19.09.2010

Die höchste Beziehungsform? Über eine sehr alte Frage

Es ist eine alte, vielleicht eben veraltete Frage: welche Beziehungsform darf als die höchste gelten? Diese Frage kann in einem Kreis von Menschen ein Streitgespräch, mit zwei sympathischen aber unhaltbaren Positionen, entzünden. Die eine Sichtweise besagt, dass die Liebesbeziehung an höchster Stelle steht, weil sie alle Facetten des Lebens umfasst. In der Liebe finden geistige, seelische und körperliche Berührungen statt, wird das Leben rund um die Uhr geteilt (natürlich nur, wenn man zusammenlebt) und man steht auch auf der existentiellen Ebene zueinander (was nicht alle Liebespaare unbedingt wollen und tun). Mit der Liebesbeziehung ist die Vorstellung verbunden, dass sie im Prinzip nichts ausschließt und deswegen komplett ist.

Die andere Position stellt die Freundschaft an die höchste Stelle. In dieser Sichtweise wird betont, dass die Freundschaft eine freie Beziehungsform sein kann, gerade weil die sexuell-körperliche Ebene nicht einbezogen wird. Die Sexualität wird in dieser Sichtweise eher als ein Hindernis verstanden: ein weites Feld voller Probleme, von denen man nicht zu viele haben sollte. Mit der Sexualität werden Verstrickungen verbunden, die als eine Bedrohung der Souveränität gelten. Manchmal wird auch noch gemeint, dass auch die gegenseitige Beteiligung auf der existentiell-finanziellen Ebene die Handhabung der Freiheit zwischen den Partnern erschwert. Die Freundschaft müsse einen Freiraum bilden, der nur entstehen kann, wenn Abhängigkeiten vermieden werden.

Wenn man auf die postmoderne Landschaft menschlicher Beziehungen schaut, stellt man allerdings fest, dass in unserer Lebenspraxis diese Frage ihre Gültigkeit eigentlich schon längst verloren hat. Das Lebensgefühl der heutigen Zeit hat sich grundsätzlich von solchen absolut bewertenden Fragen verabschiedet: so etwas wie „das Höchste“ oder „das Beste“ gibt es nicht mehr. Wenn es um die menschlichen Verbindungen geht, herrscht eher das Gefühl vor, dass die unterschiedlichen Beziehungsformen sich im Grunde genommen ständig vermischen, also praktisch nicht voneinander getrennt werden können. Warum muss denn die Frage überhaupt beantwortet werden, welche Form an höchster Stelle steht?

Diese Fragen führen in eine Hexenküche. Einerseits wird jeder Mensch bestätigen, dass es in seinem Leben „ganz wichtige“, „wichtige“, „relativ wichtige“ und „unwichtige“ Beziehungen gibt. Auf der Ebene der realen sozialen Verbindungen handhabt jeder Mensch mehr oder weniger spontan konkrete Bewertungen, die zwar nicht unbedingt an begrifflichen Einordnungen festgemacht, allerdings schon in der Sprache sichtbar werden. Wenn jemand sagt: „Hans ist ein richtiger Freund“, ist damit gemeint, dass die Beziehung einen hohen Stellenwert hat. Die Begründung scheint erst einmal eine rein subjektive Angelegenheit zu sein, etwa wie: „Ich mag Hans sehr“, oder eben: „Hans versteht mich!“ Wenn man aber nachfragt, erscheint am Ende eine Bewertung, die schon einen objektiven Anspruch beinhaltet, zum Beispiel: „Hans kann ich vertrauen“.

Und Vertrauen ist eine hohe Qualität, die nicht in allen Beziehungsformen im Vordergrund steht. Vertrauen kann es natürlich auch zwischen Bekannten und Kollegen geben, sie steigert sich allerdings beträchtlich, wenn es um Freunde und Geliebte geht. Wenn zwischen mir und einem Kollegen ein Vertrauen wächst, das sich nicht nur auf die Fragen der funktionalen Zusammenarbeit bezieht, sondern darüber hinaus auch Persönlich-Privates betrifft, kommt unvermeidlich ein Moment, in dem ich ihn als Freund betrachte. In der Lebenspraxis ist es also wohl so, dass wir eine Art Rangordnung akzeptieren.

Andererseits wehren wir uns dagegen, eine absolute Hierarchie festzulegen. Im Feld der Beziehungen scheint uns im Prinzip alles möglich zu sein. Noch vor kurzem sagte mir ein Erzieher, dass er seine Beziehung zu den Kindern, mit denen er „ist“ (er verweigerte sich zu sagen: mit denen er arbeitet oder die er betreut), als eine „freundschaftliche“ verstehen will. „Erst wenn ich mit einem Kind auf gleicher Augenhöhe stehe“, so meinte er, „öffnet sich ein Raum der Gemeinsamkeit. Es gibt keinen Grund in einem Kind keinen potenziellen Freund zu sehen“. Dem Erzieher war allerdings klar, dass er sich mit seiner Sichtweise zumindest rein sprachlich von der öffentlich-gesellschaftlichen Aufgabestellung eines Erziehers entfernt. In den relevanten gesetzlichen Texten wird diesbezüglich nicht von „Freundschaft“, sondern von „Betreuung“ gesprochen. Der Erzieher räumte auch ein, dass er die Eltern nicht unbedingt über seine Sichtweise informiert. „Mütter und Väter können das leicht missverstehen“, sagte er.

Wir überschauen die Landschaft menschlicher Beziehungen nicht mehr, oder vielleicht besser gesagt: wir sind dabei, uns von eindeutigen Bewertungen zu verabschieden – die Kinder, die wir betreuen, können offenbar auch unsere Freunde sein. Diese Verschiebung in unseren Bewertungen – man könnte noch eine Menge anderer Beispiele nennen – ist etwas relativ neues.

Je weiter man in der Zeit zurückgeht, umso klarer werden die Bezüglichkeiten der Menschen zueinander. Bei den alten griechischen Philosophen fällt zum Beispiel auf, dass sie gar kein Problem damit hatten, die konkreten Verbindungen zwischen Menschen mit Hilfe der großen Ideen – Freundschaft war so eine Idee – eindeutig einzuordnen. Auf den Gedanken, dass es Freundschaften zwischen Kindern und Erwachsenen geben könnte, sind sie aber nicht gekommen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Interessant. Können zwischen Kinder und Erwachsenen Freundschaften entstehen? Nitta aus Berlin

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Nitta, danke für die Frage. Bin gespannt auf die Antworten. Herzlich, Jelle van der Meulen

Susanne hat gesagt…

Die höchste Form von Beziehung ist für mich die bedingungslose. Sie ist in unserem starren System am schwersten zu erreichen. Sie kann alles beinhalten, was heute unter Beziehung verstanden wird und löst jegliches hierarchisches Denken auf.

Für mich beginnt Beziehung da, wo eine Zuwendung mit geöffnetem Herzen statt findet, die Zuwendung zu einem anderen Menschen, so wie er ist.

Wenn sich die Projektion auflöst, wird die Beziehung geboren.

Sie ist das Kind, welches auf die Erde kommt, um zu leben.

Ohne Liebe gibt es für mich keine Beziehung.
Sobald der Zweck ins Spiel kommt, ist es eine "Einrichtung" und keine Beziehung.

Beziehung ist, die unsichtbaren Fäden zwischen Menschen zu aktivieren und sichtbar zu machen.

Dafür muss man manchmal auch Fäden durchschneiden, wenn stattaus Ent-Wicklung Ein-Wicklung wird.

Viele Fäden--viele Beziehungen.

Die einen sind dünn, die anderen dick, untrennbar.
Dann gibt es einfarbige oder auch Mischungen.

Am schönsten sind die, in denen alle Farben des Regenbogens leuchten und das Herz zu lachen beginnt.
Wenn die Augen eines Menschen dich anlachen, mit dem du in Beziehung stehst, dann hast du einen guten Faden gespannt.
Wenn du irgendwann ein Netz gespannt hast über diese Erde, welches stabil ist und dessen Fäden einander nicht behindern,weil die Hierarchie fehlt, dann bist du in einem wunderschönen Beziehungsgeflecht.

Das ist Leben für mich.
Darum bin ich Mensch.

Ruthild Soltau hat gesagt…

Ich sehe Freundschaft zuerst immer an wie ein Angebot, etwas, das ich einem Menschen schenken will. Das kann und wird auch oft erwidert, muss aber nicht unbedingt. Und so möchte ich für alle Kinder im Kinderhaus Freund sein, das heißt auch, ich möchte und hoffe, dass sie mir vertrauen können. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass die Eltern der Kinder irgendetwas gegen diese Art einer Beziehung haben, viel schwerer finden sie es, wenn sie als Eltern auf die Seite geschoben werden.
Liebe Grüße aus der Mühle
Ruthild

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Beziehung - Bezug - bezogensein. Dies sind wohl die Ebenen, um die dieser Blog-Beitrag kreist.
Wir können wohl mit einem Kind befreundet sein, für das Kind jedoch ist "Freundschaft", so wie sie Erwachsene verstehen, noch etwas zu "groß".
Vergleichsweise gesagt: Kleidung, die uns passt, steht uns am besten. Wohl aber können wir auch zu große Kleidung tragen, müssen aber riskieren, dass andere dies als 'unpassend' ansehen.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

natuerlich "gibt es (k)einen grund, in einem kind (k)einen potentiellen freund zu sehen", weil sich kinder jedem und allem zuneigen, ur-vertrauen haben und auch geringstes wertschaetzen, also unfreiwillig freund(schaft)lich sind.
aber wuerde ich kollegin dieses sympathischen erziehers sein wollen, wenn zum ausgleich nur die antipathische seite für mich bleibt, damit die kinder die mitte -empathie- erleben?
wuerde ich dem erzieher mein kind anvertrauen, wenn er selber ein schlechtes gewissen hat("wird bestimmt missverstanden"), mir nichts zu-mutet und mir werweisswasnoch verschweigt?
wuerde ich kind in seiner gruppe sein wollen, wenn er freund sein will, mich aber verleugnet?

Anonym hat gesagt…

Harter Tobak!

Ruthild Soltau hat gesagt…

An den anonymen Kommentator oder die Kommentatorin! An dem, was Sie sagen, ist etwas dran, wenn man als Erzieher die Kinder für sich braucht, für das eigene Wertgefühl zum Beispiel. Kinder werden in dieser Beziehung oft seelisch "benutzt". Ich habe von "Angebot" gesprochen, habe damit aber eine innere Haltung gemeint, ich könnte auch sagen, eine meditative Stimmung der Persönlichkeit des Kindes gegenüber, der ich helfen will, ganz auf der Erde anzukommen. Ich würde nie ein Kind fragen: "Willst Du mein Freund oder meine Freundin sein?" Ich meine die Freundschaft einfach als Geschenk.
Herzlich
Ruthild Soltau

Susanne hat gesagt…

Es kommen immer mehr Kinder auf diese Welt, die diese Diskussion, die Ihr hier führt, gar nicht interessiert. Weil sie mit ihrer Hellfühligkeit erkennen, wer ein Freund ist und wer nicht.
Sie werden sich nicht mehr benutzen lassen. Das ist doch schon voll im Gange.

Ihr zerbrecht euch den Kopf mit eurem Verstand. Den haben viele Kinder schon längst kristallisiert und denken mit dem Herzen.

Es ist wohl eher so, dass die Kinder sich ihre Freunde selbst aussuchen werden, wir werden von ihnen ausgesucht, das fängt schon in der geistigen Welt an mit dem Entschluss der Elternwahl. Und mit einem neuen Zeitalter wird auch auf der Erde ihr eigener Entschluss es sein,welcher sagt:"Du bist mein Freund und du nicht."

Sind nicht die heutigen Kinder und Jugendlichen mitunter viel "größer" als wir?

Ich finde eure Diskusion recht müßig und kopflastig.

Mir fehlt das gegenseitige Aufeinander-Beziehen.

Welche Beziehung haben wir denn eigentlich hier in diesem Blog miteinander?

Ich wünsche euch eine gute Nacht.

Ruthild hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Ruthild hat gesagt…

Liebe Susanne, was Sie über die Kinder sagen, die jetzt auf die Erde kommen, sehe ich auch so. Dass der Austausch der Gedanken hier nur kopflastig sein soll, EMPFINDE ich aber gar nicht so.Ich lade Sie oder Dich (Ich weiß nicht , welche Anrede gewünscht wird), herzlich ins Kinderhaus ein. Liebe Grüße
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Das irritiert! Menschen versuchen etwas zu verstehen, und dann wird gemeint: die Diskussion wäre kopflastig. Mit dem Herzdenken hat das nichts zu tun. P.

Susanne hat gesagt…

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...."

Kinder diskutieren nicht.

Wir müssen nicht über Kinder reden.

Sondern einfach Kinder sein.
Unser inneres Kind rauslassen.

Ruthild hat gesagt…

Liebe Susanne, ich bin überzeugt davon, dass wir sogar viel über Kinder und auch die Situation von Müttern und Familien reden müssen, weil überall, an den veschiedensten Orten, in den verschiedensten Institutionen die Rechte der Kinder missachtet werden. Liebe Grüße
Ruthild
PS Ich nehme mal an, dass Du auch von den Gedanken, den Worten Rudolf Steiners über Kindererziehung, Menschenkunde...profitiert hast.

Anonym hat gesagt…

21 Juni 1993.

Pelle und Annika (Beide 2,5 Jahre alt) kriegen ein Stück Kuchen angeboten.
Pelle: Ich, ich, ich.
Annika: Ich, ich, ich.
Pelle (böse, Tränen): Nein, mein Ich.

Herzlich
Huub

Anonym hat gesagt…

P.s.

Liebe Suzanne, liebe Ruthild,

Ich denke es braucht beides.
Eure beiden Beiträge freuen mich.
Ich komme öfters in einem Kindergarten und sehe wie unsicher manche Eltern sind über die Art wie sie ihre eigenen Kindern erziehen. Unsicherheit, manchmal auch unter Sicherheit versteckt.
Kinder brauchen Sicherheit, suchen Sicherheit. Mit den Kindern kann man Kind sein in so ferne, dass die Kinder auch wirklich Kind sind. Aber man braucht ein Auge dafür, zu sehen, wo und wie die Kinder schon zu erwachsen sind oder wo sie noch zu klein sind für deren Alter
Und an dem Punkt muss man erwachsen sein und da braucht es Gespräche (keine Diskusionen) mit Kolleginnen und Eltern.

Herzlich
Huub

Susanne hat gesagt…

Reden ja.

Aber mit dem Herzen. Und nicht mit dem Intellekt.

Rudolf Steiner ist eine Leuchte auf meinem Weg.

Herzlich an alle

Susanne