Über die Taufe und die Taube. Ein leeres Loch in der Seele
Ich bin in einer evangelischen Kirche getauft worden. Meine Eltern waren „Calvinisten“, sie gehörten also einer Strömung innerhalb der reformatorischen Bewegung an, die als streng und willensstark gilt. In meiner Jugend ging es gar nicht darum irgendetwas Göttliches zu verstehen oder eben zu erleben, die Hauptsache lag darin, ein paar moralische Gesetze, die nie in Frage gestellt wurden, mit persönlicher Kraft durchzusetzen.
Die Tatsache getauft zu sein, hat mir als Kind nie etwas Positives bedeutet. Ich glaube nicht, dass ich mir je darüber Gedanken gemacht habe, und falls es in mir eine Stimmung in Bezug auf die Taufe gab, wäre sie mit dem Wort „Theater“ angedeutet. Das Einzige, was mich jeden Sonntag in der Kirche berührte, war die Sprache die gesprochen wurde; mich fesselten immer wieder bestimmte Formulierungen aus der Bibel, wie „Am Anfang war das Wort“ und „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig...“ Mit solchen Worten kamen manchmal auch die Tränen.
Als Jugendlicher war mir die Taufe eher peinlich. Weil ich der Älteste von acht Kindern war, gab es in meiner Jugend immer wieder „Theater“; etwas offenbar Wichtiges geschah mit dem neugeborenen Geschwisterchen, eine Beziehung dazu hatte ich allerdings nicht. Als ich vierzehn Jahre alt war entschloss ich mich dazu, mich von der Kirche zu trennen, als ich sechzehn war, folgte – nach heftigen Debatten mit meinem Vater - mein definitiver Austritt. Das zweite Sakrament der Reformatoren (neben der Taufe) habe ich nie mitgemacht: das heilige Abendmahl (das übrigens immer früh am Sonntagmorgen einmal im Monat zelebriert wurde).
Ich muss mich auch heute noch wirklich anstrengen, der Tatsache des getauft-Seins eine positive und wirksame Bedeutung zu verleihen. Obwohl mich die Sprache des Christentums so stark begleitet, ist die Wirkung der Sakramente und Rituale offenbar schwach auf mich. Ich bin übrigens längst nicht mehr stolz auf diesen Umstand, stelle einfach fest, dass es bei mir so aussieht. Wenn ich mich jedoch durchringe, wie heute, entsteht folgendes Bild.
Die Taufe ist erstens als ein Akt der Bestätigung zu verstehen. Die Taufe bestätigt, dass ich lebe, dass ich nicht alleine lebe... Die Taufe ist ein Ereignis in einer Gemeinschaft, einer „Gemeinde“, deren Zugehörige sich versammeln, um das Neugeborene zu begrüßen, zu würdigen und anzunehmen. Es geht dabei nicht um irgendein Kind, sondern um ein Kind mit einem Eigennamen, mit einem Schicksal, also um „mich“ und um „dich“. Die Taufe ist somit eine sehr persönliche Sache.
Zweitens ist die Taufe eine vertikale Angelegenheit. Auf irgendeine Art und Weise ist „Gott“ präsent, er ist „dabei“, und er bestätigt nicht nur, dass ich lebe und nicht alleine lebe, sondern stellt sich in seiner Liebe und in seiner Macht quasi zur Verfügung. Er möchte sozusagen „mitmachen“, allerdings nur wenn „ich“ und „du“ dies wollen. Gott stellt eigentlich die Frage: Was willst du mit mir? Und diese Frage hat bewusst oder unbewusst auf das ganze Leben eine Wirkung. In der Taufe wird eine Beziehung geknüpft, die recht paradox aussieht: Gerade in der Tatsache, dass Gott uns die Freiheit überlässt, ist er mächtig anwesend.
Wegen der Fragen einer Leserin (im vorigen Blogtext und in den Kommentaren) beschäftigt mich die Frage: Was bedeutet es, wenn man als Kind NICHT getauft ist? Noch ganz abgesehen davon, dass ich mich offenbar in meinem Leben lange so verhalten habe, als WÄRE ich nicht getauft worden, leuchtet mir heute ein, dass die Frage des nicht-getauft-Seins nur im Raum stehen kann, weil es die Taufe einfach gibt. Man ist als Kind entweder getauft oder nicht getauft, was bedeutet: Die Taufe hat IMMER ihre Wirkung, auch wenn man nicht getauft ist.
Die Taufe entzündet etwas, auch in Menschen die gerade nicht getauft worden sind, allerdings nur dann, wenn sie zur Frage geworden ist. In einem ihrer Kommentare schreibt „Charlotte“: „Ich wurde nicht getauft. Und ich erlebe diese Tatsache schon lange wie ein tiefes leeres Loch in mir.“ Ein leeres Loch in der Seele also...
Löcher in der Seele, so scheint es mir manchmal, haben eine kräftige Wirkung. Sie wecken im Umkreis das, was es im Kern gerade nicht gibt – sie machen irgendwie ein Negativ aus, das ein Positiv erzeugt. Die Wirkung läuft allerdings über „Schmerz“, über das Leid also. In einer Kultur des Herzens könnte man an dieser Stelle sagen: Was in der Vergangenheit, warum auch immer, gefehlt hat, kann in der Gegenwart der Anlass zu etwas Positivem werden.
Taufe... Man braucht nur einen Buchstaben zu ändern und man hat das Wort Taube. Bei der Taufe im Jordan erschien eine Taube, als Sinnbild der wesentlichen Individualität Christi. Vom Gral wird gesagt, dass einmal im Jahr, immer am Karfreitag, eine Taube kommt, um auf die Schale eine Hostie zu legen. Wie wäre es mit dem Gedanken, dass das Loch in der Seele auch wie eine Schale zu verstehen ist, die sich öffnen könnte, für das was im Umkreis bereits lebt?
9 Kommentare:
Lieber Jelle,
das Gespräch geht in eine andere Richtung im Moment als meine Gedanken. Dennoch möchte ich diesen Strang mit Beuys nebenherlaufen lassen. Die Vorträge, die man im Internet finden kann, erschüttern mich. Heute morgen, kurz bevor du deinen neuen Eintrag veröffentlicht hast, hörte ich den sechzehnminütigen "Dank an Wilhelm Lehmbruck". Es ist die letzte Rede vom 12.Januar 1986, und die persönlichste, die ich gehört habe. Er sagt darin unter anderem, dass er zu dem Entschluss, sich mit der Plastik zu befassen, nicht hätte kommen können, ohne die Arbeit Wilhelm Lehmbrucks.
Ich will hier nicht zu viel sagen, nur dass es um ein Grunderlebnis geht, so nennt er es auch. Ein Mensch, der durch seine Arbeit einem anderen, den er nie gekannt hat, den Zugang zu seinem eigenen Auftrag ermöglicht. Nur den Anfang möchte ich zitieren, denn hierin stellt Beuys eine Frage, die ich für dieses Gespräch hier wichtig finde.
"Ich möchte meinem Lehrer, Wilhelm Lehmbruck danken. Warum konnte ein Mensch, der, nachdem ich ein ganz kleines Bruchstück seines Werke, und das sogar noch als Fotografie einmal in die Hände bekam, in mir den endgültigen Entschluss erzeugen, mich mit der Plastik, mich mit der Skulptur auseinanderzusetzen? Wieso konnte also ein Toter mir so etwas lehren, eine entscheidende..., etwas Entscheidendes für mein Leben festzulegen, denn ich selbst hatte, aus meinem eigenen Suchen heraus, eigentlich bereits anders festgelegt, denn ich befand mich schon inmitten eines naturwissenschaftlichen Studiums."
Wenn Ihr wollt, hört es Euch an.
Mich beschäftigt die Frage, inwiefern ein Mensch, ein Schöpfer, dem Anderen Anlass zu einer solchen - ich gebrauche jetzt ein anderes Wort, das Du, Jelle, ins Spiel gebracht hast - Initiation sein kann.
Das ist etwas, das mich sehr beschäftigt. Und die Frage berührt, wie wir (einander) darin bestärken können, dieser Spur zu folgen, da sie offensichtlich die Kraft hat, über Zeit und Ort hinaus Wege zu finden, die Menschen der Zukunft zu erreichen. So wie Lehmbruck diesen Menschen, der aus seiner zeitlichen Perspektive ein Mensch der Zukunft war - absichtslos, hallo Patrice! - erreicht hat.
Es scheint so zu sein, dass, indem ein Mensch offen ist - das Loch? -, er die Bedingung zu einem solchen Grunderlebnis prinzipiell in sich trägt.
Wenn er dem, was in ihm ausgelöst wird dann beharrlich folgt, kann das, was er dadurch schafft und in die Welt hineinprägt, für einen anderen zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort zu einem Erlebnis führen, das einen bestimten Impuls oder, Beuys spricht von einer Flamme, weitergibt. Impuls, Flamme, Taube... Loch. Wir sprechen alle in Bildern.
Ein Loch zu definieren, ist nicht einfach. Ist es ein negativer Raum, ein leerer Raum, etwas, das offen ist oder ist es eine Eigenschaft des Raums?
Wäre es eine Lücke in der abwechselnd glatten und klebrigen Oberfläche dessen, was oft "Realität" genannt wird, so könnte durch das Loch oder die Lücke in einem stickigen Raum auch frische Luft einziehen. Dann wäre Loch ein Synonym für Hoffnung.
Nicole
Quelle:
http://www.youtube.com/watch?v=8CfCSlimYCw&feature=related
(1.Teil, 06:15 min))
http://www.youtube.com/watch?v=jHzPEuWoiDw&feature=related
(2.Teil, 10:00 min)
Jelle,
"Loch in der Seele"
Was ich dazu beitragen kann ist dies, meine Sicht:
Ich sehe uns in unserer Geborenheit als Klumpen und ich glaube, dass wir dafür vorgesehen sind, uns im Leben zu läutern zur göttlichen Form, zum Ring, also Loch im Zentrum ... für mich als Astrologen ist das zum einen sowieso tierkreismäßig greifbar und zum anderen ein Bild, das mir die religio, die Rückverbundenheit, und auch die Vorverbundenheit von uns Gegenwärtigen, also die Kette der Geschlechter, fassbar macht.
Die Taufe ist für mich das Wunder der Namensgebung einschließend Taufspruch,das mit Wasser, Symbol des ganz und gar Unbewussten, Unbefleckten, besiegelt wird.
In wem das lebt in dem ist es.
Herzlich Mundanomaniac
"Loch in der Seele"
Loch
Seele
Taufbecken
Becken
Uterus
Gebärmutter
Mutter
Gebären
Geburt
Geburtskanal
Enge
Anfang
Tunnel
Ende
Öffnung
Tiefe
Schwärze
Ungewißheit
WoherWohinWodurch
Unheimlich
Heimlich
Heimelig
Heim
Zuhausesein
Heimat
Geborgenheit
Ankunft
Sehnsucht
Frau Holle
Tauchen
Wagen
Mut
Liebe
Tat
Tatkraft
Ergebenheit
Hier im Ruhrgebiet tut sich manchmal die Erde auf und es entstehen aus dem Nichts Löcher...
Welch ein Grusel beim Wort LOCH.
Seit Kindestagen negativ belegt: Löcher in Hosen, Strickjacken, Socken. Löcher im Knie und Kopf.
In Schuhsohlen.
In der Erde.
In der Tüte, wenn die Maus nagte.
Löcher im Gedächtnis.
Bezogen auf Kindheiterlebnisse, aber auch bei Klassenarbeiten.
Wann beginnt ein Loch ein neues Leben? Wann kann ich aus dem Unheimlichen eine Heimat stülpen?
Ab welchem Moment wende ich, wie seint dieser Wendepunkt?
SST 6.1.2012
Beim allem gebotenem Ernst, ohne den Weltenhumor geht es halt doch nicht. Deshalb nachfolgende Ausführungen von Kurt Tucholsky:
Zur soziologischen Psychologie der Löcher
von Kurt Tucholsky
Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.
Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.
Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.
Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aberbeständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.
Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?
Und warum gibt es keine halben Löcher –?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.
Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.
"Die Kathedrale ist zwischen uns". (Emmanuel Lévinas)Ich glaube, die Sakramente werden überflüssig. Taufe ist dennoch ein schöner Brauch. Kann man aufrecht erhalten. Darf aber nicht
zum hoheln Ritual verkommen. Auch nicht zum bürgerlichen "Brauchtum". Das Problem des ganzen kirchlichen Sakramentalismus ist spirituelle Routine, also etwas, das es gar nicht gibt. Kindstaufe heißt, ein Kind in Ehrfurcht und Dankbarkeit zu empfangen. Das kann man mindestens 14 Jahre lang machen. Jeden Tag. Die entscheidende Frage ist nicht, was es für ein Kind bedeutet, keine kirchliche Taufe erlebt zu haben, sondern was es für ein Kind bedeutet, nicht die angemessene ehrfurchtsvolle und dankbare Empfangsstimmung bei den Erwachsenen vorzufinden - zuhause, im Kindergarten, in der Schule. Taufe dein Kind gleich morgen früh! Machen wir Unterricht im Geist der Taufe!
Henning
Was für ein Gedanke, was für eine Inspiration: Gestalten wir Unterricht im GEIST der Taufe, empfangen wir unsere Kinder täglich neu - in Dankbarkeit und Ehrfurcht.
Vielen vielen Dank an Hennig!!
Diese Inspiration trifft mitten hinein in mein Herz...
Jaqueline
taufen heisst "tief machen"...
ich wurde als säugling (also "bewusstlos") mit wasser getauft, meine kinder (schon "vollbewusst")wurden mit wasser, salz und asche getauft...
für mich ist taufe eine variante von "mit allen wassern gewaschen sein"...
roswitha
Lieber Henning,
und was machen wir mit den ungetauften Kindern - die nun schon erwachsen sind und ohne Segen durchs Leben zu kommen versuchen??
Herzlich
sophie
Die Haltung der Ehrfurcht ist wesentlich für die Wirksamkeit eines Sakramentes. Die Kirchen sind heute oft dekadent gewordene Mysterienstätten ("Wo keine Götter walten, walten Gespenster"). Die Haltung der Ehrfurcht ist Voraussetzung für eine Handlung, eine Tat, eine Intuition im Hier und Jetzt, die Vergangenheit und Zukunft, Himmel und Erde verbindet. Bei einer Kindstaufe wird das Kind mit Substanzen berührt: Wasser, oder Wasser, Salz uns Asche. Diese Tat verbindet das Kind "neu" mit den Erdenkräften. Ganz viel kommt für die Zukunft der Erde darauf an, wie wir mit ihren Substanzen umgehen. Haben wir Achtung vor dem Müll, den wir produzieren? Die modernen Priester suche ich zum Beispiel bei den Menschen der Stadtreinigung und Umweltingeneuren, natürlich auch bei Eltern, Erziehern, Lehrern, Krankenschwestern. Die Reihe kann fortgesetzt werden. Es müssen nicht nur etablierte Berufe sein.
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