12.02.2012

Die Taufe "zwischen uns". Noch einmal über Löcher und Initiieren

Drei große Namen wurden in den Kommentaren der letzten Wochen ins Spiel gebracht: Joseph Beuys („Schütze die Flamme!“), Kurt Tucholsky („Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“) und Emmanuel Lévinas („Die Kathedrale ist zwischen uns.“). Heute möchte ich mit Hilfe der Worte dieser drei längst verstorbenen Größen versuchen, die Frage einer meiner Leserinnen zu beantworten: „Wie kommt ein Mensch dazu, etwas zu initiieren, das ohne ihn nicht in Erscheinung träte?“

Mit den Worten: „Das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses“ wird Kurt Tucholsky in einem der Kommentare zitiert. Mir ist nicht deutlich, was der linke Journalist und Schriftsteller an dieser Stelle mit Paradies meinte, vielleicht einfach den Zustand des Glücks und der Harmonie. Dass er die „einzige Vorahnung des Paradieses“ durch ein Loch fand, ist allerdings nachvollziehbar. Der moderne Mensch kommt manchmal dazu, eine bestimmte Bestimmung zu erkennen, weil er sich dort gerade nicht befindet.

Das Loch von Tucholsky wurde bei Joseph Beuys eher „Chaos“ oder eben „Nichts“ genannt. In seinen Vorstellungen entsteht die freie Kreativität aus dem Nichts, aus dem toten Umschlagpunkt im Chaos. Das Nichts ist bei Beuys ein Moment, ein Event, ein Geschehen... Wahrscheinlich hätte Beuys das Loch von Tucholsky sofort von seiner räumlichen Statik befreit und in eine dynamische Bewegung verwandelt. Für Beuys gab es keine Löcher, alles war ständig in Bewegung.

Und dann Emmanuel Lévinas, der sensitive Phänomenologe aus Paris, der Philosoph, dessen Wesen mit einer Birke im Frühling zu vergleichen ist: Alles zitterte in seinen Worten und Gesten, vibrierte innig und liebevoll, bewegte sich wie schüchterne Fingerspitzen zwischen einem Ich und einem Du. (Versuche dich mal in eine Birke im Frühling zu versetzen, und du wirst merken, wie Licht und Luft miteinander einen zarten Reigen tanzen. Na ja, über Lévinas zu schreiben, ohne nebenbei eine Liebeserklärung abzugeben, kriege ich nicht hin.)

Für Lévinas lag die Quelle der Bewegung-im-Leben eigentlich nicht primär im Ich, sondern im Du. Das Du ist ihm heiliger als das Ich. Er ließ sich ständig vom Du „taufen“, was etwa bedeutete, sich aus der Vereinzelung zu heben, sich erwecken und befreien zu lassen... Das Ich ist für Lévinas wie ein zur Schale gewordenes Loch, und die Worte und Gesten und Einladungen und eben auch die Angriffe seitens des anderen Menschen sind für ihn die Hostien des Lebens geworden. Obwohl er Jude war, praktizierte er die christliche Weisheit des Grals: Was wirret Dir? Und vor allem auch: Was bedeutest Du mir?

Die Bedeutung der Taufe kann nicht darin liegen, dass ein Loch „gefüllt“ oder eben „aufgehoben“ wird, gerade nicht, sie stärkt den Menschen darin, sich in Löchern oder im Chaos aufhalten zu können. Anders als kirchliche Institutionen manchmal suggerieren, bietet die Taufe keinen Schutz gegen die dunklen Bereiche des Lebens, für die der Teufel zuständig ist. Sie wirkt wie Luft und Licht in der Blättermasse einer Birke.

Ein Wort, ein Blick, eine Geste, ein Gruß, ja eben ein „Tschüss“ (muss nicht unbedingt „Grüß Gott“ sein) können die Kraft der Taufe öffnen. In seinem Kommentar schreibt Henning Köhler mit Recht: „Kindstaufe heißt, ein Kind in Ehrfurcht und Dankbarkeit zu empfangen. Das kann man mindestens 14 Jahre lang machen, jeden Tag“.

Lévinas würde allerdings betonen, dass der moderne Mensch die Bereitschaft entwickeln müsste, sich im Leben von anderen Menschen taufen zu lassen. In Ehrfurcht und Dankbarkeit taufen wollen, wie Henning beschreibt, ist ein „Dinc“; sich selber taufen lassen zu wollen, ist ein zweites Ding. Lévinas würde an dieser Stelle mit Sicherheit sagen, dass für Erwachsene die Taufe erst dann geschieht, wenn sie im anderen Menschen, im Du also, die Quelle des Handelns erleben.

Wie kommt ein Mensch dazu, etwas zu initiieren, das ohne ihn nicht in Erscheinung träte? Ich würde sagen, dass er dazu kommt, wenn er sich vom Du taufen lässt. Und das bedeutet auch, dass die Frage sich verwandelt: Wie kommen ein Du und ein Ich dazu, etwas zu initiieren, das ohne „uns“ nicht in Erscheinung träte? Erst mit dieser Frage ist auch praktisch etwas anzufangen, weil sie konkrete Lebenssituationen mit einbezieht.

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Als Kind habe ich mich immer wieder gefragt: ob all das wirklich da ist was ich sehe?
Oder ob es verschwindet, wenn ich nicht mehr hinsehe? Oder mich umdrehe?
Das etwas weiter da sein soll was ich nicht direkt erlebe, spüre, höre, sehe...; das erschien mir seltsam. Davon ging ein Zauber aus, der mich nie verlassen hat. Wie eine leise Weisung, zu ..Wohin?
Irgendwie bin ich dem gefolgt und finde neue Welten in mir und im anderen Sein, die sich manchmal berühren können und einen noch nie gegangenen Weg eröffnen..

b

Anonym hat gesagt…

Lieber anonymer Kommentator (Kommentatorin)! Wunderbar dieser Beitrag! Ruthild

Andrea hat gesagt…

Lieber Jelle, Was ist das für ein altmodischer mir in aller Kleinbürgerlichkeit und Spiessigkeit entgegenkommender Küchenkachel? Soll der jetzt deine und unsere grosszügigen und weit offenen Gedanken begleiten? Ich dachte schon die letzte Zeit jetzt wäre mal ein anderes Foto schön, aber das......
Wenn es dir an Fotos mangelt ich schicke dir gerne etwas aus unserer Sammlung. Entschuldigung aber ich freue mich ein anderes zu finden. Hast du nicht aus deinem Fenster mal die Elster .....nun ist genug entschuldigung nochmals es ist ja dein Blog.....Ich komme mir zwar sehr frech vor, aber dieses Titelfoto musste ich kommentieren.



Nun zum Thema: ja das ist ein wunderbarer Beitrag liebe Ruthild.
Als der erste Text über die Taufe kam, fiel mir aus meiner Kinderzeit diese Szene ein:
" Du, Timmy bist du katholisch oder evangelisch?" " Ich bin nichts, ich bin nicht getauft." Aber du hast doch einen Namen, woher ist denn der?" "Einfach so"
Wir spielten zwar weiter, aber für diesen Tag war ich in rätselhafte etwas dunkle Gedanken versunken. Herzlichst Andrea

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Ach, liebe Andrea, ich hatte mich so über die alte Kachel gefreut... Ein guter Freund, Boudewijn van Sluijs aus Middelburg, hat mir das Bild geschickt. Siehst Du denn die Schönheit nicht? Hast Du denn nicht gesehen, wie locker und fröhlich die zwei "Holländer" mit einander tanzen? Offenbar nicht... Aber gut, deine Empörung ist definitiv bei mir angekommen, ich möchte Dich natürlich nicht beleidigen oder sonst irgendwie aus dem Lot bringen. Schicke mir bitte ein Bild aus der Schweiz! Und schauen wir mal, was die Holländer davon halten! Herzlich, Jelle

Anonym hat gesagt…

Die Kachel mit den fröhlichen, leichten Tänzern gefällt mir gut. Sie erinnert mich an ein Lied: ich will Gesang, will Spiel und Tanz, will das man sich wie toll vergnügt. ein Franzose, das waren seine Wünsche zu seiner Beerdigung. Vermutlich ist er inzwischen gestorben und beerdigt, und hoffentlich haben seine Gäste seine Wünsche erfüllt.
Ich glaube ja nicht nur an ein Leben nach dem Tod, sondern auch an ein Leben vor dem Tod. und auch in diesem Leben, vor dem Tod, will ich Gesang, will Spiel und Tanz, will das man sich wie toll vergnügt. Antje Klettner

Anonym hat gesagt…

"Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei--verjährt--
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.
Die Zeit entstellt alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.
Ich habe dich so lieb."

(Joachim Ringelnatz)

;) roswitha

Nicole hat gesagt…

für b

weiterschreiben.
leise weisung.
weiterschreiben,
bitte.
löcher bohren..

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Ich schließe mich bei den Worte "für b" von Nicole an...