04.10.2009

Die Waldorferzieherin (2). Eine sprachliche Evokation

Den heutigen Text verstehe ich als eine sprachliche Übung. Mit Sprache sind hier nicht nur: Wörter & Sätze & Redewendungen & Textkörper & grammatische Regeln gemeint, sondern auch das schillernde Spannungsfeld zwischen Wörtern und Bedeutungen. Ich zitiere hier nochmals den englischen Anglisten & Juristen Owen Barfield: „Wörter sind keine Flaschen“. Er wollte mit diesen vier schlichten Worten darauf hinweisen, dass man Bedeutungen nicht mit Wörtern & Redewendungen fixieren kann.

Owen Barfield schreibt in seinem Buch Poetic Diction in meiner Übersetzung: „Bedeutung kann nie von einem zu einem anderen Menschen transportiert werden; Wörter sind keine Flaschen; jeder Mensch muss die Bedeutung für sich selber intuitiv ergreifen, und die Funktion des Poetischen liegt darin, diese Intuition durch passende Suggestion zu vermitteln“.

Um den Sprung in die Welt der Bedeutungen zu machen, muss man also poetisch werden. Es ist dabei egal, ob man als Wissenschaftler, Journalist, Dichter, Blogger oder Jurist schreibt: die Bedeutungen lassen sich nur „suggerieren“ über eine Sprache, die bildhaft & musikalisch & rhythmisch & vor allem evokativ ist.

Der Gegenstand meiner poetischen Übung ist der Begriff „Waldorferzieherin“. Ich möchte versuchen, der Bedeutung dieses Begriffes einen Schritt näher zu kommen. Und wie ich schon in meinem vorigen Blogbeitrag schrieb: ich habe die Hoffnung, dass auch andere sich bemühen werden, die Berufung einer Waldorferzieherin als „Bestimmung“ sichtbar zu machen.

Weil ich Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Köln bin, kenne ich viele Waldorferzieherinnen. Nach einer zweijährigen Fortbildung heißen diese Frauen – es sind eben fast nur Frauen - auf einmal „Waldorferzieherin“. Was ist in diesen zwei Jahren geschehen, dass sie mit einem Zertifikat der Vereinigung der Waldorfkindergärten mit ihrer Arbeit als Waldorferzieherin weiter machen können?

Mich berührt immer wieder, dass die Frauen in den zwei Jahren in sich selbst eine Art Umstellung bewirken. Wie in einem uralten Ritual sind zwei Kandelaber verschoben worden: was Außen war, ist Innen & was Innen war, ist Außen geworden. Anders gesagt: die Welt um mich herum gehört zu mir & meine inneren Erlebnisse gehören zur Welt. Der abstrakte Abgrund zwischen mir-als-Subjekt & dir-als-Objekt ist konkret & lebendig & begehbar geworden.

Für eine Waldorferzieherin ist jedes Kind eine „Weltmacht“, die auf sie zu kommt; und wie das mit Weltmächten nun einmal so ist: um sie kennen zu lernen, muss man auf die eigenen Gewohnheiten & Gepflogenheiten & Erwartungen verzichten, oder vielleicht besser: man muss sich selber neu kennen lernen wollen. Eine Waldorferzieherin weiß außerdem, dass eine Geschichte nur dann wirklich zu einer Geschichte wird, wenn Ereignisse stattfinden; und Ereignisse-im-Jetzt erlebt man nur, wenn man sich unbefangen am Kind beteiligt & das Kind sich an einem selbst beteiligen lässt.

Jedes Kind ist einzigartig & deswegen versucht eine Waldorferzieherin genau so einzigartig zu werden, weil sie erst dann auf die gleiche Augenhöhe mit dem Kind kommt. Wenn das Einzigartige-in-mir sich auf das Einzigartige-in-dir einlässt, entsteht eine neue Einmaligkeit: die Beziehung zwischen mir und dir; und so versteht die Waldorferzieherin ihre Präsenz in einer prinzipiell verwirrenden Gruppe von Kindern: als einen Ort der beteiligten Aufmerksamkeit für einzigartige Beziehungen.

Wo die Kinder andauernd in diesem & jenem verschwinden dürfen, in Kastanien, Würmern, Schrauben & Muttern, Autoreifen, Märchen & Klängen, jeder für sich, gemeinsam, zu zweit, oder zur dritt, versucht eine Waldorferzieherin ihre beteiligte Aufmerksamkeit zu handhaben, und zwar so, dass sie nicht zur Beobachterin wird. Wach dabei sein, kreativ Raum & Zeit schaffen, die Kinder selber gestalten lassen & trotzdem an dieser Gestaltung spielerisch beteiligt sein: diese Aufgabe stellt sich eine Waldorferzieherin.

In doppelter Hinsicht bedeutet diese Aufgabe eine Gratwanderung. Erstens braucht die Waldorferzieherin eine spielerische Beweglichkeit, die auf Intuition beruht. Eine offene Frage ist ihr zur Natur geworden: welche Bedeutungen sind hier & jetzt im Kommen? Sie muss also gleichzeitig Ruhe bewahren & ständig im Fluss sein. Zweitens braucht sie ein allgemeines Wissen von Kindern, um – wegen der Einzigartigkeit der Kinder & der Beziehungen – gerade darauf verzichten zu können.

Ihr Menschenbild ist Gegenstand ihrer fröhlich-ernsthaften Aufmerksamkeit. Man kann nicht Waldorferzieherin sein, ohne auch ein bisschen Philosophin zu werden. Die uralte Frage nach dem Menschen – wer ist der Mensch, woher kommt er, wohin geht er? - steht rund um die Uhr im Zentrum ihrer Arbeit. Und wenn sie gestern dachte, die Antwort auf die Frage bereits gefunden zu haben, wird sie heute feststellen müssen, dass dies Gott-sei-dank nicht der Fall ist.

Das sonnige Menschenbild einer Waldorferzieherin wird ständig aufgewühlt, weil sich eine kräftige Intuition von unten aus einmischt. Irgendwo unten im Dunkel, dort wo unsere Wille einen Weg durch den Tunnel des Lebens sucht, wirkt das Schicksal & das Wissen vom Schicksal & das Spüren des Schicksals. Waldorfpädagogik ist eine Schicksalspädagogik.

Ich meine jetzt gerade nicht den Gedanken, dass die Vergangenheit uns bis in die Gegenwart verfolgt & dass wir uns damit leider auseinander zu setzen haben. Ich meine eher das Umgekehrte, nämlich die dunkle Ahnung, dass das zukünftige Leben der Kinder & von mir, nur & nur in der Gegenwart gestaltet wird. Eine Waldorferzieherin geht davon aus, dass die Menschen in der Gegenwart aus einander hervor gehen, um in der Zukunft frei zu sein.

Kommentare:

Annette Stroteich hat gesagt…

Lieber Jelle,

ich danke Dir sehr, dass Du so poetisch und wahr über den wunderschönsten Beruf der Welt schreibst, den ich mir denken kann!

Seit unserer Begegnung in Hannover sinne ich darüber nach, was es so schwer macht, über unser je individuelles Bild von diesem Beruf mit einander zu sprechen.

Als ich heute in Deinem Blog las, dass die Kindergärtnerin irgendwie „nach den zwei Jahren“ plötzlich zur Waldorfpädagogin wird / ernannt wird, fiel mir auf, dass ich die Menschen von dem Moment an, in dem sie fühlen, dass sie WaldorferzieherIn / -kindergärtnerIn werden möchten, als KollegInnen betrachte – und in den Seminaren, in denen ich tätig bin, frage ich sie nach diesem Initial-Moment ihres Schicksalsweges und dem Bild, das in diesem Moment in ihnen aufblitzte... Zu Beginn frage ich sie, wie ihre Füsse sie hierher getragen haben, denn das ist (mir) Zeichen ihres Schicksals / ihres Entwicklungswillens und ich bitte sie, einander davon zu erzählen... (vielleicht, damit sie sich dessen ganz bewusst werden und die Intuition in sich verankern können!?!) - darauf komme ich im Laufe der gemeinsamen Abeit in regelmässigen Abständen zurück, sodass wir es lernen, einander auf dem Weg zu unserem jeweils individuellen Bild von dem, wohin wir uns entwickeln wollen und das sich zunehmend konkretisiert, beizustehen und gegenseitig zu unterstützen. Im Grunde könnte sie sich dann irgendwann selbst zur Waldorfkindergärtnerin erklären und das wird nicht unbedingt mit dem Zeitpunkt zusammenfallen, wenn sie die Ausbildung abschließt... Es mag aber sein, dass sie sich durch die Ausbildung genügend vorbereitet fühlt, auf diesem Wege jetzt im Kreis der ihr anvertrauten Kinder & Eltern & Kollegen ohne enge Betreuung des Seminars und weitere Möglichkeiten zur institutionalisierten Selbst(aus-)bildung verantwortlich weiter zu gehen.

Ein wichtiges Moment kommt dazu: ich lebe sehr konkret mit dem Bild, dass es im Vorgeburtlichen eine Verabredung gibt, wer durch wen erzogen / in seiner Entwicklung begleitet werden möchte – diesem gegenseitig wirksamen Tatbestand (Wer bringt wen in den Kindergarten – wer erzieht wen? Wir Erwachsenen glauben ja bloß, dass wir die Aktiven in diesem Lebensspiel seien...) versuche ich nachzulauschen, wenn ich Kinder aufnehme, oder – wie jetzt gerade, nicht im Kindergarten eine Gruppe habe, weil ich nicht die Anwesenheit von Kindern spüre, die durch mich als ihre Kindergärtnerin begleitet werden möchten...

Ich finde es nicht schwierig, uns WaldorfkindergärtnerInnen als Menschen zu beschreiben, die sich selbst (und den ihnen auch zukünftig sich anvertrauenden Kindern) innerlich versprechen, sich beständig weiter zu entwickeln, um „ihren“ Kindern mit ihrer vertieften Aufmerksamkeit, Wärme und innigem Tätigsein die Entwicklungs-, Begegnungs- und Beziehungsräume zu schaffen, welche diese suchen, um sich auf der Erde beheimaten zu können und die beschriebene Freiheit gemeinsam zu leben...

Ich finde eher schwierig, wenn wir nicht darüber sprechen können, was wir innerlich und äußerlich tun – und uns in einem undurchdringlichen Dickicht von angeblich „echtem“ Waldorfmethodenmix zu verirren drohen. Damit wird der Unfreiheit Tür und Tor geöffnet...

Es gibt einfach Dinge, die mehr oder weniger hilfreich sind und ich glaube fest daran, dass wir sie bei genauem Hinsehen und Bewegen von einander scheiden können! So lange wir uns im Rezepthaften bewegen oder nicht nachfragen und hinschauen dürfen, sind wir wohl auf der Seite des weniger Hilfreichen...

Soviel für heute, herzliche Grüße und nochmals Dank, dass Du das Thema lebendig machst,

Annette

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Liebe Annette,

diese "Verabredungen im Vorgeburtlichen" gibt es m.E. tatsächlich - allerdings sind diese
Zusammenhänge ungeheuer komplex.

Kinder haben m.E. die wichtige Fähigkeit sich an kleinen Dingen zu erfreuen (noch) nicht verloren.

Ihr Nachtleben, also das träumen ist gleichfalls ungeheuer lebendig und intensiv. Dazu hier
ein Gedicht:

Freude im Herzen

Im Mondschein still
schläft das Kind,
hat Freude im Herzen,
träumt Abenteuerwelten;
ist Pirat, Eroberer,
Prinz und Wesir.
Die Morgensonne
schließlich zaubert
ein Lächeln auf
das zarterwachende
Gesicht.

(Michael Heinen-Anders)

KlausMaria hat gesagt…

Liebe Annette,

auch ich lebe als Waldorfkindergärtner sehr stark mit dem Vorgeburtlichen der Kinder. Sehr zu empfehlen ist dazu das kleine Büchlein von Peter Selg

"UNGEBORENHEIT
Die Präexistenz des Menschen und der Weg zur Geburt"
und die dazugeörigen Ausführungen von Rudolf Steiner.

KlausMaria

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Klaus-Maria!
Ich finde es sehr spannend, von einem Waldorferzieher zu hören. Mögen Sie noch etwas von Ihrer Arbeit erzählen? Arbeiten Sie in einem Kindergarten oder in einer anderen Einrichtung?
Herzliche Grüße
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Flaschenpost

Wörter sind keine Flaschen,
obwohl eine Flasche sich durchaus auch gerne erotisch zeigt,
wenn der letzten Inhalt heraus ist gewaschen
und sich ihre Existenz einem neuen Dasein zuneigt.

Nur die Milch- und die meisten der Bierflaschen
schaffen es einfach nicht,
so ohne Inhalt zu überraschen
durchschwommen nur von Luft und Licht.

Ihr Leben
wird immer neu gelöscht,
der Durst
wird es nie.

Das Flaschendasein ist schwierig,
ohne Inhalt zu denken,
wenn es sich so begierig
der Welt mag verschenken.

Die Flüssigkeit fliesst selten
von der Flasche zum Mund,
es sei denn, man lässt sich als Biertrinker gelten
oder trinkt Wein zu jeder Stund.

Es gibt fast immer ein vermittelndes Glas,
wo Geschmack und Sehnsucht sich begegnen,
wo der Geist das Maß
des Überflußes darf segnen.

Wieviel Geschmack können wir
über Flaschenpost übertragen,
ohne dass wir der Gier
das Lagern untersagen.

Wieviel Sehnsucht können wir
über Flaschenpost ins Meer hinein giessen,
wie selten finden wir ihre Antwort wieder,
wie oft wird sie uns den Meeresgrund erschliessen?

Wörter sind keine Flaschen
und Flaschen sind keine Wörter.
Sie würden sich sonst in Massen
ins Gegenteil erörtern.

Die Post geht ab,
die Flasche ist voller Sinn.
Und wer sie sich schnappt,
der gibt alles hin.

Huub Tielen
6.10.2009

KlausMaria hat gesagt…

Liebe Ruthild,

ich bin seit 30 Jahren in diesem Beruf und habe als Krippenzieher angefangen, dann Kindergärtner und in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts Zusatzausbildung zum Waldorfkindergärtner. Arbeit in einem Waldorfkindergarten. Nebenbei Mitbegründung einer Waldorfschule und Aufbau des Hortes an dieser Schule. Später Sozialtherapeut und Heilpädagoge. Wieder Horterzieher an einer Waldorfschule. Danach Mitarbeit an einer Freien Schule im Osten von Deutschland (Kindergarten, Werklehrer, Nachschulische Betreuung) und seit einer geraumen Weile als 'großväterliche Zweitkraft'in einem Waldorfkindergarten tätig. Es ist eine Gnade. Vorblick und Rückblick, beginnende Inkarnationswege und beginnende Exkarnationswege begegnen sich, treffen und ergänzen sich zu einer Heil wirkenden Synthese.(ich kann auch sagen, dass die Christuskräfte ganz real werden - Alltag werden) Erziehungskunst erhält eine ganz neue Qualität. Das ist gut für mich und gut für die Kinder. Jeder Tag ist ein Geschenk und ich hoffe, dass es noch viele solche Tage geben wird.

Es ist wahrlich der wunderschönste Beruf der Welt.

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Klaus-Maria!
Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie mir geantwortet haben. Ich habe mich sehr darüber gefreut,wie warmherzig Sie Ihren Beruf beschrieben haben. Ja, auch ich liebe meinen Beruf und sehe es als Geschenk an, dass ich mit Kindern leben und arbeiten kann. Aber ich finde es ganz besonders schön, so etwas von einem Kindergärtner zu hören. Es ist so wichtig, dass noch mehr Männer diesen Beruf für sich finden.
Ganz liebe Grüße aus dem Kinderhaus Kahlgrachtmühle
Ruthild

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle! Mit Deiner poetischen Beschreibung einer Erzieherin kann ich innerlich mitgehen. Eine Erzieherin braucht große Offenheit für die Impulse, die die Kinder mit auf die Erde bringen. Einen Aspekt möchte ich hervorheben (der übrigens nicht im Widerspruch zu Deinen Worten steht): Kinder sind völlig angewiesen auf die Erwachsenen, um in die Welt hineinzufinden. Sie suchen uns, sie wollen uns nachahmen und brauchen unser Vorbild. Für mich als Erzieherin ist es wichtig, dass ich eine Beziehung zur Welt, ein echtes liebevolles Interesse an der Welt habe. Kinder brauchen Menschen, die ihre Arbeit lieben. Und es ist sehr wertvoll für sie, wenn sie viele verschiedene Menschen kennenlernen können, die ganz verschiedene Liebesbeziehungen zu den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens eingehen. Es gibt da erstmal kein wichtiges und unwichtiges Tun. Jede Tat kann wichtig sein. Die Kinder wollen von uns lernen uns sie wollen an uns die Liebe zur Arbeit und die Liebe der Menschen untereinander erleben.
Herzlich
Ruthild

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Kommentatoren, ich bin erstmal gar nicht im Stande auf die inhaltsvolle Beiträge zu reagieren. Ich werde aber irgendwann die nächsten Wochen meine Sprachübung neu schreiben, um andere Gesichtspunke einzubeziehen. Und: ich freue mich sehr über weitere Beiträge. Herzlich, Jelle van der Meulen

Anonym hat gesagt…

"Was ist in diesen zwei Jahren geschehen, dass sie mit einem Zertifikat der Vereinigung der Waldorfkindergärten mit ihrer Arbeit als Waldorferzieherin weiter machen können?"

Ja, gerade das würde mich interessieren! Was passiert dort? Wie „wird“ man eine Waldorferzieherin? Innerlich und äußerlich?

Das Zertifikat ist ja eine Anerkennung von außen. Von innen her muss die eigene "Befähigung" kommen. Die Überzeugung. Die Haltung. Die „Sicherheit“, das Vertrauen, der Mut – und der Stolz, „Waldorferzieherin“ zu sein, und nicht nur einen Job auszuüben…

Hinter der äußeren "Hülle" verbirgt sich ja auch manchmal ein Loch.... Papiere sagen über die innere Seite wenig aus. Da ist die eigene Anerkennung und die der Kollegen wichtig. Man könnte auch fragen, wie jemand sein Dasein als Waldorferzieherin gestaltet. Wo ist der Schnittpunkt zwischen „privatem“ Individuum und „beruflicher“ Tätigkeit – wie zeigt sich das?

Es mag ja auch Erzieherinnen geben, die kein Zertifikat haben, und trotzdem oder gerade deswegen „Waldorf“-Erzieherinnen sind.

Ich glaube, dass es wichtig ist, zwischen einem äußeren Zertifikat, der eigenen inneren Haltung und der Anerkennung von Kollegen zu unterscheiden und möglicherweise ein „Entwicklungsprojekt“ daraus zu machen.

Sprachlich zeigt sich das auch: „ist“ jemand Waldorferzieherin oder arbeitet er „als“ Waldorferzieherin.

Herzlich. Sophie.

KlausMaria hat gesagt…

Liebe Sophie,

als ich Mitte der 80er Jahre meine Zusatzausbildung zum Waldorfkindergärtner absolvierte, da saßen in meinem Kurs Waldorfkindergärtnerinnen,die schon bis zu drei Kindergärten gegründet und aufgebaut hatten. Von ihnen konnte wir mehr 'lernen', als von so manchen Dozenten. Trotzdem mussten sie das Seminar belegen, weil sie sonst nicht mehr hätten tätig sein dürfen (Der Staat verlangte einen Abschluß!). Damals entbrannte eine heiße Diskussion in der Waldorfszene, ob es nun um 'Berechtigung'
(der Schein, das Zertifikat) oder um 'Befähigung' ginge. Man hat sich dann für die 'Berechtigung' entschieden. In den folgenden Jahrzehnten habe ich dann immer mehr erleben müssen, das zwar viele 'berechtigt' waren, aber immer weniger 'befähigt'. Ich habe auch schon immer eine starke Neigung zu dem Gedanken hin, dass das 'Pädagoge-Sein' nicht erlernt werden kann. Dazu gehört, wie in jeder Kunst, auch ein bestimmtes Talent dazu. Habe ich es, dann kann damit 'gewuchert' werden. Habe ich es nicht, dann hilft auch die 'beste' Ausbildung nichts, dann bleibe ich Dilettant, vielleicht auch Geselle, aber 'Meister'?

Von Herzen
KlausMaria

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Im Bereich der Erziehung: sind die Frauen besser als die Männer? Oder nur anders? Oder nicht anders? Herzlich, Jelle van der Meulen

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle!
Mir scheint es gar nicht so zu sein, dass Frauen besser erziehen können als Männer. Männer sind zu allen Zeiten "Pädagogen" gewesen, das hieß aber früher vor allem Lehrer und heute in Deutschland vor allem Lehrer älterer Schüler, Sozialpädagogen und Szialarbeiter und nur selten Erzieher. Die Männer müssten sich emanzipieren, diese Emanzipation würde aber bedeuten: demütig sein im eigentlichen Sinn des Wortes. Denn die Erziehung jüngerer Kinder hat gesellschaftlich wenig Achtung. Was "verdient" ein Studienrat und was eine Erzieherin? Erzieher und Erzieherin müssen innerlich erfüllt sein von dem Wert ihrer Arbeit, das gilt für beide gleichermaßen. Darum kommt es darauf an, dass sich beide emanzipieren , damit meine ich: aus innerer Freiheit handeln - also auch die Mütter!
herzliche Grüße aus der regennassen Mühle
Ruthild

KlausMaria hat gesagt…

Die 'beste Erziehung' ist, wenn Frau und Mann, aus ihren unterschiedlichen Qualitäten heraus und in 'innerer Freiheit' miteinander das Lebensumfeld der Kinder gestalten. Ich hatte immer das 'Glück' in so einer Konstellation arbeiten zu dürfen und durfte erfahren, welch ein Segen das für die Kinder ist.

Deshalb: Mein Ideal wäre es, wenn, gerade im 1. Jahrsiebt, immer Frau und Mann zusammen in einer Gruppe sein würden. Wobei - und jetzt bitte ich, das nicht falsch zu verstehen - der Mann den 'väterlichen Hintergrund' bildet.

Oder anders:
Frau - 'Gruppenleiterin' - Mann 'Zweitkraft'.

Doch wo sind die Männer, die ganz Mann sind und doch die 'zweite Geige' spielen können. Das ist auch eine Kunst und verlangt oftmals mehr Können, als im Vordergrund zu stehen.

Ruthild sagt ja, wie das gehen könnte:

"Die Männer müssten sich emanzipieren, diese Emanzipation würde aber bedeuten: demütig sein im eigentlichen Sinn des Wortes."

Danke, Ruthild für diesen Satz.

Herzliche Grüße aus dem naßkalten Oderbruch
KlausMaria

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Und aus der kalten & nassen & ungemütlichen Großstadt Köln noch dazu die Frage an KlausMaria (KLaus und Maria!): warum könnte-müsste-dürfte der Mann nicht der Leiter sein? Herzlich, Jelle

Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle, ich möchte zu Deiner Frage etwas sagen, auch wenn sie nicht an mich gerichtet ist!

In der Nähe der Mühle gibt es einen großen Kindergarten der Stadt Aachen, der vor einigen Jahren von einem Mann geleitet wurde. Es fühlt sich schon merkwürdig an. überspitzt gesagt: Es ist wie so oft: Die Männer leiten, aber die eigentliche Arbeit tun die Frauen! Dieser Leiter ist nun auch nicht mehr da (ich weiß nicht, was dazu führte, dass er von einer Frau abgelöst wurde). Menschen, die leiten, müssen über ihre pädagogischen Fähigkeiten hinaus auch noch besondere Fähigkeiten haben: Sie müssen die Begabungen anderer Menschen erkennen und würdigen können, Prozesse in einer Gruppe zusammenarbeitender Menschen wahrnehmen und harmonisieren können. Kindergärten sind Frauendomänen. Männliche Kollegen sind zwar sehr erwünscht, aber wenn sie mehr wollen als mitmachen, eigene Initiativen einbringen oder sogar leiten, müssen sie gegen Vorurteile angehen und überzeugen können. Das könnte dann so revolutionär sein wie das erste Abitur einer Frau.
Herzliche Grüße
Ruthild

KlausMaria hat gesagt…

Lieber Jelle,

ich würde Deine Frage ja gerne ausführlich beantworten, da ich aber ein Mensch des gesprochenen Wortes und nicht des geschriebenen bin, stoße ich innerhalb der Form des Niederschreibens, und dann noch in einem Blogkommentar, an meine Grenzen. Da ja gerade die Polaritäten ‚Weiblich-Männlich – Männlich-Weiblich‘ mit so vielen Vorurteilen, Meinungen, Assoziationen, Bildern, Erfahrungen usw. besetzt sind, erscheint es mir unmöglich in einer geforderten Kürze meine Gedanken in Bezug auf das Miteinander von Frau und Mann in einem (Waldorf-)Kindergarten zu erläutern. (Das würde nur zu Missverständnissen führen) Nur allein um diesen Bereich zu beleuchten, würde es ja bedeuten, ich müsste ganz tief und weit aus der anthroposophischen Seelen- und Menschenkunde, aus der Esoterik, aus meinen Erkenntnissen usw. heraus – hier immer bezogen (Korrelation) auf das 1. Jahrsiebt – meinen Gedankengang dazu aufzeigen. Jeden, der von mir angeführten Begriffe erstmal mit Leben füllen, es bleiben ja sonst nur tote Worthülsen, unter denen jeder das versteht, was er verstehen kann und will. Das geht nicht. Das kann ich nur in einem Gespräch. Leider kann ich es dann doch nicht lassen, ab und an meinen Senf zu Blogbeiträgen dazu zu geben, auch wenn ich dabei mir immer meines Mankos und des Mankos dieses Mediums bewusst bin. Vielleicht sollte ich es doch mal lassen.

Einen guten Sonntag
KlausMaria

Nachtrag1:

Oben Geschriebenes ist jetzt zwar keine konkrete Antwort auf Deine Frage, aber das Gemeinte zeigt sich schon daran, dass wenn ich ‚Gruppenleitung‘ schreibe, bei Dir, bei Ruthild Gedanken, Bilder usw. entstehen, die zwar einen Zusammenhang mit meinem Begriff haben, aber doch nur Aspekte sind. Wir müssten also damit beginnen zu klären, was ist ‚Leitung‘ (allgemein), wie zeigt sich ‚Leitung‘ (weibliche Form – männliche Form), was würde ‚Leitung‘ in dem Lebensbereich ‚Kindergarten‘ bedeuten, wo liegt der Unterschied zwischen ‚Leitung‘ eines ganzen Kindergartens und ‚Leitung einer Kindergartengruppe‘ usw., usw. Erst dann könnten wir vielleicht herausfinden, warum im Kindergarten der Mann (vorerst – zeitbedingt – kann sich, muss sich ändern) sich einer ‚Leitung‘ enthalten sollte. Wobei dabei wieder zu unterscheiden wäre die, ich sage mal, administrative und pädagogische Ebene, …und…und…

Nachtrag2:

Meist war es in meinem Berufsleben doch so, dass die ‚Frauen‘ (sprich das Weibliche Element), den pädagogischen Teil ausfüllten, während die ‚Männer‘ (sprich das Männliche Element), den administrativen (mir fällt einfach kein anderer Begriff dafür ein) erledigten. Nur ein Mal durfte ich in einer Pädagogengemeinschaft tätig sein, in der diese ‚Trennung‘ aufgehoben war. Es war eine ganz aus dem ‚Weiblichen Element‘ heraus entstandene Einrichtung: Von Frauen vor über 50 Jahren gegründet, von Frauen geleitet, von Frauen getragen. Es waren starke Frauen, aber stark aus ihren weiblichen Qualitäten heraus. Wir Männer waren ganz integriert in diesen ganz anderen sozialen Zusammenhang und der eine oder andere entdeckte plötzlich, wie er aus diesem Anderen heraus seine Männlichkeit neu entdecken konnte, ein Empfinden von Stärke erwuchs, das nicht herrschen, beherrschen, führen usw. wollte, das sich darin zeigte zu schützen, behüten, zu dienen … (wieder so 'mißverständliche' Worte, die jedes für sich in seinen unauslotbaren Tiefen des dahinter stehenden Wesenhaften durchleuchtet, erleuchtet werden müssten)

Jetzt habe doch wieder das getan, was ich nicht tun wollte – Geschrieben!

Hat das jetzt alles was mit Deinen Ausführungen "Die Waldorferzieherin. Eine sprachliche Evokation" zu tun???

Ruthild hat gesagt…

Lieber KlausMaria!
Ich finde so schön wie sie schreiben! behutsam, andeutend, den Leser, den Sie nicht sehen können suchend, immer auf die Tiefe der Worte verweisend...danke, dass Sie doch geschrieben haben! In der Art, wie Sie schreiben, vermitteln Sie sehr viel!
Genz liebe Grüße
Ruthild

Annette Stroteich hat gesagt…

Lieber KlausMaria (welch schöner Name!), liebe Ruthild!

Ich möchte mich den Worten von Ruthild aus ganzem Herzen anschließen! Danke dafür, dass Sie es doch nicht lassen konnten und noch einen schönen Sonntag!
Annette

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Ich selbst habe es auch als Vater erlebt, dass ich es sein musste, der meinen Kindern, Märchen, Gedichte und Geschichten vorlas. Auch jede Menge Bilderbücher - bevorzugt die von Jakob Streit und Christiane Lesch - waren dabei.

Und so entstanden auch meine Kindergedichte, davon beispielhaft hier eines:

UNSERE HÄNDE

Beim Hunde
sinds Pfoten.
Beim Bären
sinds Pranken.
Beim Pferde
sinds Hufe.
Bei Katzen
sinds Tatzen.

Nur Menschenkinder
haben Hände.

(Michael Heinen-Anders)