22.01.2011

Sammy heute an Samuel. Auch über die dreiunddreißig Zaunkönige

Lieber Samuel, ich möchte Dir heute keine mitteilenden, sondern stiftende Worte schreiben, Worte also, die in der Schrift zwar von links nach rechts, im Innenraum zwischen uns allerdings von rechts nach links laufen, wie wir es damals, als wir noch auf der Suche waren und unsere Eltern nicht finden konnten, gelernt haben, da oben, wo der Rhein nicht von Süden nach Norden, sondern von Norden nach Süden fließt.

Wir müssen, so meine ich, in unserer Sprache jeden festen Grund vermeiden, jede Architektur ausschließen – alles was perfekt quadratisch oder perfekt rund ist, in einen Wirbel bringen, in eine verwirrende Bewegung nach oben auflösen, wie dreiunddreißig Zaunkönige, die sich auf einer Fliese versammelt haben – das würden sie natürlich nie tun – und sich dann auf einmal in die Höhe verlieren wollen.

Wir müssen also mit unserer Sprache aufsteigen, herum flattern, ungenau werden, oder vielleicht besser gesagt: eine neue Genauigkeit finden, die sich – wie die Würde des Menschen – nicht fotografieren lässt, nicht einmal in der Sprache selber dokumentiert werden kann, weil die Wörter und die Worte und die Redewendungen sich nur auf dasjenige beziehen wollen, was gerade nicht koordiniert ist.

Nun denkst Du vielleicht, dass die Redewendung „Bewegung von rechts nach links“ auch auf bestimmten Koordinaten beruht, und natürlich hast Du recht: unsere Sprache hat immer einen Bezug auf irdische Verhältnisse. Links ist auf der Erde nun einmal nicht rechts, rechts nicht links. Ich rede allerdings von einem Rechts, das gleichzeitig auch Links bedeutet, dass heißt: mein Rechts beinhaltet bereits von Anfang an auch ein Links. Und es wird Dir einleuchten: wenn man rechts lange genug weiter denkt, kommt man letztendlich von rechts zu rechts, was dann auf einmal links geworden ist.

Ja, Samuel, ich will Dich heute mit meiner Sprache verwirren, weil nur in der Verwirrung die großen Drei verborgen liegen: Anfang, Wink und Wandlung. Hat es nicht bereits Rainer Maria Rilke vom Dichter gesagt: „Da schufst du ihnen Tempel im Gehör“. Weißt Du – ja, jetzt wird es so richtig verwirrend – wer mit „ihnen“ gemeint war? Lies das einmal bei Rilke nach, und Du wirst finden: mit „ihnen“ sind die Tiere gemeint, die aufgehört haben zu brüllen und schreien, und „nicht aus Angst in sich so leise waren, sondern aus Hören“.

Was, wenn das Wilde auf einmal leise wird? Nein, dadurch, dass das Wilde auf einmal leise wird, ist es nicht gezähmt oder koordiniert oder auf einer Fliese übersichtlich zusammengebracht. Sind dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese „übersichtlich“? Nein, das sind sie nicht. Nichts ist so verwirrend und unmöglich und undenkbar wie dreiunddreißig Zaunkönige auf einer einzelnen Fliese. Wie gesagt: die kleinen-großen souveränen Hoheiten würden es nicht zulassen, so zusammen gepresst zu werden. Ich behaupte eben, dass es dies nicht ein einziges Mal in dem langen-langen-langen Werdegang unseres Planeten gegeben hat: dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese! (Nun ja, vielleicht einmal: in diesem Text.)

Was still wird, ist dadurch nicht quadratisch oder rund geworden. Stille mit Ordnung zu verwechseln, ist ein Fehler, groß genug für sieben mal sieben Jahre harter innerer Arbeit, Jahre die von rechts nach links verlaufen... So ist es mit Fehlern: sie beschäftigen uns immer wieder, leider von links nach rechts, und erst wenn wir uns auf die Verwirrungen einlassen, lösen sich die Knoten in uns.

Da oben sind die Wörter und Worte und Redewendungen frei von Flaschen. Etiketten und Alkoholprozentangaben, und die Logik der Nur-drei-Farben, grün, weiß und braun, gibt es da oben nicht. Der Reichtum der Farben wäre nicht auf drei Löcher in riesigen Containern zu reduzieren, nicht „im Grunde genommen nicht“ (ich will heute nicht gründen, sondern stiften), sondern „in der Luft genommen“ nicht. Gibt es so etwas wie drei oder sieben oder eben zwölf Löcher in der Luft?

Ich nenne Dich heute Samuel und Jan und Louis und Hannelore und Jessica und Vanessa und Rainer und Sebastian und Annette und Rob und eben Angela. Ich möchte Dich bei deinen dreiunddreißig wahren Namen nennen, bis zu Sammy, deinem letzten Namen, ganz rechts am Ende der Auflistung, dort also, wo rechts auf einmal links geworden ist. Und mit dreiunddreißig Namen sind nicht dreiunddreißig Namen gemeint, sondern ALLE Namen, die keine Namen sind, sondern Stiftungen, die entzünden. Von allen Namen gehen stiftend alle Namen aus.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!
O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
gelösten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, daß sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so leise waren,

sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,

ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, -
da schufst du ihnen Tempel im Gehör.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Martin hat gesagt…

Verwirrend! !oben nach unten von automatisch geht es aber - treizilpmok se driw ,tsbierhcs CP ma sad ud nneW !links nach rechts von mal aber nun - Jelle ,WOW

Lässt man sich ein auf die Verwirrung, so kann man SICH verlieren oder ETWAS finden: eine Freiheit jenseits der Konventionen, Vereinbarungen, Absprachen...
Links und Rechts, Oben und Unten, Nord und Süd - das gibt mir Sicherheit, da kenne ich mich aus. Fehlt diese Sicherheit, bekomme ich Angst und will mich immer mehr an den Konventionen festhalten.
Wie löse ich mich aus der Angst vor der verwirrenden Unsicherheit?
Wie werde ich zum befreit herumschwirrenden Zaunkönig?

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Vielleicht liegt das Geheimnis jenseits der Koordinaten in der Umstülpung, die doch morphologisch und plastisch so unendlich wichtig ist.
Auch die Analogie des "oben, wie unten" kommt mir in den Sinn.
Und dennoch will die Verwirrung vieler in dieses Thema verwickelter Fäden nicht aufhören, etwa wie beim bekannten 'gordischen Knoten'.
Doch es wurde gerade dieser gordische Knoten ja nicht mit List, sondern mit Gewalt gelöst.
Ein Vorbild an dem wir keinesfalls festhalten sollten...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

Immer schön, Sammy und Samuel dabei zu haben. Nitta

Bernhard Albrecht hat gesagt…

Lieber Michael Heinen-Anders

Vielleicht war auch angesichts des Gordischen Knotens die "Stille" vor der Gewalt! Oder verwirrt Sie diese Sicht auf Alexander den Grossen?
Dreiunddreissig Zaunkönige lassen grüssen ...

Bernhard Albrecht

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Lieber Bernhard Albrecht,

Alexander der Große war eine vielschichtige Gestalt und vor allem ein Mann der Tat - auch wenn man seine spätere Inkarnation als Ita Wegmann berücksichtigt.
Ob der "Stille" vor der "Tat", dabei eine besondere Bedeutung zukommt, vermag ich im Augenblick nicht zu sagen...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle, ich freue mich sehr darüber, dass Sammy wieder spricht und wunderbare Verwirrung stiftet. Herzliche Grüße Ruthild

Martin hat gesagt…

Auch Alexander war wohl des Konzept "wie löse ich einen Knoten?" bekannt (ich pule so lange dran herum, bis meine Fingernägel abbrechen). Er konnte aber über das Konzept hinaus schauen und handeln, sonst wäre er nicht "der Große" gewesen.
Warum stehen wir mit all unseren Konzepten vor so vielen Gordischen und anderen Knoten, die uns unlösbar erscheine?! Fehlt uns die Größe, die Verwirrung zu ertragen, in ihr eine neue Freiheit zu finden, aus der heraus wir handeln können, Raum -auch in uns- schaffen können für Initiation?

Gruß auch an die Zaunkönige - wo sind sie inzwischen?

Bernhard Albrecht hat gesagt…

Hallo Martin

Nun Alexander war ein persönlicher Schüler von Aristoteles. Dieser hatte in seiner Zeit ja die Aufgabe die übersinnlich geistigen Lichtkräfte in schöpferische Wortgestaltungen hinein zu prägen, sie gewissermassen in eine andere Ausdrucksform um zu polen, damit auf diesem Wege in einer immer finsterer und materieller werdenden Zeit das Licht weiterhin eine Wirkensstätte für die Menschen haben könne, die bereit wären sich ihm über das Wort zu öffnen.
Heute ist unter der inneren Führung des Ich durch das Wort hindurch wiederum ein Weg zum nunmehr bewussten Umgang mit diesen Lichtkräften zu vollziehen. Dieses ist der innere Willensweg oder auch der Weg über die seelische Beobachtung.

Nun, diese Lichtsphäre im Wort öffnet sich nur jenen Menschen, die innerlich ganz in die Stille gehen, dem gedanklichen Affentanz ein Ende setzen können, eine bewusste innere Aufrichte ganz in der Stille sich erringen wollen.
Alexander hatte die Fähigkeit zu seiner Zeit auf den dazumal üblichen Wegen in diese Stille zu gehen. Er hatte ein weit herum bekanntermassen wildes und als nicht zu reiten geltendes Pferd gebändigt und damit nicht nur die Achtung seines Vaters errungen, sondern auch seinen Astralleib so weit gebändigt, dass er Zugang zu dieser Stille finden konnte.
Bei Issos hat er dann in einem Augenblick, wo sein weiterer Weg als Feldherr auf des Messers Schneide stand, in einem Akt des inneren Rückgriffs auf diese Stille jene Lichtkräfte mobilisiert und auf seine Soldaten übertragen, die ihn und sein Heer die haushohe Überlegenheit seiner Feinde überrennen liessen.
Nicht ein Konzept oder ein wild männlich-grausames Macho-Gewaltverhalten hat den Sieg ermöglicht, sondern die geistige Kraft, die er aus der Stille bezog, öffnete ihm den Weg zum Sieg.

Das haben mir die 33 Zaunkönige zu gepfiffen!

Bernhard Albrecht

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

WIE VIELE?

Wie viele Engel
passen auf eine
Nagelspitze? (Th.v.Aquin)

Unendlich viele.

Wie viele Vögel
passen auf eine
Marmorkachel?

Nicht viele.

Wie viele Dämonen
passen in die Seele
eines Menschen?

Unendlich viele.
„Ihrer sind Legion“ (Markus 5,9).

(Michael Heinen-Anders)

Andrea hat gesagt…

Mir ist bei dem Text lesen und nachher beim Rätseln darüber eine Bewegung um die Erde eingefallen, da wird, wenn man lange nach rechts, (westen) geht, besser ist fliegen, dann auf einmal das rechts auch immer ein links.
Der Text bringt in Bewegung wie das Tanzen auch alles in Bewegung hält.

Anonym hat gesagt…

DER ABSCHIED

Der Abschied hing
wie verwelkenden Wolken
an einem widrigen Himmel.
Kein Kuss konnte noch länger
die verquellende Liebe überweisen.
Leise wimmelten Tränen
wie Regentropfen
im Wolkenstau
von den Augenhöhen herunter.
Ein Mann und eine Frau
verwickeld in armenvoll
träge Lüfte.
Willenlose Hüfte
wesenlose Früchte
des Da-nicht-seins Gelüste
berührten die Sehnen
des Liebesbaus.
Sie erwähnten
im Flüstern der Stille
das Wunder,
dass für immer da
die Liebe fängt
in jedem Blick
in jedem Ding
im Scharen der Geschehenisse.

Du und ich
wir werden es
in der Webe des Wiedersehens wissen,
wenn Sehnsucht sich
-ohne Scheu-
in Sehnsucht verlischt
und Liebe ohne Verzicht
-sich wieder ganz neu-
mit Liebe vermischt.

Huub

27. Januar 2010

Anonym hat gesagt…

HCI EBIEL HCID - HCID EBEIL HCI
-------------------------------------
ICH LIEBE DICH - DICH LIEBE ICH
-------------------------------------
??? ???? ??? - ???? ???? ???

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Huub, mooi werk! Erobern jetzt die Holländer die deutsche Dichtung? Ich freue mich über die vielen Dichtern auf meinem Weblog. Hartelijk, Jelle