Köhler, Wulff, Gauck. Die Bedeutung des Wortes "Bundespräsident"
„Die Seele emanzipiert sich immer mehr vom Wort“, sagte Rudolf Steiner einmal. Dieser Satz bedeutet nicht viel. Er schwebt frei und ungreifbar im Hier und Jetzt, beinhaltet zwar acht vertraute Worte in einer grammatisch korrekten Reihenfolge, erzeugt jedoch höchstens ein paar vage Assoziationen. Aus dem verführerischen Satz könnte aber ganz viel Schönes & Wichtiges & Umwerfendes hervor gezaubert werden.
Sprachwissenschaftler neigen an dieser Stelle dazu zu sagen: Sätze brauchen einen Kontext. Und sie haben recht: Wird ein Satz aus seinem Zusammenhang genommen, bleibt manchmal nicht viel an Bedeutung übrig, vor allem dann nicht, wenn die Zeit in ihrer Dauer wirksam war. Uralte Sätze die wir alle kennen, die uns quasi einverleibt sind, haben ihre lebendige Bedeutung längst verloren. Beispielsweise: „Mensch, erkenne Dich!“, oder „Stirb´ und werde“, oder „Alle Menschen sind Brüder“.
Also, ohne Kontext keine Bedeutung... Leider gilt das allerdings auch für das Wort „Kontext“ selber, das längst keinen Kontext mehr hat. Das Wort alleine ist ganz und gar nicht mehr im Stande, das heilige Feuer der Bedeutung zu entzünden. Mir scheint es ein Gesetz zu sein: Je öfter ein bestimmtes Wort (oder ein Bild oder eine Geste) gedankenlos wiederholt wird, je mehr wird es zu einem Loch, in dem sich bekanntlich Gespenster einnisten. (Ja, ich weiß, mit dem Wort Loch muss ich langsam ein bisschen aufpassen.)
Leere, bedeutungslose oder kontextfreie Worte haben eine enorme Macht. Im Moment können wir das in Deutschland an dem Wort „Bundespräsident“ erleben. Die verwirrenden (aber durchaus interessanten) Schicksale von Horst Köhler und Christian Wulff haben dazu geführt, dass eigentlich niemand mehr so genau sagen kann, was ein Bundespräsident ist oder sein müsste. Auf einer abstrakten Ebene sind wir uns einig, dass ein Bundespräsident ein „Amt“ inne hat, welches in der Verfassung festgelegt ist, und wir stimmen auch zu, dass der Bundespräsident „ein Mensch“ (eben mit Freunden) ist, der das Amt auf seine Art und Weise und im Kontext seines Lebens gestaltet. Dieser Mensch ist ein „Würdenträger“.
Die Beziehung zwischen Amt und Mensch ist seit dem Abschied von Horst Köhler auf einmal ein Problem geworden. Wir wissen noch immer nicht, was den „Menschen“ Köhler vor zwei Jahren dazu bewogen hat, sich von einem auf den anderen Tag aus seinem „Amt“ zurückzuziehen. Mir ist der Blick seiner Augen noch immer sehr präsent, als er im Schloss Bellevue vor der versammelten deutschen Presse mitteilte: „Ich haue ab.“ Er wirkte entschlossen, allerdings auch ratlos, sprachlos und angespannt, als ob er im Dschungel der Politik einem unbekannten und sehr gefährlichen Tier begegnet wäre, mit dem er „als Mensch“ nicht klar kam. Das Tier hat er allerdings nicht erwähnt.
Von Christian Wulff reden wir jetzt nicht, über ihn und seine „Menschlichkeiten“ ist in der letzten Zeit genug gesagt und geschrieben worden. Jetzt ist Joachim Gauck designierter „Bundespräsident“. Auf seiner Stirn steht das Wort „Bundespräsident“ mit massiven schwarzen Buchstaben geschrieben, wie Graffiti, die man nicht mehr weg kriegt, egal was man macht. Das Wort ist so schwer geworden, dass Gauck kaum noch im Stande ist, seinen Kopf zu heben. Von ihm wird jetzt erwartet, dass er „uns“ mit geneigtem Haupt zeigt, was ein „Bundespräsident“ im Wesentlichen ist.
Seine Mission bleibt chancenlos, solange wir uns nicht um die Sprache kümmern. Das Wort „Bundespräsident“ ist leer und somit schwer geworden, weil der „Kontext“ uns abhanden gekommen ist. Es existiert nur noch als Wort-ohne-Begrifflichkeit. Nichtsdestotrotz wird in den Medien, in Kneipen und Küchen ständig vom Gespenst des „Bundespräsidenten“ gesprochen. Diese Tatsache beunruhigt mich, wegen der Macht der Löcher... Wenn wir nicht wach sind, schlüpft etwas durch die Löcher, was wir vielleicht später bedauern werden.
Von leeren Worten wird die Seele sich immer mehr emanzipieren. (Jetzt hat der Satz von Steiner auf einmal wieder einen „Kontext“.) Horst Köhler könnte uns diesbezüglich einen großen Dienst erweisen, er könnte seine Seele öffnen, könnte uns vom Dschungel der Politik erzählen, von einem Ungeheuer, (vielleicht auch von einem Einhorn, das er im Garten von Bellevue meint flüchtig gesehen zu haben), von seinen Hoffnungen, Enttäuschungen und Ängsten, von den Abgründen in Berlin, den Freundschaften und Feindschaften... Das Wort „Bundespräsident“ ist leer geworden, weil wir auf die Dynamik keine Sicht mehr haben, die mit der von uns gewollten Verbindung von Person und Amt offenbar einher geht.
Leere Worte sind gefährlich, wie zum Beispiel die Worte „Person“ und „Amt“. Was macht eine Person aus? Eine Person lebt und gestaltet ein persönliches Schicksal. Und was ist ein Amt? Ein Amt drückt das Schicksal eines Volkes aus. Wenn die Beziehung zwischen Person und Amt in die Sphäre der Sprachlosigkeit gerät, wenn also Tabus den Diskurs bestimmen, stockt das Leben. Und das Ergebnis ist am Ende, dass alle abhauen: Bundespräsidenten und Bürger. Dadurch wird dem Schicksal ausgewichen, es wird vermieden.
2 Kommentare:
das "körpergedächtnis" der amygdala ermöglicht die emotionale verbindung zum wort...
der geruchssinn hat als einziger sinn eine direkte, ungefilterte, unbearbeitete verbindung zur amygdala...
"sei nicht naseweis" und "steck deine nase nicht überall rein" sagen wir leider kindern und korrumpieren ihre sinne. wir riechen erfreulicherweise nicht den blutgeruch der filmleiche und den mundgeruch des chatters. 1,7 mio euro werden jährlich in deutschland für deo und parfum ausgegeben, um "stallgeruch" zu überdecken. "abluft" ist gesetzlich geregelt. blumen ist der duft weggezüchtet worden. in geschäften wird man heimlich beduftet, damit man in kaufrausch gerät...
wie soll man einen guten riecher für alles, was zum himmel stinkt, entwickeln? wie soll man den braten riechen, wenn einer stänkert? wie soll man wittern, was erstunken und erlogen ist?
alle macht den nasenLÖCHERN!
"die seele emanzipiert sich immer mehr vom wort"...nicht: "von den wörtern", also mache ich mir sorgen um die emanze seele, nicht um das wort, "das am anfang war"...
roswitha
roswitha, wie schön!
mir scheint, du bist ne dufte biene!
herzlich!
SST
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