28.04.2009

Text als Teppich. Über Samuel und einen Händler

... und ja, Samuel hatte es schon verstanden! Das Grinsen des Händlers hatte sich wie ein Vogel von seinen Lippen befreit und sich breit über die Straße & über die Dächer bis zum Horizont ausgeweitet. Und Samuel war mit aufgestiegen, über die Straße & über die Dächer, wie ein Vogel, und er hatte gesehen, wie das Grinsen sich dort, wo die Erde sich zurücknimmt, auflöst. Das Grinsen, dachte Samuel, hört nicht da auf, wo der Mund Wange geworden ist, sondern dehnt sich – auch wenn wir es nicht merken – über die erkennbaren Grenzen von Stadt & Landschaft & Himmelskuppel aus. Und wenn ich will, so meinte er, kann ich mit aufsteigen - mit dem Grinsen des Händlers, der ja plötzlich vor mir stand und dann grinste, weil er meine Hilflosigkeit sofort erkannte. Ich brauche ja nicht bei dem Mann zu bleiben, der auf mich schaut und meine Gifte achtlos genießt, als wäre ich eine Zigarette. Das Grinsen hat eine schwingende Kraft nach oben & auf den Wellen kann man bis in den Himmel surfen. (...) Bald aber war Samuel wieder auf seine Füße zurückgekehrt, weil das Grinsen unerkennbar & irgendwie Atem geworden war & keinen Halt mehr bot. Er war in der sonnigen Stadt weiter gewandert, den Teppich unter seinen Arm gerollt, den Verkäufer noch in Gedanken. Der Mann, meinte Samuel, hat seine Nase tief in meine Angelegenheiten gesteckt & sein Blick hat so gestochen, wie sonst nur Pfeile stechen. Alles an ihm schien scharf & kantig & schmutzig – nur seine Hände nicht, die waren sanft & fein. Er hat mit seiner Hand, dachte Samuel, die Haut des Teppichs gestreichelt & für eine Weile gar nicht gegrinst & ohne Worte auf der sanften Fläche verweilt, als wäre er in der Wüste, als wären seine Kinder dabei, vielleicht sogar seine Mutter. Die Finger hatten zarte Spitzen & die Nägel waren weit zurück geschnitten & die Farbe der Haut war rosa & Samuel meinte: zehn samtweiche Berührungsfläche – und alles was die Finger berühren, wird in lebendige Haut verwandelt! (...) Bin ich jetzt Haut geworden, dachte Samuel? Nein, ich trage meine Haut unter meinem Arm mit. Und wenn ich will, nur wenn ich will, kann ich meine Haut ausrollen & sie berühren lassen. (...) Der Händler war auf einmal aufgetaucht – wie Samuel meinte: aus dem Erdboden aufgeklumpft, aufgestapelt, oder besser: aus dem Nichts aufgerichtet. Der Grund seines Daseins, dachte Samuel, liegt unter meinen Füßen. Und weil ich auf der Flucht bin, ja immer immer immer auf der Flucht bin & meine Füße sich wie Klumpen auf der Erde bewegen, ja immer immer immer fortbewegen, ohne inne zu halten, ohne zu hören, ohne zu berühren, entstehen da unten Löcher & Löcher & Löcher – Schritt um Schritt Löcher & in den Löchern entstehen die Händler & aus den Löchern kommen die Händler zum Vorschein & sagen: Halt! Gerade das hatte der Händler gesagt: Halt, und ja, Samuel hatte es schon verstanden! Das Grinsen des Händlers...

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

samuel, es gibt d die geschichte eines jungen der von anfang seines lebens solche schritte geht. die , die ihn dabei begleitete und die ihn später als er älter wurde begleiteten, hat er verlassen. seine schritte waren mir die schönsten, wahrsten und weitesten, die ich je erleben durfte, als er noch neben mir war. einer der sich alles selber beibringt, den die meisten lehre falsch verstanden. weilsie nie so einen menschen gedacht haben, nie geahnt.
jelle, samuel geht auch solche schritte, geht da auch einer neben ihm, der ihn liebevolle betrachtet und vielleicht in all seinen gedanken begleitet.. so wie ich meinen sohn?
liebe grüße, birgitt

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle, das berührt mich sehr, weil Dein Text tief in mir drin eine Wahrheit zeigt, die vergraben in mir ruht(e). Und ich spüre eine große Traurigkeit, wenn ich jetzt darauf gucke und merke, dass ich mich viele Jahre in (m)einer Falle befand und noch befinde. Birgitt
- Birgitt mit doppel-t gibt es nicht viele, aber hier gleich zwei! -

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Birgitt, ob Samuel begleitet wird? Ich glaube nicht. Oder es müsste von Sammy sein? Samuel sucht übrigens immer noch nach seine Rolle. Warum taucht er immer wieder auf? Und wie "wesenhaft" sind literarische Personen? Herzlich, Jelle

Anonym hat gesagt…

Vielleicht liegt Samuels Rolle darin, dass er dies alles, was er so in sich erlebt und erfühlt seinen Lesern mitteilt, weil ich denke und von mir selber weiß, dass auch andere Menschen ähnlich fühlen und sich selbst darin ein Stück erkennen können.
– Obwohl es ganz persönlich erst mal nur Samuel betrifft, scheint es doch so zu sein, wie Du, Jelle, einmal geschrieben hast: Persönliche Dinge gibt es nicht. –
Ist Samuel eine literarische Person ?? Oder was ist eine literarische Person?

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Oh je. Jetzt hatte ich so einen schönen Beitrag geschrieben... und dann war er plötzlich weg... Ich versuche also noch einmal zu beschreiben, was mich beschäftigt:

Literarische Figuren, Personen oder Gestalten gibt es nicht.
Das scheint mir eindeutig zu sein.

Das Wort Literatur ist eine spätere Ableitung des lateinischen littera, der „Buchstabe“.

Es gibt also ge-schriebene oder be-schriebene Personen, Figuren und Gestalten.

Und möglich ist es, dass die be-schriebenen eher im realen Leben zu finden sind, und die ge-schriebenen in der Literatur.

Aber darum geht es hier doch nicht echt, oder?

Für mich existiert Sammy genauso wie Samuel, Jelle, Sophie, Birgitt, Charlotte und all die anderen...

Wichtig scheint mir das Bild des Teppichs. Des geknüpften Teppichs. Er braucht Knotenpunkte. Verknüpfungen. Wie ein Schicksalsnetzwerk.
Die Farben sind wichtig, die Formen und Muster.

Wie entstehen sie?

Sammy hat seinen Teppich dabei. Unter seinem Arm. Ob er ihn auch einmal ausbreitet? Damit wir sehen können, welche Farben, Formen und Muster er hat?

Er entsteht unter unseren Füssen, wenn wir auf ihm gehen...

Aber es gibt auch fliegende Teppiche. Gebetsteppiche. Wandteppiche. Und jede Art von Wohnzimmer-Teppichen...

Die geknüpften Teppiche, die Gewebe unseres Seins, die Textur unseres Lebens - das sind für mich die Bilder, die uns weiterführen.

Herzlichen Dank für dieses Text-Gewebe!
Sophie

Andrea hat gesagt…

Etwas verwirrt hat er mich dieses Mal, der Text.bzw. die Kommentare allesamt auch. Obwohl mir die allerersten Samueltexte die allerliebsten waren, verstand ich dieses Mal nicht viel. Oder doch ? ich wage es nicht es zuzugeben, dass ich doch was verstehen zu glaube.....ich habe heute nachgelesen was denn die ersten Samuel Geschichten beinhalten. ich dachte eher der Samuel ist eine Gesprächsperson mit dir selbst, Jelle, stimmt denn das nicht?
Also literarische Personen sind in sofern "wesenhaft" als dass sie der Leser noch etwas in sich weiterdenken lässt und er sich in der Atmosphäre, die sie in ihm haben entstehen lassen noch weiterdrin einhüllt oder die gelesenen Gedanken im Leser weiterführende Gedanken entzünden, die er ohne das Lesen erst später oder gar nicht gedacht hätte.

Ruthild Soltau hat gesagt…

Liebe Sophie Pannitschka!
Ich habe mich sehr über Ihren Kommentar gefreut. Sie gehen so frei und leicht mit den Bildern der Geschichte um, sodass für jeden, der will, wieder neuer Bilder und Geschichten entstehen können.
Vielen Dank
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Dieser Text schwebt. Hans-Peter

Anonym hat gesagt…

Ich finde den Text total interessant und lese dies:

Samuel kann sich berühren lassen, aber nur wenn er will.
Er ist immer auf der Flucht und dabei stampft er tiefe Löcher in den Boden.
In diesen Löchern entsteht und aus den Löchern kommt der Händler. Ein Händler handelt und macht Geschäfte. Und steckt seine Nase tief in Samuels Angelegenheiten.
Der Händler genießt Samuels Gift – vielleicht gibt es etwas, das ihn vergiftet - und Samuel erhält dafür Berührung mit sich selbst, wenn er sie zulassen kann; wenn er die Ursache für die Vergiftung sehen will. Wenn nicht, dann kommt bald der nächste Händler und grinst und genießt...
Was kann Samuel tun, damit er seine Haut ausrollen kann und sich berühren lassen kann und seine Flucht beenden kann?

Vermutlich steckt dieser Samuel in uns allen, oder?

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Liebe Ruthild: gerne geschehen!

Wenn ich mir den Text und die Kommentare heute durchlese, dann habe ich das Gefühl, dass es jetzt darum geht ein Gespür dafür zu entwickeln, was ein "Wesen" ist und was eine "Rolle" ist.

Darüber könnte das schriftliche Teppich-Gewebe-Gespräch weitergehen.

Ich kann das jetzt nicht, weil ich mitten in einem Seminar bin - aber vielleicht fühlt sich der eine oder der andere ja angesprochen und bewegt diese beiden Begriffe...

Herzlich, Sophie