21.02.2009

Basiskonflikte in der Biographie (2). Ode an die Depression

In meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass in der Biographie eine „dritte Phase“ erreicht wird, wenn in der Erkenntnis des eigenen Basiskonflikts eine Gewissheit entstanden ist, „die dazu führt, dass die Fragen & Spannungen & Anstrengungen aus der persönlich-psychologischen Sphäre gehoben werden und eine objektive Bedeutung bekommen“.

Und: „Wir sprechen von einem sehr gelungenen Leben, wenn aus den Spannungen des Konflikts ein bewusster Sprung gemacht und ein neues Bedeutungsfeld eröffnet wird. Oder anders gesagt: der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er als Sprungbrett für umfassendere Fragestellungen genutzt wird.“

In einem Kommentar fragt „Anonym“: „Jelle, kannst du mir das bitte näher beschreiben?“

Ich meine das Folgende. Mir scheint es so zu sein, das „Konflikte“ & „Probleme“ & „Spannungen“ heutzutage immer stärker als „rein persönliche“ Angelegenheiten verstanden werden. Ein einfaches Beispiel: eine fundamentale Erfahrung die zum Menschen & damit zur Welt gehört & die wir mit dem Wort „Depression“ andeuten, wird eigentlich nicht mehr als objektiver Erfahrungsvorgang betrachtet, sondern als Krankheit, die unbedingt zu vermeiden ist.

Die beklemmende Erfahrung des Geworfen-Seins, des Spüren des Abgrundes, des Erlebens des Nichts war in den alten Mysterien ein Geschehen, das zur Gestaltung der Persönlichkeit auf eine positive Art und Weise beigetragen hat. Die Entwicklung von Weisheit war nicht möglich, ohne die Bodenlosigkeit des Lebens kennen zu lernen.

Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schrieb Samuel Taylor Coleridge ein Gedicht mit dem Titel: „Dejection: An Ode“, also eine Ode an die Niedergeschlagenheit. Coleridge stellt die Depression nicht als Krankheit dar, sondern als eine Erfahrung, die zu einer ganz bestimmten Erkenntnis führen kann. Er beschreibt diese Einsicht mit den Worten:

Ah! From the soul itself must issue forth
a light, a glory, a fair luminous cloud
enveloping the Earth - ...

Die Depression kann also zu der Erfahrung führen, dass die Quelle der Freude nicht außerhalb von uns zu finden ist, sondern in uns, dass heißt in unsere Seele. Die Depression ist in diesem Sinne zu verstehen als eine zwar schmerzhafte, aber durchaus sinnvolle Durchgangsphase auf der Reise zu mir selbst und der Welt. Die Depression als ein rein persönliches Problem zu verstehen, führt gerade dazu, dass man in der Depression stecken bleibt und das entstehende Licht, den Glanz, den leuchtenden Schein nicht wahrnimmt.

Bekannt ist ja eigentlich längst, das Licht und Schatten zusammen gehören. Wenn man aber beginnt, diesen Zusammenhang zu er-leben, ja zu leben, dann wird es unumgänglich, diesen beschriebenen Sprung zu machen und damit ein neues Bedeutungsfeld zu eröffnen.

Alles was ein Mensch erfahren kann, gehört zur Welt. Wenn ein Mensch mit einem Problem ringt (und das kann ja ALLES sein), ringt er objektiv mit der Welt. Oder vielleicht besser gesagt: die Welt spielt sich in uns ab; alle persönlichen Probleme sind Weltprobleme.

Persönliche Probleme gibt es nicht.


Mit Dank an Sophie Pannitschka

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Also kämpft die Welt in mir
und ich mit ihr darinnen.
Alle Schatten drängen sich,
alle Welt versteht mich nicht,
wenn ich allein will mich verstehen.
Erst im Tun gelingt es mir
mich und die Welt zu sehen.

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle, ich habe diesen Text gern gelesen. Ich würde am Schluss andersherum formulieren: Alle Weltprobleme sind auch persönliche Probleme. Jedenfalls ist mein Empfinden mehr so. Aber in Wirklichkeit gehören beide Erfahrungen zusammen.
Herzliche Grüße
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Wider die Glorifizierung von Depression!
Was soll an einer Depression gesund und natürlich sein?
Schmerz ist normal, ebenso Trauer, Wut, Verzagtheit, Angst, Hilflosigkeit, etc. Aber eine Depression???
Wenn ein großer Verlust erlitten wurde ("groß" beschreibt hier keine objektiven Kriterien sondern das rein subjektive Erleben), kann es sein, dass die Trauer sehr tief, intensiv und nicht von kurzter Dauer ist. Man sollte sie trotzdem nicht mit einer Depression verwechseln. Trauer ist ein Weg: man muss durch ein Tal, aber es geht weiter (wenn auch nicht geradlinig und nicht immer vorwärts. Aber Depression bedeutet, dass sich die Gedanken und Gefühle in einem Labyrinth "verlaufen" haben. Sie kreisen sinnlos umher und genau genommen herrscht Stillstand - innerlich immer und manchmal sogar äußerlich, wenn jede Bewegung einen immensen Kraftakt darstellt.
Trauer, Wut, Angst, Verzweiflung und Verzagtheit etc. haben mit einer Depression genau so viel gemeinsam, wie ein homöopathisch "verdünntes" Gift dem reinen Gift: ersteres heilt - letzteres tötet.

Monika hat gesagt…

Danke für diesen Beitrag Jelle
Seit 2 Monaten gehe ich durch einen tiefen Prozess, erlebe so etwas wie Ostern. Es ist meine intensive Beschäftigung mit Individualität und Persönlichkeit. Immer wieder überfällt mich eine unendlich tiefe Traurigkeit, die aber nicht getragen ist von Hoffnungslosigkeit, Wut, Angst oder Enttäuschung. Sondern es ist der Prozess der Persönlichkeit in mir, die sich am Transformieren ist. Sie wird wie ans Kreuz geschlagen. Hüllen fallen und gleichzeitig zu dieser sogenannten Depression ist sie verbunden mit einer Glückseligkeit und dem Wissen, dass mir nichts passieren kann. Ja, ich sehne mich sogar nach dieser Traurigkeit, denn sie ist auch zugleich tiefstes Mitgefühl für diese Persönlichkeit und gleichzeitig tiefstes Mitgefühl für alles, was um mich ist. Menschen, die mich verletzen möchten, Menschen, die sich von mir trennen, weil sie meinen Prozess nicht verstehen, kann ich in mir aufnehmen und erlebe ihren Schmerz und verwandle ihn in Liebe. Die Welt erscheint wie durchsichtig und um nichts aus der Erde möchte ich damit tauschen und bin doch ganz in ihr und sehe meinen Auftrag in ihr, den ich mit Freude erfülle.
Herzlich
Monika

Charlotte hat gesagt…

Heute morgen las ich einen einfachen Satz von Kierkegaard, der mich berührt und gleichzeitig beruhigt hat:

"Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden."

Ich glaube schon, dass es darum geht alles zu leben - und dann auch alles zu verstehen. Jedenfalls es zu versuchen.

Leben und verstehen gehören zusammen.

Ist es nicht so, dass die Dichotomie von Mensch und Welt, Individuum und Gesellschaft, der Einheit und der Vielheit durch Anteilnahme überwunden werden kann?
(..."die" Parzival-Frage...)

So können scheinbar persönliche Probleme zu Weltfragen werden, und weltliche Probleme zu persönlichen....
Ja nur dann entwickeln wir uns weiter, finden sich "Lösungen" - und zwar für Mensch UND Welt.

Das Geheimnis dabei scheinen mir die Grenzen der Prozesshaftigkeit zwischen Innen und Aussen, zwischen mir und der Welt, zwischen der Welt und mir zu sein.

Und da kommt die alte Frage auf, was sind das für Grenzen, wie sehen sie aus? Wo fange ich an und wo höre ich auf?

Die menschliche Identität markiert die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen mir und dir, zwischen innen und aussen.

Wie also könnte man den Tanz nennen, den Depression und Glück (wenn das das Gegenteil von Depression ist) in mir tanzen?

Und, hat das etwas mit "dem Sprung" zu tun?

Was können wir davon "lernen" - wenn wir es verstehen?

Herzlich, Ch.

Monika hat gesagt…

... Die menschliche Identität markiert die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen mir und dir, zwischen innen und aussen. ...

Liebe Charlotte
Vielen Dank für Deinen Kommentar.
Dies ist genau die Frage, die mich beschäftigt und ich bin zu diesem Schluss gekommen: Die Individualität ist das Ungeteilte in mir und die Persönlichkeit meine Maske, das Gewand für dieses Leben. Die Schnittstelle findet zwischen diesen Beiden statt. Wenn die Individualität für die Mission steht in meinem Leben und zugleich zum Ungeteilten gehört, also zum GANZEN, so kann diese nicht depressiv sein, sondern nur in der Freude. Nur da, wo ich Teil von etwas bin (die Maske), kann die Seele sich geteilt fühlen. Die Individualität ist für mich der Teil, der die Verbindung zu Geist/Seele ist und Persönlichkeit die Verbindung von Seele/Körper. Zur Verbindung von Persönlichkeit gehört nach meiner Erfahrung die Ich/Du Beziehung, zur Verbindung von Individualität gehört die Du/WIR Beziehung. Das ich hat sich da aufgelöst und wirkt nicht mehr aus der Persönlichkeit. Ich heißt lt. Ego.
Im anthroposophischen Verständnis wird ich auch noch anders verwendet, nämlich so: JCH stellvertretend für Jesus CHristus. Und dann stimmt es wieder, nämlich: nicht ich sondern Christus in mir. Für Rudolf Steiner war die Differenzierung dieser beiden Wörter: Individualität und Persönlichkeit von enormer Wichtigkeit. (GA53)
Herzlich
Monika

Anonym hat gesagt…

Jelle, du meinst, persönliche Probleme gibt es nicht.
Ich habe aber ein Problem! Und wenn ich deine Website u. die Kommentare lese, dann bekomme ich ein weiteres Problem:
Alle Welt versteht die Welt. Die Texte u. Kommentare sind weise und voller Lebenserfahrung. Bloß ich kapier überhaupt nichts mehr! Ich kann einfach keinen Verknüpfungspunkt finden, denn
meines Erachtens ist es mein klares persönliches Problem, wenn ich die Strom- und Heizungsrechnung nicht mehr bezahlen kann.

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe(r) Anonym, wenn ich dich richtig verstehe, meinst du mit dem Wort "persönlich" etwas anderes als ich in meinem Blogtext. Ist aber egal. Was ist geschehen, dass du deine Stromrechnung nicht mehr bezahlen kannst? Herzlich, Jelle

Anonym hat gesagt…

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Anonym hat gesagt…

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