26.02.2012

Köhler, Wulff, Gauck. Die Bedeutung des Wortes "Bundespräsident"

„Die Seele emanzipiert sich immer mehr vom Wort“, sagte Rudolf Steiner einmal. Dieser Satz bedeutet nicht viel. Er schwebt frei und ungreifbar im Hier und Jetzt, beinhaltet zwar acht vertraute Worte in einer grammatisch korrekten Reihenfolge, erzeugt jedoch höchstens ein paar vage Assoziationen. Aus dem verführerischen Satz könnte aber ganz viel Schönes & Wichtiges & Umwerfendes hervor gezaubert werden.

Sprachwissenschaftler neigen an dieser Stelle dazu zu sagen: Sätze brauchen einen Kontext. Und sie haben recht: Wird ein Satz aus seinem Zusammenhang genommen, bleibt manchmal nicht viel an Bedeutung übrig, vor allem dann nicht, wenn die Zeit in ihrer Dauer wirksam war. Uralte Sätze die wir alle kennen, die uns quasi einverleibt sind, haben ihre lebendige Bedeutung längst verloren. Beispielsweise: „Mensch, erkenne Dich!“, oder „Stirb´ und werde“, oder „Alle Menschen sind Brüder“.

Also, ohne Kontext keine Bedeutung... Leider gilt das allerdings auch für das Wort „Kontext“ selber, das längst keinen Kontext mehr hat. Das Wort alleine ist ganz und gar nicht mehr im Stande, das heilige Feuer der Bedeutung zu entzünden. Mir scheint es ein Gesetz zu sein: Je öfter ein bestimmtes Wort (oder ein Bild oder eine Geste) gedankenlos wiederholt wird, je mehr wird es zu einem Loch, in dem sich bekanntlich Gespenster einnisten. (Ja, ich weiß, mit dem Wort Loch muss ich langsam ein bisschen aufpassen.)

Leere, bedeutungslose oder kontextfreie Worte haben eine enorme Macht. Im Moment können wir das in Deutschland an dem Wort „Bundespräsident“ erleben. Die verwirrenden (aber durchaus interessanten) Schicksale von Horst Köhler und Christian Wulff haben dazu geführt, dass eigentlich niemand mehr so genau sagen kann, was ein Bundespräsident ist oder sein müsste. Auf einer abstrakten Ebene sind wir uns einig, dass ein Bundespräsident ein „Amt“ inne hat, welches in der Verfassung festgelegt ist, und wir stimmen auch zu, dass der Bundespräsident „ein Mensch“ (eben mit Freunden) ist, der das Amt auf seine Art und Weise und im Kontext seines Lebens gestaltet. Dieser Mensch ist ein „Würdenträger“.

Die Beziehung zwischen Amt und Mensch ist seit dem Abschied von Horst Köhler auf einmal ein Problem geworden. Wir wissen noch immer nicht, was den „Menschen“ Köhler vor zwei Jahren dazu bewogen hat, sich von einem auf den anderen Tag aus seinem „Amt“ zurückzuziehen. Mir ist der Blick seiner Augen noch immer sehr präsent, als er im Schloss Bellevue vor der versammelten deutschen Presse mitteilte: „Ich haue ab.“ Er wirkte entschlossen, allerdings auch ratlos, sprachlos und angespannt, als ob er im Dschungel der Politik einem unbekannten und sehr gefährlichen Tier begegnet wäre, mit dem er „als Mensch“ nicht klar kam. Das Tier hat er allerdings nicht erwähnt.

Von Christian Wulff reden wir jetzt nicht, über ihn und seine „Menschlichkeiten“ ist in der letzten Zeit genug gesagt und geschrieben worden. Jetzt ist Joachim Gauck designierter „Bundespräsident“. Auf seiner Stirn steht das Wort „Bundespräsident“ mit massiven schwarzen Buchstaben geschrieben, wie Graffiti, die man nicht mehr weg kriegt, egal was man macht. Das Wort ist so schwer geworden, dass Gauck kaum noch im Stande ist, seinen Kopf zu heben. Von ihm wird jetzt erwartet, dass er „uns“ mit geneigtem Haupt zeigt, was ein „Bundespräsident“ im Wesentlichen ist.

Seine Mission bleibt chancenlos, solange wir uns nicht um die Sprache kümmern. Das Wort „Bundespräsident“ ist leer und somit schwer geworden, weil der „Kontext“ uns abhanden gekommen ist. Es existiert nur noch als Wort-ohne-Begrifflichkeit. Nichtsdestotrotz wird in den Medien, in Kneipen und Küchen ständig vom Gespenst des „Bundespräsidenten“ gesprochen. Diese Tatsache beunruhigt mich, wegen der Macht der Löcher... Wenn wir nicht wach sind, schlüpft etwas durch die Löcher, was wir vielleicht später bedauern werden.

Von leeren Worten wird die Seele sich immer mehr emanzipieren. (Jetzt hat der Satz von Steiner auf einmal wieder einen „Kontext“.) Horst Köhler könnte uns diesbezüglich einen großen Dienst erweisen, er könnte seine Seele öffnen, könnte uns vom Dschungel der Politik erzählen, von einem Ungeheuer, (vielleicht auch von einem Einhorn, das er im Garten von Bellevue meint flüchtig gesehen zu haben), von seinen Hoffnungen, Enttäuschungen und Ängsten, von den Abgründen in Berlin, den Freundschaften und Feindschaften... Das Wort „Bundespräsident“ ist leer geworden, weil wir auf die Dynamik keine Sicht mehr haben, die mit der von uns gewollten Verbindung von Person und Amt offenbar einher geht.

Leere Worte sind gefährlich, wie zum Beispiel die Worte „Person“ und „Amt“. Was macht eine Person aus? Eine Person lebt und gestaltet ein persönliches Schicksal. Und was ist ein Amt? Ein Amt drückt das Schicksal eines Volkes aus. Wenn die Beziehung zwischen Person und Amt in die Sphäre der Sprachlosigkeit gerät, wenn also Tabus den Diskurs bestimmen, stockt das Leben. Und das Ergebnis ist am Ende, dass alle abhauen: Bundespräsidenten und Bürger. Dadurch wird dem Schicksal ausgewichen, es wird vermieden.

19.02.2012

Der Gral als Kraftquelle. Über gelebte Kindheit

Der Gral ist eine Kraftquelle. Er ist ein „Dinc“ (so sagt es Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“), der zwar ein Ding, jedoch gerade noch kein Gegenstand ist. Würde er tatsächlich zum „Stein“ oder zur „Schale“ werden, verlöre er seine Wirkung. Die Kraft des Grals hängt mit einem Innehalten zusammen, das sich an der Grenze zwischen dem noch Ungreifbaren und dem bereits Greifbaren des Menschen befindet und dort gehandhabt wird.

Der Gral wird von Engeln ständig bis an diese Grenze herangetragen, er kommt dort sozusagen immer gerade an. Seine Kraft liegt in dem Umstand, dass er gleichzeitig da ist und nicht da ist, er befindet sich andauernd in einem Vorgang, der in Raum und Zeit nur dann vorstellbar ist, wenn die Aufmerksamkeit auf Übergänge gerichtet ist. Der Gral hält inne, verbleibt lebendig in der Sphäre des Übergangs von Aura und Gegenstand, von Stimmung und Text, von Intention und Geste. Er bildet einen Zwischenraum.

Wenn Menschen versuchen dem Gral habhaft zu werden, was nie richtig gelingen kann, entsteht eine Vorstellung die sich wie ein Vorhang zwischen die Dinge schiebt: Der Gral verschwindet definitiv hinter dem Bild der Schale oder des Steins. Alleine aus diesem Grund ist es verständlich, warum es in der spirituellen Tradition zwei Vorstellungen gibt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das Bild eines geschlossenen Steines und das einer geöffneten Schale. Die vorhandenen Vorstellungen erlauben uns nicht, den Gral auf einen Punkt zu bringen.

Die Teilnahme des Menschen am Gral fängt damit an, dass er bewusst darauf verzichtet, seine Vorstellungen zu fixieren. Er braucht zwar Vorstellungen, um sich das Phänomen des ständig Im-Kommen-seins zu vergegenwärtigen, verschiebt seine Aufmerksamkeit dann jedoch sofort auf die nächste Ebene, nämlich die des Fühlens. Er wischt seine Vorstellungen aus, tritt in die Sphäre der Verwandlung und „schwebt“ in die Übergänge. Wenn der Mensch das schafft, findet eine doppelte Stärkung statt: Er wird vom Gral getragen, der Gral wird von ihm gehütet.

Die Engel verzichten darauf, das „Dinc“ in die Welt der Gegenständlichkeit zu stoßen, die Menschen verzichten darauf, das „Dinc“ in der Welt der Gegenständlichkeit zu vereinnahmen. Beide Opfertaten tun an beiden Seiten der Grenze weh, den Engeln und den Menschen, weil sie in den jeweiligen Wirklichkeiten als gegenläufig erlebt werden. Der Gral geht im Grunde genommen aus einer Verschmelzung der beiden Opfertaten hervor.

Der Gral ist einerseits ein Angebot der Engel, existiert andererseits aber nur, wenn die Menschen ihn wollen. Seine Wirkung beruht auf einer Zusammenarbeit zwischen greifbaren Menschen und ungreifbaren Engeln, zwischen beschränkten Körperlichkeiten und unbeschränkten geistigen Potenzen. Und deswegen hängt seine Wirkung mit der „ätherischen“ Lebenskraft der Kindheit zusammen. Der Gral ist wie eine Lebensbombe, die mit liebevollen Verzögerungen immer ein kleines bisschen explodiert, wenn wir es wollen...

Gelebte Kindheit ist für Erwachsene erst dann möglich, wenn sie damit aufhören, die Vorstellungen vom Ich – vom eigenen Ich, von deinem Ich, von unseren „Persönlichkeiten“ also – als wichtiger zu sehen und zu handhaben als das Ich selbst. Manchmal wird gesagt, dass gerade Geborene, wir nennen sie „Babys“, noch kein Ich haben, was ganz und gar nicht stimmt. Babys sind deswegen so strahlend peripher präsent, weil sie noch keine Vorstellungen von ihrem eigenen Ich und von meinem Ich haben. Gerade als reines Ich sind sie voll da.

Allerdings unbewusst... Der Gral ermöglicht das Unmögliche dadurch, dass er über Vorstellungen halbwegs bewusst erreichbar ist, die „kosmischen“ Kräfte der Kindheit jedoch erst dann frei macht, wenn die Vorstellungen davon, wer ich bin oder sein sollte, wer du bist oder sein solltest, ausgewischt werden. Die menschlichen Hüter des Grals sind voll bewusste Babys, die immer wieder mit Kopf und Herz Vorstellungen gründlich aufbauen, sie dann aber genauso gründlich mit Herz und Gliedmaßen wieder auflösen. Nicht das Ergebnis dieses Vorgangs macht den Gral aus, sondern der Vorgang selbst.

12.02.2012

Die Taufe "zwischen uns". Noch einmal über Löcher und Initiieren

Drei große Namen wurden in den Kommentaren der letzten Wochen ins Spiel gebracht: Joseph Beuys („Schütze die Flamme!“), Kurt Tucholsky („Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“) und Emmanuel Lévinas („Die Kathedrale ist zwischen uns.“). Heute möchte ich mit Hilfe der Worte dieser drei längst verstorbenen Größen versuchen, die Frage einer meiner Leserinnen zu beantworten: „Wie kommt ein Mensch dazu, etwas zu initiieren, das ohne ihn nicht in Erscheinung träte?“

Mit den Worten: „Das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses“ wird Kurt Tucholsky in einem der Kommentare zitiert. Mir ist nicht deutlich, was der linke Journalist und Schriftsteller an dieser Stelle mit Paradies meinte, vielleicht einfach den Zustand des Glücks und der Harmonie. Dass er die „einzige Vorahnung des Paradieses“ durch ein Loch fand, ist allerdings nachvollziehbar. Der moderne Mensch kommt manchmal dazu, eine bestimmte Bestimmung zu erkennen, weil er sich dort gerade nicht befindet.

Das Loch von Tucholsky wurde bei Joseph Beuys eher „Chaos“ oder eben „Nichts“ genannt. In seinen Vorstellungen entsteht die freie Kreativität aus dem Nichts, aus dem toten Umschlagpunkt im Chaos. Das Nichts ist bei Beuys ein Moment, ein Event, ein Geschehen... Wahrscheinlich hätte Beuys das Loch von Tucholsky sofort von seiner räumlichen Statik befreit und in eine dynamische Bewegung verwandelt. Für Beuys gab es keine Löcher, alles war ständig in Bewegung.

Und dann Emmanuel Lévinas, der sensitive Phänomenologe aus Paris, der Philosoph, dessen Wesen mit einer Birke im Frühling zu vergleichen ist: Alles zitterte in seinen Worten und Gesten, vibrierte innig und liebevoll, bewegte sich wie schüchterne Fingerspitzen zwischen einem Ich und einem Du. (Versuche dich mal in eine Birke im Frühling zu versetzen, und du wirst merken, wie Licht und Luft miteinander einen zarten Reigen tanzen. Na ja, über Lévinas zu schreiben, ohne nebenbei eine Liebeserklärung abzugeben, kriege ich nicht hin.)

Für Lévinas lag die Quelle der Bewegung-im-Leben eigentlich nicht primär im Ich, sondern im Du. Das Du ist ihm heiliger als das Ich. Er ließ sich ständig vom Du „taufen“, was etwa bedeutete, sich aus der Vereinzelung zu heben, sich erwecken und befreien zu lassen... Das Ich ist für Lévinas wie ein zur Schale gewordenes Loch, und die Worte und Gesten und Einladungen und eben auch die Angriffe seitens des anderen Menschen sind für ihn die Hostien des Lebens geworden. Obwohl er Jude war, praktizierte er die christliche Weisheit des Grals: Was wirret Dir? Und vor allem auch: Was bedeutest Du mir?

Die Bedeutung der Taufe kann nicht darin liegen, dass ein Loch „gefüllt“ oder eben „aufgehoben“ wird, gerade nicht, sie stärkt den Menschen darin, sich in Löchern oder im Chaos aufhalten zu können. Anders als kirchliche Institutionen manchmal suggerieren, bietet die Taufe keinen Schutz gegen die dunklen Bereiche des Lebens, für die der Teufel zuständig ist. Sie wirkt wie Luft und Licht in der Blättermasse einer Birke.

Ein Wort, ein Blick, eine Geste, ein Gruß, ja eben ein „Tschüss“ (muss nicht unbedingt „Grüß Gott“ sein) können die Kraft der Taufe öffnen. In seinem Kommentar schreibt Henning Köhler mit Recht: „Kindstaufe heißt, ein Kind in Ehrfurcht und Dankbarkeit zu empfangen. Das kann man mindestens 14 Jahre lang machen, jeden Tag“.

Lévinas würde allerdings betonen, dass der moderne Mensch die Bereitschaft entwickeln müsste, sich im Leben von anderen Menschen taufen zu lassen. In Ehrfurcht und Dankbarkeit taufen wollen, wie Henning beschreibt, ist ein „Dinc“; sich selber taufen lassen zu wollen, ist ein zweites Ding. Lévinas würde an dieser Stelle mit Sicherheit sagen, dass für Erwachsene die Taufe erst dann geschieht, wenn sie im anderen Menschen, im Du also, die Quelle des Handelns erleben.

Wie kommt ein Mensch dazu, etwas zu initiieren, das ohne ihn nicht in Erscheinung träte? Ich würde sagen, dass er dazu kommt, wenn er sich vom Du taufen lässt. Und das bedeutet auch, dass die Frage sich verwandelt: Wie kommen ein Du und ein Ich dazu, etwas zu initiieren, das ohne „uns“ nicht in Erscheinung träte? Erst mit dieser Frage ist auch praktisch etwas anzufangen, weil sie konkrete Lebenssituationen mit einbezieht.

05.02.2012

Über die Taufe und die Taube. Ein leeres Loch in der Seele

Ich bin in einer evangelischen Kirche getauft worden. Meine Eltern waren „Calvinisten“, sie gehörten also einer Strömung innerhalb der reformatorischen Bewegung an, die als streng und willensstark gilt. In meiner Jugend ging es gar nicht darum irgendetwas Göttliches zu verstehen oder eben zu erleben, die Hauptsache lag darin, ein paar moralische Gesetze, die nie in Frage gestellt wurden, mit persönlicher Kraft durchzusetzen.

Die Tatsache getauft zu sein, hat mir als Kind nie etwas Positives bedeutet. Ich glaube nicht, dass ich mir je darüber Gedanken gemacht habe, und falls es in mir eine Stimmung in Bezug auf die Taufe gab, wäre sie mit dem Wort „Theater“ angedeutet. Das Einzige, was mich jeden Sonntag in der Kirche berührte, war die Sprache die gesprochen wurde; mich fesselten immer wieder bestimmte Formulierungen aus der Bibel, wie „Am Anfang war das Wort“ und „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig...“ Mit solchen Worten kamen manchmal auch die Tränen.

Als Jugendlicher war mir die Taufe eher peinlich. Weil ich der Älteste von acht Kindern war, gab es in meiner Jugend immer wieder „Theater“; etwas offenbar Wichtiges geschah mit dem neugeborenen Geschwisterchen, eine Beziehung dazu hatte ich allerdings nicht. Als ich vierzehn Jahre alt war entschloss ich mich dazu, mich von der Kirche zu trennen, als ich sechzehn war, folgte – nach heftigen Debatten mit meinem Vater - mein definitiver Austritt. Das zweite Sakrament der Reformatoren (neben der Taufe) habe ich nie mitgemacht: das heilige Abendmahl (das übrigens immer früh am Sonntagmorgen einmal im Monat zelebriert wurde).

Ich muss mich auch heute noch wirklich anstrengen, der Tatsache des getauft-Seins eine positive und wirksame Bedeutung zu verleihen. Obwohl mich die Sprache des Christentums so stark begleitet, ist die Wirkung der Sakramente und Rituale offenbar schwach auf mich. Ich bin übrigens längst nicht mehr stolz auf diesen Umstand, stelle einfach fest, dass es bei mir so aussieht. Wenn ich mich jedoch durchringe, wie heute, entsteht folgendes Bild.

Die Taufe ist erstens als ein Akt der Bestätigung zu verstehen. Die Taufe bestätigt, dass ich lebe, dass ich nicht alleine lebe... Die Taufe ist ein Ereignis in einer Gemeinschaft, einer „Gemeinde“, deren Zugehörige sich versammeln, um das Neugeborene zu begrüßen, zu würdigen und anzunehmen. Es geht dabei nicht um irgendein Kind, sondern um ein Kind mit einem Eigennamen, mit einem Schicksal, also um „mich“ und um „dich“. Die Taufe ist somit eine sehr persönliche Sache.

Zweitens ist die Taufe eine vertikale Angelegenheit. Auf irgendeine Art und Weise ist „Gott“ präsent, er ist „dabei“, und er bestätigt nicht nur, dass ich lebe und nicht alleine lebe, sondern stellt sich in seiner Liebe und in seiner Macht quasi zur Verfügung. Er möchte sozusagen „mitmachen“, allerdings nur wenn „ich“ und „du“ dies wollen. Gott stellt eigentlich die Frage: Was willst du mit mir? Und diese Frage hat bewusst oder unbewusst auf das ganze Leben eine Wirkung. In der Taufe wird eine Beziehung geknüpft, die recht paradox aussieht: Gerade in der Tatsache, dass Gott uns die Freiheit überlässt, ist er mächtig anwesend.

Wegen der Fragen einer Leserin (im vorigen Blogtext und in den Kommentaren) beschäftigt mich die Frage: Was bedeutet es, wenn man als Kind NICHT getauft ist? Noch ganz abgesehen davon, dass ich mich offenbar in meinem Leben lange so verhalten habe, als WÄRE ich nicht getauft worden, leuchtet mir heute ein, dass die Frage des nicht-getauft-Seins nur im Raum stehen kann, weil es die Taufe einfach gibt. Man ist als Kind entweder getauft oder nicht getauft, was bedeutet: Die Taufe hat IMMER ihre Wirkung, auch wenn man nicht getauft ist.

Die Taufe entzündet etwas, auch in Menschen die gerade nicht getauft worden sind, allerdings nur dann, wenn sie zur Frage geworden ist. In einem ihrer Kommentare schreibt „Charlotte“: „Ich wurde nicht getauft. Und ich erlebe diese Tatsache schon lange wie ein tiefes leeres Loch in mir.“ Ein leeres Loch in der Seele also...

Löcher in der Seele, so scheint es mir manchmal, haben eine kräftige Wirkung. Sie wecken im Umkreis das, was es im Kern gerade nicht gibt – sie machen irgendwie ein Negativ aus, das ein Positiv erzeugt. Die Wirkung läuft allerdings über „Schmerz“, über das Leid also. In einer Kultur des Herzens könnte man an dieser Stelle sagen: Was in der Vergangenheit, warum auch immer, gefehlt hat, kann in der Gegenwart der Anlass zu etwas Positivem werden.

Taufe... Man braucht nur einen Buchstaben zu ändern und man hat das Wort Taube. Bei der Taufe im Jordan erschien eine Taube, als Sinnbild der wesentlichen Individualität Christi. Vom Gral wird gesagt, dass einmal im Jahr, immer am Karfreitag, eine Taube kommt, um auf die Schale eine Hostie zu legen. Wie wäre es mit dem Gedanken, dass das Loch in der Seele auch wie eine Schale zu verstehen ist, die sich öffnen könnte, für das was im Umkreis bereits lebt?