07.01.2012

Für Dich. Die Angst braucht es, in der Stille geliebt zu werden

Für Dich, mein Gegenüber, für Dich diesen Text, diese Worte, diesen Versuch. Für Dich, mein Gegenüber-in-mir, weil ich mit Dir rede, immer wieder, über Sachen die uns beide betreffen, Dich und mich, sehr alte Sachen, sehr neue Sachen, Sachen, die mit uns verknotet sind. Für Dich, mein Freund, mein Feind, sind diese Worte geschrieben.

Und für mich, weil Deine Sachen und meine Sachen nicht getrennt werden können. Wenn ich mit Dir rede, in mir, rede ich auch mit mir. Redest Du in Dir auch mit mir? Ja, du tust es, ich weiß es... Du brauchst es mir nicht zu sagen... Und wie gelange ich an diese Stelle in Dir, wo Du mit mir redest? Wie sieht es aus in Dir, wo du mit mir sprichst? Bei mir, wo ich mit Dir rede, sieht es manchmal dunkel aus.

Ich habe Angst. Ich bin nicht sicher, ob Du es aushältst, dieses Hin und Her über die Sprache hinaus, dieses Gespräch in der Stille, diese Berührung ohne äußere Bestätigungen, ohne klare Koordinaten, ohne Anrufe, Briefe und Geschenke. Die Stille ist von einer Geschichte getragen, die wir beide nicht kennen, ich meine: vielleicht irgendwie schon ahnend erkennen, allerdings nicht erzählen und somit verstehen können.

Ich habe Angst, weil Du zu mir gehörst. Du könntest Dich zurückziehen, was heißen würde, dass ich wie ein Krüppel weitergehen müsste. Nein, Angst vor einer Verletzung habe ich nicht, ich bin bereits verletzt, manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade die Wunden in Dir und die Wunden in mir unsere Geschichte ausmachen. Vielleicht warten wir auf die Einsicht, dass es nur um eine Wunde geht, die an zwei Stellen weh tut, an einer Stelle in Dir und an einer Stelle in mir?

Hast Du Angst vor mir? Ja, du hast es, ich weiß es... Du kannst es aber nicht sagen, so wie ich nicht sagen kann, dass ich Angst vor Dir habe. Ich kann es in diesem Text nur schreiben, weil Du anonym bleibst, eine Person ohne Eigennamen bist. Merkwürdig, oder? Haben nicht gerade Freunde und Feinde immer einen Eigennamen? Sind nicht gerade Freunde und Feinde nie anonym?

Du kannst es mir nicht sagen, weil es Dich verletzbar machen würde. Eigenartig an der Angst ist, dass sie sich immer auf sich selbst bezieht und sich nie von sich selber befreien kann. Angst verselbstständigt sich, vergräbt sich, richtet sich unmittelbar eine definitive Wohnung ein. Und am Ende wissen wir nicht mehr, wovon wir uns befreien wollen, von der Angst oder von den Tatsachen, die sie geweckt hat? Die Angst lässt die Tatsachen verschwinden.

Deine Angst vor mir ist berechtigt, weil ich eine berechtigte Angst vor Dir habe. Ich anerkenne Deine Angst vor mir, allerdings ohne es auszusprechen. Ich sage es Dir, ohne es Dir zu sagen. Und meine Bitte an Dich ist heute, es mir zu sagen, ohne es mir zu sagen. Ich meine: sage es mir bitte in Dir, ich werde es merken... Und vielleicht wird es einmal einen Tag geben, wo wir befreit sagen können: „Ja, ich habe eine Angst, die es gar nicht gibt.“

Ohne Dein inneres Geständnis komme ich mit Dir nicht weiter, weil an Dir, genau wie an mir, ein paar Unmöglichkeiten haften. Nicht die Unmöglichkeiten als solche machen es mir unmöglich, mit Dir weiter zu machen, nein, denke bitte nicht, dass es meine Unmöglichkeiten sind, die es Dir unmöglich machen. Was uns trennt, ist die Angst, die sich an zwei Stellen breit macht, an einer Stelle in Dir und an einer Stelle in mir. Die Angst braucht es, in der Stille geliebt zu werden.

11 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mooi. liefs, E.

Evi hat gesagt…

Vielleicht sehnt sich die Angst, der Angstbegegnungspunt, in mir und in Dir, nach Luft und Licht und Wärme?

Herzliches!

Anonym hat gesagt…

Jelle!
im ruhrpott könnte man sagen: boah ei, watisdat gut!-

was mit mir passiert beim lesen:
wie ein harter windstoß am stürmischen meer treffen mich deine ersten worte mitten vor den brustraum, ich muß tief einatmen. so strömen sie weiter und durchfließen mich, tränen steigen mir in die augen und finden den weg nach draußen. heimatgefühl, nach hause kommen, einen bruder finden, in den arm genommen sein... all das findet platz in mir. später dann wird es nüchterner, entfernt sich aus der brust und dem leib; ein tisch wird gedeckt, das warme mahl steht dampfend bereit und möchte stumm und gesegnet verspeist werden. ich darf zuschauer sein, wohl wissend, dass meine tafel am anderen ort auch auf mich wartet.
tafel an tafel an tafel stehen so bereit, für uns.

jelle, welch worte!
SST 7.1.2012

Andrea hat gesagt…

Für Dich
Wie gelangst du an die Stelle in mir, an der ich mit dir rede? Die Stelle ist in mir, d.h. nicht ganz nur in mir auch ein bisschen um mich herum, da wo ich denke. Da ist es auch, dass ich mit dir reden kann. Ja einfach so, manchmal gewollt denke ich an, das was du geschrieben hast und das es doch noch so sein könnte und das es dahin passen kann, wo ich gerade anderen Menschen zuhöre oder ich ihnen etwas erzähle, das es da auch hingehören kann. Manchmal ist es plötzlich da, dass ich mit dir rede, dass ich an was denke was du gedacht hast und aufgeschrieben hast. Manchmal geht das Denken gleichzeitig mit erwärmenden oder zusammenziehenden Gefühlen mitten in der Herzgegend los, so ähnlich wie SST. vorgestern geschrieben hat.
Die Angst braucht es, in der Stille geliebt zu werden. Die Angst hat es verdient in der Stille geliebt zu werden, denn sie lässt Tatsachen verschwinden, die schrecklich sind, wenn wir sie nur schon denken.
Vielleicht kann das das Vergessen gar nicht leisten, dass es auch die Angst braucht um vergessen zu machen, was nicht vergessen gehen kann.

Anonym hat gesagt…

Fremden

Wir sind noch immer keine Fremden.
Die Intimität hängt,
wie eine rosa Decke,
um uns herum,
bloß unterbrochen
durch sich kreuzende Blicke,
in der die Keuschheit fällt
in unumwunden peinliche Erinnerungen.

Dein Schmerz
erregt meinen Schmerz
verspottend
versprengend
zum wechselnd
wogenden Doppelexistenz
der unehrlichen Ehrlichkeit

Ehrlichkeit
überwältigt von Umständlichkeiten
und unzureichende Einsichten
verkehrt sich im Bild der Spiegel.

Wer ist die Schönste im Land?
Wer hängt der Spiegel zurück an der Wand?
Wer stellt die Spuren wieder her im Sand?
Wer zieht die Spuren des Schlafes übernacht am Land?

Ich spiegele dein Sand.
Du kratzt Spuren in meinem Spiegel.
Doch schaue ich noch immer zu.
Das Spiegelbild ändert sich
und auch ich bleibe nicht ohne Änderungen.
Der größter Gewinn ist Zweifel.
Der größter Verlust ist Unbefangenheit.
Der Schuld steht eingeschrieben,
Die Zinsen sind noch lange nicht bezahlt.
Tilgung ist unmöglich.

Der Gewinn ist nicht zu übersehen.

5. Juli 1996

Huub

Cegonha hat gesagt…

Auf der Flucht vor uns selbst begegnen wir uns
In der Fremde
Gespiegelt scheint uns unser verborgenes Gesicht entgegen, 
Im Anblick des Anderen, in dessen Augen wir uns wiederfinden und doch gerade erst neu entdecken, 
So fremd.
Und vertraut,
Als wären wir immer schon 
gewesen.

Andrea hat gesagt…

Ich kenne dich, Angst nicht genau
ich bin zu gerne im Weiss oder Grau
bin ich im Rot, umarme ich dich.
Manchmal ist auch das Schwarz ganz nah
es sucht Schutz bei mir und war
voll Angst aus der Fern.
Ich halte es und liebe es
Schutz zu geben durch meine Näh`

Anonym hat gesagt…

Bei diesem Text, lieber Jelle, hat mein Verstand wenig Chancen, aber mein Herz hat ihn be-/ergriffen.
Ich nenne diesen Vorgang mal "herzliches Denken", etwas sehr wertvolles. Vertrauen ist in meinen Augen auch ein sehr wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang.
In diesem Sinne
herzlichen Gruß
Maria

Anonym hat gesagt…

De Kracht tot Leven is voor mij de voornaamste verbeeldingskracht.
Samuel Taylor Coleridge

Dit zinnetje vond ik vandaag en moest aan je denken. Op de een of andere manier lijkt het me ook bij jouw tekst te passen...

met de beste wensen voor 2012,
Nicole

Anonym hat gesagt…

Wat bedoelt het begrip "verbeeldingskracht" precies?
Mijn woordenboekje zegt "Einbildungskraft", maar volgens mij klopt dat niet helemaal?
Groetjes,
Maria

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Das holländische "Verbeeldingskracht" ist eine Überstetzung vom englischen "Imagination". "Einbildungskraft" wäre durchaus richtig, "Imagination" vielleicht eben besser, weil geläufiger. Coleridge hat immer wieder von "Imagination" gesprochen, wie auch im Zitat oben am Anfang meines Weblogs. Schön, diese deutsch-holländische Berührung. Herzlich, Jelle van der Meulen