21.03.2009

Finanzkrise und Sprache. Die Welt will von Menschen gefühlt werden

Die Finanzkrise und die Wirtschaftskrise (sind es eigentlich zwei Krisen?) erzeugen weltweit eine heroische Sprache, die deutlich macht, dass die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse meinen, sich in einer Art Krieg zu befinden. Die Krise soll dadurch „gemeistert“ werden (Angela Merkel), dass die Volkswirtschaften gemeinsam die Rezession „bekämpfen“. Die Süddeutsche Zeitung meldet zum Beispiel: „EU stemmt sich gegen die Krise“.

(Kann man sich gegen eine Krise stemmen? Ich glaube nicht.)

Die Art und Weise wie über ein bestimmtes Phänomen gesprochen wird, offenbart direkt, wie man sich dazu verhält. Die Sprache der Finanzkrise (die ja natürlich auch eine Wirtschaftskrise und sogar eine Kulturkrise ist) verrät ein Weltbild, in dem es um „beherrschen“ & „eingreifen“ & „steuern“ & „bekämpfen“ geht. Die Sprache basiert auf einer impliziten Wahrheitsvorstellung, die mir katastrophal erscheint.

Die Vorstellung ist ungefähr so. Etwas ist grundsätzlich schief gegangen – erst in den Vereinigten Staaten und dann leider auch bei „uns“. Vor allem Banker & Spekulanten haben entweder aus Fahrlässigkeit oder aus Gier große „Fehler“ gemacht, die dazu geführt haben, dass das ganze „System“ aus dem Lot geraten ist. Unerwünschte Folgen sind aufgetreten, die es jetzt zu beseitigen gilt.

Anders gesagt: wenn die Banker und Spekulanten moralisch & sachlich „richtig“ gehandelt hätten, wäre nichts Schlimmes geschehen. Und um die Fahrlässigkeit oder die Gier (ja, was war es eigentlich?) zu bändigen, soll jetzt das System korrigiert werden. Die Regeln sollen einerseits hier und dort neu formuliert & andererseits kräftiger gehandhabt werden. Der Ausgangspunkt dabei ist klar und deutlich: „Die Märkte müssen frei sein, aber nicht wertfrei“ (Gordon Brown).

Es ist immer die gleiche Frage: sind die Menschen dumm (fahrlässig) oder schlecht (gierig)? Für die Sozialisten sieht es so aus: die armen Leute sind gut, die reichen Leute schlecht & die „normalen Bürger“ leider manchmal fahrlässig. Und warum sind die Reichen schlecht? Weil kein Mensch, moralisch gesprochen, dem Reichtum gewachsen ist. Zu viel Geld & damit zu viel Macht korrumpieren.

Und die freien Demokraten - sagte man nicht früher: die Kapitalisten? - sie meinen, dass die armen Menschen dumm sind, die Reichen clever und alle leider manchmal moralisch & sachlich fahrlässig. Und warum sind die armen Menschen dumm & die reichen Menschen clever? Das große philosophische Problem des Kapitalismus ist es, dass diese Frage eigentlich nicht beantwortet werden kann.

Die Finanzkrise scheint mir letztendlich eine Kulturkrise zu sein. Es kann ja ganz & gar nicht um die Frage gehen, wie & warum „etwas“ (ja, was?) schief gegangen ist. Nichts ist schief gegangen. Nix. Nie geht „etwas“ schief. So etwas wie „schief gehen“ gibt es überhaupt nicht. Nirgends & nie, weil alles was ist & erscheint & sich zeigt, gerade das ist, was ist & erscheint & sich zeigt. (Vielleicht einfach mit Wittgenstein: „Die Welt ist, was der Fall ist“.)

Die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse versuchen die Vorstellung aufrecht zu erhalten, dass es einen Krieg gibt, den „wir“ gewinnen müssen & können. Sie tun alles, um den „einfachen Bürgern“ (die es ja gar nicht gibt) das Gefühl zu geben, dass sie alles im Griff haben. Der weltweite Tsunami von Konjunkturpaketen soll in erster Linie die Bürger beruhigen, etwas darf nämlich nicht sein: Panik.

Und das stimmt natürlich. Auch wahr ist aber, dass die Angst vor der Panik & der dementsprechenden Ideologie-der-Beherrschung verhindern, dass die Krise zur gesellschaftlichen Betroffenheit führt. Wenn es im Leben wirklich Veränderung & Verwandlung & Neugeburt gibt, läuft das immer über Betroffenheit. Erst wenn man betroffen ist, kann die Katharsis erfolgen.

Wir sind dabei, uns von einer Kultur zu verabschieden. Die Krise geht weit über Geld & Banken & Unternehmungen & Arbeitsplätze hinaus. Was in dieser Krise zu Ende geht, ist der Grundgedanke der Aufklärung, dass wir uns nicht auf die Welt einzulassen brauchen, um sie im Griff zu haben. Laut der Aufklärung braucht man die Welt nicht zu fühlen, um sie in Gang zu halten.

Die Welt will aber von Menschen gefühlt werden. Und vielleicht ist es SEHR wahr, dass die Staaten & die internationalen Organisationen gerade nicht die Aufgabe haben, diesen Abschied zu thematisieren & zu begleiten. Diese Trauerarbeit liegt eher in den Händen von Dichtern & Künstlern & Philosophen & Priestern & Propheten & Ärzten & Erziehern & Therapeuten & Wissenschaftlern.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der erste Künstler, der ganz gewöhnliche Dinge als Kunst ausstellte, nannte das: der Aufstand der Dinge. Nun haben wir also den Aufstand der Märkte (Immobilienmarkt, Finanzmarkt, demnächst der Gesundheitsmarkt). Den Aufstand der Natur, die Erde tut sich auf und verschlingt ein ganzes Stadtarchiv, die Wildschweine dringen in die Kulturlandschaft ein und verschlingen die Ernte und anderes. Der Aufstand der Bakterien ist in den Startlöchern, das Penizillin wirkt nicht mehr.

Vor der Geburt lebten wir im Geistigen und liebten geistig. Dann haben wir uns entschieden auf die Erde, in die Materie zu kommen, um die Materie zu vergeistigen, um die Liebe in die Materie zu bringen, um auch körperlich zu lieben, indem wir uns auf die Welt einlassen. Das machen wir (fast) nicht. Und nun haben wir den Aufstand der Welt.

Antje Klettner

Anonym hat gesagt…

um auch daran zu wachsen, schliesslich
(in dem Falle müssen!)
wachsen wir an unserer Aufgabe .
Die Situation ist "entwcklungsbehindert".
Wir Menschen sind "entwicklungsbehindert"
"KULTURENTWICKLUNSBEHINDERT"
Dieser Gau sozusagen ist in gewisserweise geplant, studiere die Kulkturgeschichte Mitteleuropas und dann wissen wir gemeinsam wo wir jetzt (hoffentlich) stehen.
Im Zuge der jetzt aktuell stattfindenden signifikanten Station von Erdwandlung (Weil, die Erde wandelt sich nicht nur jetzt)
Alles will nun erst recht ans Licht, an unser Bewußtseinslicht
und dann durch unserern (hoffentlich bereiten) Innenraum
wieder verwandelt zurück in die Welt.
Gefühlt und verändert.
Temperiert und durchwärmt.
Alles wartet mit Spannung auf unser Zutun an HEIL-UNG, Heil-wERDung.
Alles Liebe und uns allen ein grosses TOI-TOI-TOI von Maria B.

Andrea hat gesagt…

Ich habe seit 11.März täglich auf dieses, weltweit gesehen, kleine Seelische Loch geschaut, das in Winnenden, Stuttgart sich auf getan hat und mich von den dazugehörigen Spiegel online Videos berühren lassen. Habe also mitgefühlt und nachgedacht und wieder mit meiner Arbeit weiter gemacht. Wie weit ich mich auf die Welt einlasse? Fast gar nicht? und dann meine Arbeit auf die ich mich auch oft nicht ganz einlasse,..?????