11.07.2010

Über den Ball als Geliebte

Spanien ist also Weltmeister geworden, verdient würde ich sagen. Die spanische Mannschaft ist wie eine Harmonika, die von zwei unsichtbaren Händen manchmal zart, manchmal wild, dann wieder cool oder verärgert bespielt wird. Die Mannschaft dehnt sich aus, zieht sich zusammen, neigt sich in die Länge, neigt sich in die Breite... Und der Ball ist eine gemeinsame und geteilte Geliebte, die gezielt dorthin gebracht werden soll, wo sie unbedingt hin soll, nämlich ins Tor der Gegner, das im Grunde genommen ein Bett ist.

Ich mag die spanische Mannschaft sehr. Aber auch die Deutschen haben mir Spaß gemacht. Podolski, Schweinsteiger, Özil, Müller und Klose haben über Wochen überzeugend bewiesen, eine intime Beziehung zum Ball zu haben. Vor allem Özil hat mich diesbezüglich beeindruckt. Wenn er den Ball an seinen Füßen hat, scheint das Ding sich in ein empfindsames Sinnesorgan zu verwandeln, so etwas wie ein rundum nacktes Auge, das gleichzeitig auf alle Mitspieler schaut und dem türkisch-deutschen Spieler telepathisch mitteilt, wohin der nächste Pass soll.

Und dann Klose... Jemand aus der deutschen Abwehr hat den Ball wild und weit nach vorne geschossen, einfach um vom feindlichen Druck befreit zu werden. Der Ball ist also unbestimmt unterwegs, dreht sich hoch oben in der Luft verunsichert um die eigene Achse, weiß also nicht so ganz genau, was das alles soll, kann sich dann nicht länger da oben halten und senkt sich alsdann in einer nicht nachvollziehbaren Kurve genau an die Stelle, an der sich gerade der rechte Fuß von Klose befindet. Dieser Fuß küsst den Ball, macht dann eine winzig kleine Bewegung, eine zarte Drehung, die eher wie eine Liebkosung ist, und bringt das runde Ding wieder zu sich selbst und damit ins Spiel.

Wunderschön... Es gibt allerdings noch ein paar Fußballspieler mehr, die es zu würdigen gilt. Leider hat Messi aus Argentinien seine Liebe zum Ball in den letzten Wochen kaum zeigen können. Der Grund ist ziemlich einfach: seine Gegner hatten so viel Angst vor ihm, dass er von mindestens vier stämmigen Kerlen andauernd überwacht wurde. Er konnte nirgends hin, nicht in den Osten, nicht in den Westen, nicht in den Süden, nicht in den Norden. Und als er etwas dazwischen ausprobieren wollte, etwa NNW, stand da ein fünfter Kleiderschrank. Schade, schade, weil Messi ohne Zweifel der rührendste Fußballspieler der Welt ist. Sein Trainer Maradonna nennt ihn „mein Maradonna“, aber er hat sich auf der taktischen Ebene leider nichts einfallen lassen, um seinen Augapfel aus seiner unmöglichen Lage zu befreien. (Er hätte ihn zum Beispiel nicht als Stürmer, sondern als Rechtsverteidiger aufstellen können. Wäre genial gewesen...)

Dann Arjen Robben. Der Holländer spielt wie der Teufel mit seinem ganzen Körper, wie Gott mit seiner Stirn. Robben treibt auf rechts nach vorne, nimmt den Ball mit seinem ganzen Körper mit, als ob das Ding wie ein Testikel an seinem Bauch baumelt, dreht nach rechts, dreht dann nach links, hält kurz inne, und alle Mitspieler und Zuschauer wissen: jetzt wird es geschehen! In der teuflischen Verwirrung entsteht bei den Gegnern ein kurzes Staunen, fußball-technisch heißt das „Lücke“, und in diese Lücke schickt Robben mit seinem mächtigen linken Bein die Kugel, die rechts oben im Tor landet, dort, wo die Hände des staunenden Torwarts gerade nicht hinreichen. So macht Robben das. Und seine Stirn? Davon hat er ganz viel, wie ein Flachland, das sich vertikal aufgerichtet hat. Wenn er den Ball ins Tor köpft, meint man, dass er den Ball dorthin GEDACHT hat.

Diego Forlán aus Uruguay. Er hat das erste Gegentor gegen die Holländer unerwartet-aber-sehr-elegant ins Netz gebracht. Forlán sieht ein bisschen aus wie ein Popsänger, der kurzfristig zu einer Party eingeladen worden ist, nicht so genau wusste, was er zu erwarten hatte, schnell seine Haare mit einem Haarband mehr oder weniger in Ordnung brachte und sich jetzt ohne Bedenken ins Feiern stürzt. Im herzlichen Ausnutzen von gebotenen Gelegenheiten ist Forlán ein Meister: er weiß eigentlich von nichts, ist an nichts beteiligt, schon gar nicht an solchen lästigen Vorgängen wie „Vorbereitungen“ und „Aufbau“ und „Aufräumen“, führt das Fest allerdings zu einem unvergesslichen Höhepunkt. Er macht das Fest zu einem Fest, weil er sich zu etwas eingeladen fühlt, was über das Fest hinaus geht.

Carles Puyol. Von dem Spieler aus Barcelona wird gesagt, dass er vielleicht nicht so ganz viel Talent hat, allerdings im Stande sei, eine ganze Mannschaft zusammen zu halten (als ob das kein Talent wäre). Als Fußballer scheint er mir reiner Wille zu sein. Meistens steht er ganz hinten, überblickt das ganze Spiel, greift aggressiv-aber-fair ein, schmeißt sich sozusagen in bedrohliche Situationen und löst sie mit Kraft und Intelligenz auf... Recht schön ist Puyol allerdings, wenn er in der Luft schwebt, was er oft und gerne auf unerklärliche Art und Weise macht: er sieht den Ball von rechts oben kommen, macht ein paar Schritte um Fahrt zu kriegen, löst sich rätselhaft ohne Flügel vom Erdboden, drängt mit seinem Kopf nach vorne, trifft die Kugel (ich meine eigentlich: er begegnet ihr) und hilft ihr gezielt ins Bett. Die deutschen Fans verstehen was ich meine...

Kommentare:

Sebastian Gronbach hat gesagt…

AMEN!

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Im Endspiel Spanien gegen die Niederlande ging es ja ziemlich unfair zur Sache, wie z.B. BILD und EXPRESS berichten. Jedenfalls entlädt der Fußball generell sehr dumpfe Leidenschaften...


BROT UND SPIELE

Fussball ist Ersatzkrieg -
oder Ersatzreligion?
Dieser Tage begegnete mir
als Werbeaufdruck
auf einem Feuerzeug
der Fussballgott als
“fighting spirit“
in der stilisierten Gestalt eines
Totenkopfes.
Rasende Leidenschaften
überfallen die Massen,
wenn der Fussballgott
zur WM geladen hat
und nationale
Chauvinismen locken.
Kaum Luft zu atmen
hat da der Geist der Fairnis,
wo im Hause der
Völkerfreundschaft
plötzlich der Hass wohnt...

(Michael Heinen-Anders)

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle! Deine Beschreibung des Fußballs und der Spieler überzeugt mich total! Ich habe selbst keine Beziehung zu diesem Spiel, aber was ich in den letzten Wochen erlebt habe ist dieses : Die ganze Welt eint sich in einem gemeinsamen Spiel und dieses Spiel ist so ernsthaft und würdig und heilig wie überhaupt das Spiel eines kleinen Kindes sein kann! Herzliche Grüße Ruthild

Anonym2 hat gesagt…

http://www.zeit.de/sport-newsticker/2010/7/12/252933xml

Anonym hat gesagt…

ich finde Fussball blöd!
Das ist schon lange kein Spiel mehr,sondern Politik und Korruption.
Es hat nichts mehr mit "Spiel" zu tun, es herrscht eher Krieg.
Bei keiner Sportart gibt es durch "Fans" so viel Gewalttätigkeit.

Anonym2 hat gesagt…

"Der letzte Akt des Turniers wurde zu einer zynischen Karikatur dieser Metamorphose: Die niederländischen Spieler gingen zu Werke, als wollten sie das alte Bild vom stilvollen Scheitern endgültig in die Geschichtsbücher - nun ja, treten. Es schien, als hätten sie die Vorgabe Mark van Bommels wörtlich genommen: "Wir müssen ihr Mittelfeld brechen, um ihre Spielmacher am Spielen zu hindern."
Van Bommel war im Halbfinale selbst mit gutem Beispiel vorangegangen und hatte die anatomische Belastbarkeit einiger Uruguayer auf eine harte Probe gestellt. Im Finale war sich selbst der feinsinnige Robin van Persie nicht für schmutzige Fouls zu schade. Und als Nigel de Jong Xabi Alonso mit einem selten gesehenen gesprungenen Brustkick niederstreckte, weckte dies endgültig den Eindruck, hier seien noch einige alte Rechnungen aus dem 30-jährigen Krieg zu begleichen. Dieser führte im 17. Jahrhundert zur Abspaltung der protestantischen nördlichen Niederlande vom Reich des Habsburger-Königs Philip II. - und wird noch heute in der niederländischen Hymne besungen."

http://www.taz.de/1/sport/wm-2010/artikel/1/stil-spielt-keine-rolle-mehr/

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber anonymer Kommentator! Was sie schreiben, mag durchaus zutreffen, dass man an alte Feinseligkeiten, Kriege erinnert wird: Aber es ist doch immerhin kein Krieg zwischen Völkern, sondern ein sehr ernstes Spiel und das ist ein riesiger Fortschritt für die Menschheit. Herzlich

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

vielen Dank für deine interessanten Kommentare und Beschreibungen. Wenn ich in der Kahlgrachtmühle übernachte und von Martin als erstes die Sportseite gereicht bekomme ( wobei auf Seite 1 generell Fussball dominiert ) , dann gebe ich immer den Hinweis, das dies zu meiner "banalen" Seite gehört und ich dies pflege, sozusagen als Ausgleich zu meinen sonstigen Höhenflügen. Das ist, recht überlegt, Quatsch ( eher ein banaler Höhenflug ), die Weltmeisterschaft vereinte alle unter einem Dach: von der Linke (+) bis zur Rechten(-), von Blassweiß bis dunkelschwarz, von naiv bis unerträglich intelligent, von klein bis groß, von der Süddeutschen bis zur Bild-Zeitung und selbst mein Hirn in alle Richtungen.

Danke für die Zentrierung..

P.S. Sebastian nicht AMEN, sondern Gracias, oder so ähnlich.

Football`s coming home!

Einen schönen Gruß

Ralf G.

Anonym hat gesagt…

Danke für die Beobachtung ohne Werturteil. Wenn man die Welt immer so beschreiben könnte wäre bestimmt die Welt anders !
Habe es auch versuch auf meine internet Seite - http://web.mac.com/josiane.simonin - während die Olympische Spiele. Ist in mein Blog - Le monde autrement - unter "Lumière sur le chemin" ... auf Französisch ...
Josiane Simonin

Joachim hat gesagt…

Wenn die Holländer schon nicht schön gespielt haben, so "haben" sie doch Jelle van der Meulen, den Fussballgoetheanisten !

terra canaillo hat gesagt…

Eine lyrische und fachtechnisch hervorragende liebeserklärung an den verschiedenen methoden der ballbehandlung!

Gruß, Joseph Canaillo