Bild mit Worten für Andrea. (3) Die Freundschaft zwischen Platonikern und Aristotelikern
Leben Platoniker und Aristoteliker in unterschiedlichen Welten? Geht es bei ihnen um zwei Arten des Erkennens, um zwei Entwürfe des erkennenden Verhaltens, die nicht vereinbar sind, die einander ausschließen und sich deswegen gegenseitig ignorieren oder bekämpfen müssen? Oder gibt es zwischen den beiden eine Mitte, einen Raum der Berührung, einen Ort, wo sie sich treffen und finden können?
Beide gehen von einer Mitte aus. Der Platoniker vollzieht in seiner Seele eine Art fließende Bewegung, die im Herzen anfängt, sich quasi wie ein Vogel von seiner vertrauten Stecke abhebt, erst behutsam nach vorne schwenkt, nicht weit – höchstens zwei Meter – und die Umgebung in sich aufnimmt, nicht so sehr die scharfen Konturen der Dinge, sondern mehr ihre strahlende Wirkung, vor allem auch ihre konzentrierte Weite hinter der Nähe.
Dann schwenkt der Platoniker mit kräftigen Flügelschlägen nach oben, wo er die eigentlichen Quellen des Lebens spürt, wo die Ideen-hinter-den-Dingen pulsieren und vibrieren, sich mäandernd konzentrieren wie die tausend Sonnen von Van Gogh. Er fliegt da zwischen den moralischen und ästhetischen „Wahrheiten“, und wenn er nach einer Weile wieder zurückkehrt – zurückkehren muss er leider immer – fühlt er sich bereichert. Er hat die Welt „verstanden“.
Der Aristoteliker ist vielleicht auch ein Vogel, er kann allerdings nicht fliegen (wie Laufenten). Von seinem Herzen aus gibt es eine kleine Treppe, die ihn sofort dorthin bringt, wo er sein möchte, nämlich zwischen den Dingen. Nach oben strebt er erst gar nicht, weil aus seiner Sicht im Blauen alles verschwindet, aufhört zu sein, irgendwie so göttlich sauber gewaschen wird, dass nichts mehr übrig bleibt. (Van Gogh scheint ihm ein Hysteriker zu sein, eine durchgedrehte Waschmaschine.)
Er sucht in seinen Bewegungen immer die gleiche Augenhöhe, eine Nähe ohne ausdehnende Weite und Breite. Er neigt sich eher nach unten, fängt sich im Leise-nach-unten-Gehen selber immer wieder elegant auf, ergreift sich in seinem Körper wie ein Schwan, der aufs Wasser gelangt ist. Wenn er nach einer Weile wieder in seine Stätte zurückgekehrt ist, fühlt er sich bereichert, weil er die Welt „kennengelernt“ hat.
Beide gehen vom Urgrund des Herzen aus. Wenn Platoniker und Aristoteliker Freunde werden, treffen sie sich an diesem Ort gelegentlich, zum Beispiel morgens früh, bevor der Tag anfängt, oder vielleicht eher am Abend, wenn die Reichtümer des Tages bereits versammelt sind. Und sie versuchen eine gemeinsame Sprache zu finden, eine Sprache des Herzens, für die jeweiligen Erfahrungen, Abenteuer und Entdeckungen.
Tagsüber sind Platoniker und der Aristoteliker getrennt voneinander unterwegs. Die Freundschaft zwischen den beiden besteht zur einen Hälfte daraus, dass die unterschiedlichen Arten des Erkennens respektiert werden. Der Platoniker wird dabei von einer melancholischen Selbsterkenntnis getragen: Er weiß sowieso, dass er nur die Hälfte der Wirklichkeit ausmacht. der Aristoteliker ist überhaupt im Stande auf umfassende Wahrheiten zu verzichten.
Die andere Hälfte beruht auf einem inneren Dialog, der von einem eher bescheidenen äußeren Dialog unterstützt wird. Solange die beiden noch zu viel miteinander reden – wenn sie den anderen zum Beispiel überzeugen wollen – entsteht nur sehr beschränkt eine gemeinsame Sprache. Erst wenn der Platoniker den aristotelischen Freund in seinem Innenraum als eine innere Gestalt zulässt und mit dieser lebendig gewordenen seelischen Gestalt „spricht“, fangen die Worte und Begriffe an, sich miteinander zu verbinden, sie verschmelzen ineinander. (Und umgekehrt.)
Was dabei herauskommt, scheint mir ein sozialer Zustand des schwebenden Erkennens zu sein. Die Wahrheit als eine quasi definitive Fixierung in gedanklichen Bildern, die „wissenschaftlich“ oder „journalistisch“ oder „belletristisch“ weitergegeben werden können, kommt an ihr Ende. Die Wahrheit wird (mit Martin Heidegger) zum Ereignis, zur Erfahrung – im Hier und Jetzt hat sie eine Bedeutung, nein, nicht „nur“ im Hier und Jetzt, sondern „voll“ im Hier und Jetzt.
Durch die Verschmelzung fangen Platoniker und Aristoteliker endlich an frei erkennend zu leben. Im Grunde genommen führt die Freundschaft zwischen den beiden einen Schritt weit ins Esoterische. Oder wie Ate Koopmans es vor vielen Jahren prägnant ausdrückte: „Die Worte und Begriffe werden zu Navigationsinstrumenten, die uns helfen, einen Weg ins Geistige zu finden.“