Der Gral als Kraftquelle. Über gelebte Kindheit
Der Gral ist eine Kraftquelle. Er ist ein „Dinc“ (so sagt es Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“), der zwar ein Ding, jedoch gerade noch kein Gegenstand ist. Würde er tatsächlich zum „Stein“ oder zur „Schale“ werden, verlöre er seine Wirkung. Die Kraft des Grals hängt mit einem Innehalten zusammen, das sich an der Grenze zwischen dem noch Ungreifbaren und dem bereits Greifbaren des Menschen befindet und dort gehandhabt wird.
Der Gral wird von Engeln ständig bis an diese Grenze herangetragen, er kommt dort sozusagen immer gerade an. Seine Kraft liegt in dem Umstand, dass er gleichzeitig da ist und nicht da ist, er befindet sich andauernd in einem Vorgang, der in Raum und Zeit nur dann vorstellbar ist, wenn die Aufmerksamkeit auf Übergänge gerichtet ist. Der Gral hält inne, verbleibt lebendig in der Sphäre des Übergangs von Aura und Gegenstand, von Stimmung und Text, von Intention und Geste. Er bildet einen Zwischenraum.
Wenn Menschen versuchen dem Gral habhaft zu werden, was nie richtig gelingen kann, entsteht eine Vorstellung die sich wie ein Vorhang zwischen die Dinge schiebt: Der Gral verschwindet definitiv hinter dem Bild der Schale oder des Steins. Alleine aus diesem Grund ist es verständlich, warum es in der spirituellen Tradition zwei Vorstellungen gibt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das Bild eines geschlossenen Steines und das einer geöffneten Schale. Die vorhandenen Vorstellungen erlauben uns nicht, den Gral auf einen Punkt zu bringen.
Die Teilnahme des Menschen am Gral fängt damit an, dass er bewusst darauf verzichtet, seine Vorstellungen zu fixieren. Er braucht zwar Vorstellungen, um sich das Phänomen des ständig Im-Kommen-seins zu vergegenwärtigen, verschiebt seine Aufmerksamkeit dann jedoch sofort auf die nächste Ebene, nämlich die des Fühlens. Er wischt seine Vorstellungen aus, tritt in die Sphäre der Verwandlung und „schwebt“ in die Übergänge. Wenn der Mensch das schafft, findet eine doppelte Stärkung statt: Er wird vom Gral getragen, der Gral wird von ihm gehütet.
Die Engel verzichten darauf, das „Dinc“ in die Welt der Gegenständlichkeit zu stoßen, die Menschen verzichten darauf, das „Dinc“ in der Welt der Gegenständlichkeit zu vereinnahmen. Beide Opfertaten tun an beiden Seiten der Grenze weh, den Engeln und den Menschen, weil sie in den jeweiligen Wirklichkeiten als gegenläufig erlebt werden. Der Gral geht im Grunde genommen aus einer Verschmelzung der beiden Opfertaten hervor.
Der Gral ist einerseits ein Angebot der Engel, existiert andererseits aber nur, wenn die Menschen ihn wollen. Seine Wirkung beruht auf einer Zusammenarbeit zwischen greifbaren Menschen und ungreifbaren Engeln, zwischen beschränkten Körperlichkeiten und unbeschränkten geistigen Potenzen. Und deswegen hängt seine Wirkung mit der „ätherischen“ Lebenskraft der Kindheit zusammen. Der Gral ist wie eine Lebensbombe, die mit liebevollen Verzögerungen immer ein kleines bisschen explodiert, wenn wir es wollen...
Gelebte Kindheit ist für Erwachsene erst dann möglich, wenn sie damit aufhören, die Vorstellungen vom Ich – vom eigenen Ich, von deinem Ich, von unseren „Persönlichkeiten“ also – als wichtiger zu sehen und zu handhaben als das Ich selbst. Manchmal wird gesagt, dass gerade Geborene, wir nennen sie „Babys“, noch kein Ich haben, was ganz und gar nicht stimmt. Babys sind deswegen so strahlend peripher präsent, weil sie noch keine Vorstellungen von ihrem eigenen Ich und von meinem Ich haben. Gerade als reines Ich sind sie voll da.
Allerdings unbewusst... Der Gral ermöglicht das Unmögliche dadurch, dass er über Vorstellungen halbwegs bewusst erreichbar ist, die „kosmischen“ Kräfte der Kindheit jedoch erst dann frei macht, wenn die Vorstellungen davon, wer ich bin oder sein sollte, wer du bist oder sein solltest, ausgewischt werden. Die menschlichen Hüter des Grals sind voll bewusste Babys, die immer wieder mit Kopf und Herz Vorstellungen gründlich aufbauen, sie dann aber genauso gründlich mit Herz und Gliedmaßen wieder auflösen. Nicht das Ergebnis dieses Vorgangs macht den Gral aus, sondern der Vorgang selbst.
5 Kommentare:
Es ist als ob ein Engel mich mit der Faust in den Rücken stößt.Denn da ist etwas was noch nicht ist. Da ist etwas, was noch undeutlich spricht, schreit, still jammert. Hört mich denn keiner?
Jetzt innehalten.Lauschen. Warten können. Noch ein bißchen mehr abwarten.
Meine Urteile klatschen alles zu. Bis zur Unkenntlichkeit.
Urteilsfrei werden. Mühen. Neu entstehen lassen. Auferstehen.
Hab ich Angst?
Enge überwinden.
Auch ein bißchen aushalten.
Es beginnt zu "singen"...
Gelassenheit, Ruhe breiten sich aus.
Nicht schlaff werden.
Ist es noch da?
Sehnsucht kommt auf. Wo ist es denn?
Rums!
Mit Ärger ist die Nähe wahrnehmbar. Ärger ist zum wach- werden da.
Lachen, Freude, liebhaben kommt.
Das ist der Beginn der Verwandlung. Der Beginn einer Offenbarung. Der Beginn von Etwas das geboren wird und willkommen geheißen sein will.
Wie zuhören, zu sich kommen , im zu dir kommen.
Ein freier Weg, im Kindergartenalltag.
Herzlich,
b
zeit...
zu wolframs zeiten bezeichnete "dinc" (oder "ding" oder "thing")die versammlung freier menschen.
raum...
also suche ich tafelrunden (wo "keiner vor dem anderen vorzug habe"), keine steine oder gefäße.
zwischenraum...
"wo zwei oder drei in meinem namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (mt 18,20)
roswitha
Wurzel und Stamm.
Wolfram von Eschenbach:
Zum Schluss kam die Königin. Ihr Antlitz strahlte so schön, dass alle meinten, dass der Morgen anbrechen würde. Man sah die Jungfrau gekleidet in Samt aus Arabi. Auf einem grünen achmardiseiden Tuch trug sie die höchste paradiesische Erfüllung, die Wurzel und Stamm zugleich war. Es war ein Ding, dass der Gral hieß, und dass alle irdische Vollkommenheit übertraf.
Lange habe ich herum gelaufen mit dem Satzteil „Wurzel und Stamm zugleich“.
Eine Anfang einer Ahnung brachte mir vor Jahren eine Biologie Lehrerin. Sie erzählte, dass bei eine Pflanze der Wurzel im Inneren wächst. Aus dem „Nichts“, aus dem Wesen der Pflanze heraus, wächst etwas in die Welt hinein. Der Stamm wächst, aus dem gleichen Wesen, an der äußeren Rand der Pflanze. Wenn ich mich versuche das vor zu stellen, dann entsteht da zwischen Wurzel und Stamm eine Bewegung von innen nach außen, was das Wachsen angeht. Zur gleicher Zeit entsteht zwischen Wurzel und Stamm eine Bewegung von außen nach innen, was das Nicht-Wachsen angeht.
Etwas später erzählte mir eine Freundin über eine spirituelle Erfahrung, die sie hatte.
Sie war in einem Traum und sah ein Licht aus einem Fenster strahlen. Sie identifizierte sich mit dem Licht und plötzlich wurde ihre Innenwelt eine Außenwelt und ihre Außenwelt wurde eine Innenwelt.
Vielleicht kennt ihr das Gefühl, das ausgeht von einem Traum in einem Traum. Da ist auch so eine Bewegung drin.
„Heinrich von Ofterdingen“ ( in diesem Name steckt auch ein Ding drinnen) von Novalis fängt an mit einem Traum:
Heinrich geht in eine Höhle hinein und findet da im Innern eine Quelle. Er steigt in der Quelle. Von da aus schwimmt er einen Strom nach und schlummert ein. Er wird von eine andere Erleuchtung geweckt. Er findet sich am Rand einer Quelle und findet neben sich eine lichtblaue Blume.
Zum Schluss möchte ich noch hinweisen auf der „Romantische Theorie“ bei Novalis, worin ich das gleiche Gralsprinzip meine wieder zu erkennen:
Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt.
Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. -Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche - die wird durch diese Verknüpfung logarythmisiert - es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung
Herzlich
Huub
WURZEL UND STAMM 2
Vor 4 Jahre schrieb ich ein Gedicht:
DIE GLÄSERNE GLOCKE
Die gläserne Glocke
schlägt in stiller Klang,
die überlebte Stunden,
kurz und lang.
Ich höre nichts,
denn ich habe Angst
für des Lebens Todesgesang,
der aus längst begraben geglaubte Emotionen
aufschreit in der Nacht.
Nur sein Echo lacht,
es baut
sich hörbar
unter die Stille auf.
Wie lange habe ich schon weg geschaut,
bis die Stille schweigend
die Glocke zerhaut
und in tausende von Splittersternen
den Himmel neu gegliedert hat?
Nur ein Wanderstern
findet fix den fernen Weg zur Erde zurück.
Ich habe Glück
mich mit ihm zu treffen,
oder trifft er mich
in meinem Herzen?
Wie viel Wunde traut er mich zu?
Wie viel Stern kann ein Herz umfangen?
Wie viel Herz braucht ein Stern dazu?
2008.
Mit kämpfen kommt Parzival nicht zum Gral.
Er kann ihm finden weil er zum Gral bestimmt ist.
Er findet ihm wenn er die Suche in Gottes Hand gibt.
Wie komme ich zum Gral?
Vielleicht gelingt es, wenn ich aus meine innere Welt eine äußere Welt mache und ich meine äußere Welt verinnerliche.
Der Gral befindet sich in jedem Mensch.
Wenn ich einen andern Menschen treffe, kann ich ihm mein Inneres zeigen und ich kann ihm in mein Inneres leben lassen.
Heutenacht habe ich mich vorgestellt, wie ein Kunstwerk aussehen würde, das in der heutigen Zeit wie einen Gral wirken würde.
Und ich stellte mir einen Raum, wie einen Würfel aus Glas vor. 3X3x3 mtr. Wände, Decke und Fußboden aus Glas. In der Mitte des Raumes steht einen kleinen Tisch aus Glas. Auf dem Tisch ein Schachspiel aus Glas, womit man im stehen spielen kann..
Die Frage, die das Kunstwerk stellt ist:
Wie kann man da drinnen mit jemand Schach spielen, ohne die Wände ( so wie in „Die gläserne Glocke“) zu zerschlagen?
Irgendwie ist das Gralsthema auch mein Thema. In vieler meinen Kunstwerke schimmert immer wieder etwas davon durch. Ich habe Jelle gefragt, ob ich die Adresse meiner Website mal hier veröffentlichen dürfte. Und ich darf. Also wer mal etwas anderes als Texte von mir sehen will, lade ich gerne ein.
www.huubtielen.com
Welch wunderschöner Text, da wird mir ganz klar ums Herz! Herzlichen Dank Wolf
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