Treue-zu-Dir allerdings ein Licht zu werfen, ist schwierig, vielleicht eben unmöglich, vor allem paradox: Sobald sie beleuchtet wird, wird sie in Frage gestellt. Treue ist eine Sache des reinen Wollens, vergleichbar mit dem Tiefschlaf: Wir kommen mit unserem normalen Bewusstsein nicht an die Treue heran, können sie höchstens „erleben“, was – als Erkenntnis verstanden – ein Akt der Intuition ist.

Treue ist eine Wirkung der Liebe, die sich mit einer Art Tarnkappe in den dunklen Bereich des Wollens hineinbegibt, in untergründige Tunnel und Höhlen des Lebens, und dort Verbindungen stiftet. Im Gewand der Treue zeigt sich die Liebe als eine gewaltige Kraft, die nie in irgendeiner Vorstellung anschaulich gemacht, höchstens innerlich „gehört“ werden kann. Das Warum einer bestimmten Treue ist undenkbar, liegt im Bereich der Sprachlosigkeit, kann höchstens als Gefühl gespürt werden.

Wahrheit hingegen bedeutet immer ein Reflektieren, eine beleuchtende Distanzierung, eine Trennung zwischen mir und Dir, zwischen mir und „Es“; mit ihr geht ein Schritt nach hinten und eine Öffnung nach oben einher, dorthin, wo das Licht von gestern auf den heutigen Tag scheint, wo die in der aktuellen Gegenwart vorhandenen Gegebenheiten in einer breiten Landschaft gezeigt werden. (Um es in den Worten von Sammy zu sagen: Wahrheit wird von links nach rechts, Treue von rechts nach links geschrieben.)

Die beiden Pole zwischen Ehrlichkeit und Treue öffnen in menschlichen Beziehungen ein dynamisches Feld von Spannungen; sie erzeugen kontinuierliche Unsicherheiten, die einen Grund in der Art und Weise haben, wie der Mensch beschaffen ist. Weil der Mensch beides ist, ein denkendes Wesen und ein wollendes Wesen, geht er in jeder menschlichen Beziehung zwischen zwei Säulen hindurch: An der einen Seite steht die leuchtende Wahrheit, an der anderen Seite die verhüllte Liebe; und in der Mitte sein damit ringendes Gefühl.

Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

WAHRHEIT UND TREUE

Finde ich Dich
in der Wahrheit
auch in der Unwahrheit
so bleibt noch die Treue.

Langsam aber bleicht
sie aus die Treue,
wird löchern, wie
unser Akt der Zivilisation.

Liebe geht vorüber,
doch die Wahrheit bleibt.

Und die Treue?
Sie bleibt ein gewolltes
und doch uneinlösbares
Versprechen.
Ein Zukunftsideal
gewissermassen.
Ein Ideal mit
Verfallsdatum -
zuletzt.

(Michael Heinen-Anders)

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle!
Vielen Dank für Dein Nachsinnen und Deine Beschreibungen der Begriffe Ehrlichkeit und Treue.
Ich merke beim Lesen, dass in mir diese Begriffe anders leben, als Du sie darstellst. Wie gesagt: Worte sind keine Flaschen. Ich will versuchen zu beschreiben wie in mir die Begriffe lebendig sind:
Zunächst dieses: Ehrlichkeit und Treue sind für mich keine ebenbürtigen, gleichmächtigen Begriffe, sondern Wahrhaftigkeit und Treue.
Und Treue ist kein Begriff, der nur im Willen lebt, sondern mit gleicher Intensität in meinem Denken anwesend ist, ich sinne richtig viel nach über Treue und mein Denken ergreift Gefühl und Willen. Ja, es ist wahrscheinlich schon so, dass erst das Wollen, die Liebe wirkt. Durch das Fühlen wird die Treue warm, herzlich, irdisch.Treue, die nicht verbunden ist mit dem Licht der Gedanken, verliert für mein Gefühl seine Hoheit, wird etwas Zwanghaftes. Treue zwischen Menschen ist in meinen Augen ein Geschenk. Ich will Treue schenken, aber ich kann Treue nicht fordern, sobald ich sie fordern will, verliert sie ihre Größe, wird etwas anderes als Treue.
Auch der Begriff Wahrhaftigkeit lebt in meinem Erleben in allen Seelenregionen Denken, Fühlen und Wollen. Und immer wirken sie zusammen: Wir sprechen von dem Willen und der Liebe zur Wahrheit, auch von dem Streben nach Wahrheit, da sind Denken, Fühlen uns Wollen beteiligt. Im Umgang mit Kindern ist Wahrhaftigkeit etwas, was richtig gepflegt werden muss, Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit leben nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Stimme und in der Gebärde.
Wahrhaftigkeit und Treue sind in meinem Erleben keine Begriffe, die sich gegenseitig wehtun, sondern sie begegnen sich in der Höhe wie die Säulen einer gotischen Kathedrale, stärker noch: sie durchdringen einander wie die Töne eines mächtigen Akkordes. Ihrem Wesen nach sind sie hohe Engel, die zusammenwirken.
Ehrlichkeit erlebe ich nicht als einen so erhabenen Begriff. Er ist wie ein schimmernder Konglomerat. er geht ja ursprünglich zurück auf den Begriff Ehre. aber ich erlebe das nicht dabei, was anklingt in:"Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden..." Es ist ein Begriff, der stark verbunden wurde mit Konventionen, einem Ehrenkodex, bürgerlicher Manifestation von Gegebenheiten, auch ein Festhalten von vermeintlichen Rechten. Dieser Begriff hat etwas sehr Besitzergreifendes im allgemeinen Sprachgebrauch bekommen und wirkt heute oft der Entwicklung der Bewusstseinsseele entgegen. In Beziehungen, Freundschaften und Partnerschaften, in denen Ehrlichkeit gefordert wird, ist mit diesem Begriff oft verbunden, dass man sich ALLES sagen soll. Diese Forderung ist in meinen Augen lebensfeindlich, sie ertötet Beziehungen. das "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" bekommt keinen Raum. Jeder Mensch ist ein großes Reich für sich. Viele Begegnungen , Erlebnisse und innere Kämpfe meines Freundes, meines Partners gehen mich nichts an, ich sollte gar nicht daran rühren, es sei denn, sie werden mir im Vertrauen geöffnet. Darum, weil Ehrlichkeit ungebührlich gefordert wird , aber nicht gelebt werden kann, entstehen in Beziehungen Ängste und es erwächst daraus Unehrlichkeit, Lüge.

Einer meiner liebsten Sprüche von R. Steiner ist dieser:
Es bedarf der Mensch der inneren Treue,
Der Treue zu der Führung der geistigen Wesen.
Er kann auf dieser Treue auferbauen
Sein ewiges Sein und Wesen,
Und das Sinnensein dadurch
Mit ewigem Licht
Durchströmen und durchkraften.
Ganz liebe Grüße
Ruthild

Bernhard Albrecht hat gesagt…

Es bedarf ...


Es bedarf der Mensch
der inneren Treue zu sich selbst,
denn er ist von seiner Herkunft her
ein geistiges Wesen,
das frei sich erwählte
den Weg durch das Erden Tal,
berufen zum Ich.


Es bedarf der Mensch
des mitmenschlichen Du,
das die Erinnerung
an seinen Werde Entschluss
beständig neu an ihn heran trägt.


Es bedarf der Mensch
der inneren Grösse,
die seinen Sinn für Gleichgewicht
in allen Lagen des Lebens erhält.


Es bedarf der Mensch
des inneren Mutes,
mit dem er die Zügel
von Denken, Fühlen und Wollen
führt in Wahrhaftigkeit vor sich selbst,
erwachend im Ich!

© Bernhard Albrecht

Anonym hat gesagt…

"Wir sollen nicht allem und jedem treu sein, es wäre sonst keine Treue mehr, sondern Festhalten an Vergangenem, Borniertheit, Unbeweglichkeit, und die Treue sagt zu beidem gleichermaßen nein. Treue zum Bösen ist schlechte Treue und die Treue in Dummheit doppelte Dummheit."

Anonym hat gesagt…

Einen Gruß von einer TREUEN Leserin, Nitta aus Berlin

Anonym hat gesagt…

"Wir sollten nicht allem und jedem treu sein..." So argumentieren Kopf und Verstand. In Bezug auf das Denken, Meinungen, Ideale und auch Ideologien eines Menschen stimmt das sicher, hier kann man leicht ins Festhalten ans Vergangene,in die Borniertheit und Unbeweglichkeit kommen. Ein MENSCH und eine Beziehung ist aber immer mehr als eine blosse Meinung und hier kann "die Treue in Dummheit" die sein, die den Verstand ins Herz geführt hat und auch im unwahrhaftigen Freund den guten Anteil sieht und dadurch dass sie dies wie mit den "Augen der Zukunft" an ihm sieht, ihm ein wenig hilft, dieses zu verwirklichen, im Idealfall... - Aber natürlich gibt es da nichts Allgemeingültiges, jede Beziehung ist anders, wie auch jeder Mensch ein "Unikat" ist und so sind sicher auch Trennungen richtig.