30.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. (3) Die Freundschaft zwischen Platonikern und Aristotelikern

Leben Platoniker und Aristoteliker in unterschiedlichen Welten? Geht es bei ihnen um zwei Arten des Erkennens, um zwei Entwürfe des erkennenden Verhaltens, die nicht vereinbar sind, die einander ausschließen und sich deswegen gegenseitig ignorieren oder bekämpfen müssen? Oder gibt es zwischen den beiden eine Mitte, einen Raum der Berührung, einen Ort, wo sie sich treffen und finden können?

Beide gehen von einer Mitte aus. Der Platoniker vollzieht in seiner Seele eine Art fließende Bewegung, die im Herzen anfängt, sich quasi wie ein Vogel von seiner vertrauten Stecke abhebt, erst behutsam nach vorne schwenkt, nicht weit – höchstens zwei Meter – und die Umgebung in sich aufnimmt, nicht so sehr die scharfen Konturen der Dinge, sondern mehr ihre strahlende Wirkung, vor allem auch ihre konzentrierte Weite hinter der Nähe.

Dann schwenkt der Platoniker mit kräftigen Flügelschlägen nach oben, wo er die eigentlichen Quellen des Lebens spürt, wo die Ideen-hinter-den-Dingen pulsieren und vibrieren, sich mäandernd konzentrieren wie die tausend Sonnen von Van Gogh. Er fliegt da zwischen den moralischen und ästhetischen „Wahrheiten“, und wenn er nach einer Weile wieder zurückkehrt – zurückkehren muss er leider immer – fühlt er sich bereichert. Er hat die Welt „verstanden“.

Der Aristoteliker ist vielleicht auch ein Vogel, er kann allerdings nicht fliegen (wie Laufenten). Von seinem Herzen aus gibt es eine kleine Treppe, die ihn sofort dorthin bringt, wo er sein möchte, nämlich zwischen den Dingen. Nach oben strebt er erst gar nicht, weil aus seiner Sicht im Blauen alles verschwindet, aufhört zu sein, irgendwie so göttlich sauber gewaschen wird, dass nichts mehr übrig bleibt. (Van Gogh scheint ihm ein Hysteriker zu sein, eine durchgedrehte Waschmaschine.)

Er sucht in seinen Bewegungen immer die gleiche Augenhöhe, eine Nähe ohne ausdehnende Weite und Breite. Er neigt sich eher nach unten, fängt sich im Leise-nach-unten-Gehen selber immer wieder elegant auf, ergreift sich in seinem Körper wie ein Schwan, der aufs Wasser gelangt ist. Wenn er nach einer Weile wieder in seine Stätte zurückgekehrt ist, fühlt er sich bereichert, weil er die Welt „kennengelernt“ hat.

Beide gehen vom Urgrund des Herzen aus. Wenn Platoniker und Aristoteliker Freunde werden, treffen sie sich an diesem Ort gelegentlich, zum Beispiel morgens früh, bevor der Tag anfängt, oder vielleicht eher am Abend, wenn die Reichtümer des Tages bereits versammelt sind. Und sie versuchen eine gemeinsame Sprache zu finden, eine Sprache des Herzens, für die jeweiligen Erfahrungen, Abenteuer und Entdeckungen.

Tagsüber sind Platoniker und der Aristoteliker getrennt voneinander unterwegs. Die Freundschaft zwischen den beiden besteht zur einen Hälfte daraus, dass die unterschiedlichen Arten des Erkennens respektiert werden. Der Platoniker wird dabei von einer melancholischen Selbsterkenntnis getragen: Er weiß sowieso, dass er nur die Hälfte der Wirklichkeit ausmacht. der Aristoteliker ist überhaupt im Stande auf umfassende Wahrheiten zu verzichten.

Die andere Hälfte beruht auf einem inneren Dialog, der von einem eher bescheidenen äußeren Dialog unterstützt wird. Solange die beiden noch zu viel miteinander reden – wenn sie den anderen zum Beispiel überzeugen wollen – entsteht nur sehr beschränkt eine gemeinsame Sprache. Erst wenn der Platoniker den aristotelischen Freund in seinem Innenraum als eine innere Gestalt zulässt und mit dieser lebendig gewordenen seelischen Gestalt „spricht“, fangen die Worte und Begriffe an, sich miteinander zu verbinden, sie verschmelzen ineinander. (Und umgekehrt.)

Was dabei herauskommt, scheint mir ein sozialer Zustand des schwebenden Erkennens zu sein. Die Wahrheit als eine quasi definitive Fixierung in gedanklichen Bildern, die „wissenschaftlich“ oder „journalistisch“ oder „belletristisch“ weitergegeben werden können, kommt an ihr Ende. Die Wahrheit wird (mit Martin Heidegger) zum Ereignis, zur Erfahrung – im Hier und Jetzt hat sie eine Bedeutung, nein, nicht „nur“ im Hier und Jetzt, sondern „voll“ im Hier und Jetzt.

Durch die Verschmelzung fangen Platoniker und Aristoteliker endlich an frei erkennend zu leben. Im Grunde genommen führt die Freundschaft zwischen den beiden einen Schritt weit ins Esoterische. Oder wie Ate Koopmans es vor vielen Jahren prägnant ausdrückte: „Die Worte und Begriffe werden zu Navigationsinstrumenten, die uns helfen, einen Weg ins Geistige zu finden.“

23.12.2011

Weihnachten im Hochsommer in Köln. Über die Sichtweise von Kindern

Vor fünf Monaten, es war Hochsommer, war ich in einem Kindergarten zu Besuch. Eines der Kinder war dabei, den Kindergarten zu verlassen. Die Kinder aus seiner Gruppe wollten sich von ihm verabschieden und hatten mit Spielständern, Kissen, Decken und Tüchern eine Art Bühne aufgebaut. Zum Abschied sollte also ein Theaterstück gespielt werden.

Die Stille vor dem Spiel war perfekt. Ich saß an der Wand und wartete. Als dann das Spiel anfing, erschien ein Hirte, er war offensichtlich dringend unterwegs. Er befand sich auf einer Suche, er wollte „ein Kind“ finden, das gerade geboren worden war. Und als das Spiel sich weiter entfaltete, machten sich von den Decken und Tüchern die mir bekannten Gestalten frei, sie lösten sich quasi aus dem wolligen Nichts: der kleine Johann als Josef, Andrea als Maria, Peter als das Kindlein Jesus, Paulo als der Esel...

Die Weihnachtsgeschichte wurde von Anfang bis Ende mit einer großen Intensität gespielt. Draußen schien die Sonne, es war richtig warm, von der winterlichen Wende waren wir damals weit entfernt. Für die Kinder schien das gar kein Problem zu sein, ganz im Gegenteil, souverän und entschieden weckten sie Maria und Josef und Jesus und den Esel aus der Ansammlung von Tüchern und Decken. Als Zuschauer wurde ich in eine weihnachtliche Stimmung mitgenommen.

Und mir war auf einmal ganz weihnachtlich zumute. Ja, ich war ein bisschen verwirrt, irritiert auch, und bemerkte, dass in mir ein Lied gesungen werden wollte, „Stille Nacht, heilige Nacht“, ein Lied, das man bekanntlich normalerweise nur im Winter, etwa in einem Supermarkt, hören muss. Meine Ohren sind im Sommer nicht auf „Stille Nacht, heilige Nacht“ eingestellt, die Nächte sind nur im Winter still und heilig.

Weihnachten ist ein Fest... Das Wort Fest geht auf das verloren gegangene indogermanische Urwort „fes“ oder „fas“ zurück, das „religiöse Handlung“ bedeutet. Das alte Wort hat sich in seiner Bedeutung wahrscheinlich nicht nur auf einen Moment in der Zeit bezogen, wie das in der heutigen Zeit meistens mit den Jahresfesten der Fall ist, sondern auch auf einen bestimmten Ort. Ein „Fest“ war eine feierliche Handlung, die zeitlich und räumlich definiert war.

Das heißt, um ein Fest zu feiern, ging man irgendwo hin. Nun ist es natürlich noch immer so, dass Menschen zu Weihnachten in die Kirche gehen, bestimmt nicht alle, vielleicht auch nicht mehr viele, aber immerhin noch einige. Der Gedanke, dass man Weihnachten eigentlich überall feiern kann, hat allerdings über die Jahrhunderte an Kraft gewonnen. Die „geographischen“ Koordinaten des Weihnachtsfestes sind frei geworden. In der Zeit ist Weihnachten noch immer fest fixiert, es wird nie im Hochsommer gefeiert.

Wie kamen die Kinder darauf, mitten im Sommer als Abschied ein Weihnachtsspiel zu spielen? Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher, dass keine der Erzieherinnen auf diesen Gedanken gekommen ist. Erwachsene können nicht einmal denken, dass im Juli vielleicht Weihnachten ansteht (deswegen nennt man sie wohl Erwachsene.) Die Frage der damaligen Motive der Kinder tauchte in der Adventszeit wieder auf. Wie ist die spontane und entschiedene Wahl der Kinder zu verstehen?

Es ging im Sommer um einen Abschied. Mit einer Geburt ist auch immer ein Abschied verbunden, man kommt nicht nur irgendwo an, man verlässt auch etwas, geht irgendwo weg. Die Kinder haben vielleicht irgendwie sagen wollen: Du wirst uns verlassen und damit kommt eine vertraute Welt an ihr Ende, nicht nur für dich sondern auch für uns... Eine neue Welt fängt an, Neues kommt auf dich zu, und damit auch auf uns, und so wünschen wir dir, dass du vom wachsenden Licht getragen wirst!

Also: Weihnachten kann es immer geben...

18.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. (2) Der Platoniker

Der Platoniker wird weniger von einer unbefangen Neugier und eher von einer melancholischen Sehnsucht getrieben. Er spürt, er hat etwas Großes verloren, ein spontanes und unmittelbares Wissen, ohne dies zu leben, einen süß-bitteren Schmerz erzeugt. Sein Aufwachen beruht auf ein Vermissen.

Auch ihm ist klar, dass die Götter sich zurückgezogen haben, dieses Empfinden haben Aristoteliker und Platoniker gemein, spürt allerdings, dass ein letzter Rest der übersinnlichen Schöpfungskraft noch vorhanden ist, und zwar in der Wirkung der großen Ideen. Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit, Liebe und Freiheit sind heiligen geistigen Bestimmungen, inneren Orten, wo die gesamte Ordnung der Dinge zelebriert werden kann.

Der Platoniker sagt nie: „Wir haben es nicht gewusst“. Er hat es immer gewusst, seine Momenten des aufwachenden Verstehens sind immer Momente des Rückkehrens. Er kann nicht etwas wissen, was er nicht einmal gewusst hat. Die Gedanke, in seinem Blickfeld auf etwas Neues zu stoßen, zum Beispiel auf einen Elefant aus dem unbekannten Indien, ist ihm fremd. Seine Beziehung zu dem Elefant hat es immer bereits gegeben, auch wenn er nie einen mit seinen Augen gesehen hat.

So wie so sind Elefanten in ihrer äußeren Erscheinung für den Platoniker nicht besonders interessant. Was ihm berührt, ist, was der Elefant „verkörpert“, was der Elefant „inne“ hat. Was könnte das sein? Ich würde sagen: ein schweres und breites und stetiges Tragen, eine „saturnale“ und „tiefgründige“ Präsenz, ein kosmisches Gedächtnis auch... (Um den Platoniker zu verstehen, braucht der Aristoteliker eine Menge Anführungszeichen.)

Der Platoniker hört auf Platoniker zu sein, wenn er (vielleicht aus Versehen? Oder aus Verzweiflung?) damit anfängt seine Wahrheiten zu konservieren. Im Moment tun manche Platoniker das, weil der Zeitgeist darum bittet. Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit können allerdings leider nicht konserviert werden, in Konzepten nicht, in Programme nicht, nicht einmal in der Sprache. Die große Ideen gehen wie Elefanten in der geistigen Welt frei herum.

Das Konservieren ist ein platonischer Akt der Selbstzerstörung. Es bedeutet im Grunde genommen, dass den Ideen das Lebenselixier genommen wird, und ja: Auf den Rücken der Elefanten bluten die Streifen der Peitsche. (In der deutschen Politik gibt es im Moment ein klares Beispiel eines Platonikers, der vor dem Abgrund steht, nämlich Oskar Lafontaine. Immer wenn er spricht, muss er jemand weh tun.)

Manche Platoniker meinen spontan, dass sie beides sind, Platoniker UND Aristoteliker. Das beruht allerdings auf ein Missverständnis aus Arroganz und Ignoranz, das nur bei Platoniker vorkommt. Manchmal meinen sie nämlich zu sein, was sie sich vorstellen können, dass sie sind. Bei Aristoteliker ist das übrigens umgekehrt, sie können sich manchmal nicht einmal vorstellen, dass sie Aristoteliker sind. Der Aristoteliker meint, dass die Idee „Aristoteliker“ nicht existiert. Der Platoniker ist manchmal nichts, weil er meint alles zu sein, der Aristoteliker ist alles, weil er meint nichts zu sein.

Schon ein verrücktes Spiel... Als ich diese Sätze schreibe, sitze ich in einem Bar in Gandia, eine Kleinstadt in Spanien. Der Kellner ist Idee-sei-dank ein Platoniker, er präsentiert mir mein café solo nicht nur, als wäre es ein Kunstwerk, sondern verspricht mir mit seinen feinen Gebärden den definitiven Rückkehr zu der vollen und runden Idee des Kaffees.

10.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. Der Aristoteliker am Abgrund

Weil er sich weiter vom Himmlischen entfernt hat, tritt der Aristoteliker erst nach dem Platoniker in der historischen Zeit in Erscheinung. Hinter seinem Rücken liegt ein Raum des Sterbens und des Beendens, er hat sich von den letzten Taten der Götter befreit und von der Erotik der Ideen auch. Wenn Orpheus singt, hält er den Zauber für eine Sache des Herzens, nicht des Denkens oder des Wollens.

Der Aristoteliker fühlt sich von den Göttern beauftragt, die vorhandene Welt mit seinen Händen zu betasten, mit seinen Augen zu berühren, in seinen Ohren erklingen zu lassen. Er lässt sich das Skelett eines verendeten Elefanten in Kisten bringen, sortiert und sortiert, bis er aus den trockenen Gebeinen ein Bild des Tieres gewonnen hat. Er sehnt sich danach, das Tote in seinen Vorstellungen lebendig zu machen.

Er versteht die Seele des Menschen nicht als einen Vorposten des Geistigen, sondern als einen Ausgangsort für das Physische. Er verbleibt gerne dort wo er ist, nämlich bei sich, in sich, mit sich, versteht sich allerdings als eine gebrochene Einheit in einer Welt der Vielfalt. Nicht ein angeblich ehemaliger Zusammenhang interessiert ihn, nicht die ersten oder die letzten Worte der Götter, sondern die vereinzelten Anfänge der Eigenheiten.

Der Aristoteliker liebt Verwirrungen. Er mag es, wenn er in einem Raum Dinge nebeneinander stehen und liegen und hängen sieht: einen Aschenbecher, eine Radierung von Rembrandt, eine Pflanze aus Plastik (kurz fragt er sich: ist die Pflanze echt? Und sagt dann: natürlich, auch falsche Pflanzen sind echt!), einen Filzhut, eine Bombe, eine Flasche Gerolsteiner, zwei Schuhe (der eine rot, der andere schwarz), eine Uhr aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein leeres Handy ohne Adapter, ein Buch von Hannah Arendt...

Und er denkt: Irgendwie könnte aus den toll verwirrenden Gegenständen ein Elefant aufstehen... Der Aristoteliker spricht allerdings erst dann von Elefanten (oder Schülern von Beuys, oder Clowns, oder Terroristen – es gibt ja eine Bombe – oder von gestressten Philosophen) wenn er sich sicher ist, dass seine Schlussfolgerung transparent ist. Sein Spiel bezieht sich auf etwas, was tatsächlich vorhanden ist: auf Fett, Salz, Holz, Marmor...

Der Aristoteliker hört auf Aristoteliker zu sein, wenn er (vielleicht aus Versehen?) damit anfängt seine Wahrheiten zu konstruieren. Im Moment tun manche Aristoteliker das, weil der Zeitgeist das fordert. Elefanten werden allerdings leider nie konstruiert: Sie werden geboren, laufen in den weiten Landschaften in Afrika herum, stehen in unseren Vorstellungen (aus Kisten) auf oder werden durch Bilder an der Wand repräsentiert.

Das Konstruieren ist ein aristotelischer Akt der Selbstdestruktion. Im Konstruieren wird die leer gewordene Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft geschoben. Die Verlängerung des hartnäckigen Schweigens der Götter bis zum übermorgigen Tag wird zwar manchmal „Transparenz“ genannt, bedeutet allerdings, dass auch der Aristoteliker nichts mehr sagen darf. Er nimmt an nichts mehr teil, und konstruiert Brücken für Elefanten, die längst nicht mehr existieren. Und natürlich ist wahr: nichts ist transparenter als nichts, und nichts ist schöner, als eine Brücke ohne Besuch aus Afrika.

Der Aristoteliker hat einen Feind, der sein Freund ist, nämlich den Platoniker. Auch der Platoniker kommt (aus Versehen?) letztendlich an seinen Abgrund, es dauert nur ein bisschen länger, weil er älter ist. Es ist immer schön dabei zu sein, wenn ein Aristoteliker und ein Platoniker sich treffen und feststellen: Erst am Abgrund merken wir, dass wir Freunde sind. (Darüber vielleicht ein nächstes Mal...)

04.12.2011

Mittelfeld Deutschland. Über Angela Merkel und Europa

Europa, Europa, Europa... Und wieder ist die Debatte über die Rolle Deutschlands in Europa ausgebrochen. Während der vielen Krisen – die natürlich ihre Wurzel in EINER Krise hat, die nicht einmal eine europäische ist – wurde immer wieder betont: Deutschland soll sich mit seiner Führungsrolle anfreunden. Und jetzt wird bedauert: Deutschland bestimmt eigenwillig wo es lang geht.

Ich weiß noch immer nicht, was ich von Frau Angela Merkel diesbezüglich halten soll. Ist sie die Retterin Europas? Oder wird sie am Ende als die Person dastehen, die Europa definitiv in die Zerstückelung gestoßen hat? Einerseits zögert sie ständig, andererseits hält sie hartnäckig an bestimmten Vorstellungen fest; und manchmal wirft sie auf einmal ihre Vorstellungen über Bord und proklamiert etwas Unerwartetes. Beruht ihre Haltung auf Weisheit oder auf Angst?

Es dürfte wohl eine Kombination von beidem sein. Ich stelle mir vor, dass sie unter einem immensen Druck steht, und ich nehme an, dass sie nicht so genau wissen wird, woran sie sich halten sollte. In einer französischen Zeitung meinte ein Kommentator, dass Frau Merkel im Grunde genommen in den Strudel geraten ist, der vor hundert Jahren zum Ersten Weltkrieg geführt hat. Diese Bemerkung war nicht positiv gemeint, ganz im Gegenteil, der Typ meinte, dass sie in alten Ängsten „gefangen“ sei. Und: Sie müsse sich unbedingt davon befreien.

Gefangen oder nicht gefangen, ich kann es nicht sagen, richtig ist, dass die aktuelle Krise eine uralte Krise ist. Ich erinnere mich an Manfred Schmidt-Brabant, der mir vor etwa zwölf Jahren sagte, dass die Entwicklung Europas seit der Zeit Karls des Großen von drei Grundfragen geprägt ist. Die erste Frage lautet: Was ist der Mensch? Die Zweite: Wie verhalten sich Individuum und Gemeinschaft zu einander? Und die Dritte: Wie hängen Bewusstsein und Materie miteinander zusammen?

Die erste Frage, so meinte Schmidt-Brabant, ist vor allem in den vergangenen südlichen Kulturen gelebt worden: in Griechenland, Italien und Spanien. Die dritte Frage stufte er als zukünftig ein: Um die Ostsee herum werde in der Zukunft eine Kultur entstehen, die sich mit der Frage des Bewusstseins und der Materie beschäftigen werde. Die zweite Frage, so meinte er, gehöre in die Gegenwart. Mit Gegenwart meint er den Zeitraum von der Renaissance bis irgendwann ins zweiundzwanzigste Jahrhundert hinein. Er dachte also ziemlich groß und weit.

Individuum und Gemeinschaft... In der aktuellen Krise wird tatsächlich von Gemeinschaft gesprochen, von Europa als „Union“. Die Bestandteile dieser Union scheinen allerdings gar keine Individuen zu sein, sondern Staaten. Die Debatte konzentriert sich im Grunde genommen auf die Frage, in wieweit die beteiligten Staaten ihre Souveränität aufgeben müssen, um eine Gemeinschaft zu realisieren. Leider spielt dabei das Individuum kaum eine Rolle.

Was macht den europäischen Bürger aus? Rein rechtlich gesprochen existiert ein europäischer Bürger nicht. Als Bürger ist er Deutscher, Franzose, Spanier oder Grieche. Nur auf einer kulturellen-ideellen Ebene könnte eventuell von „dem“ Europäer gesprochen werden. Was den kulturellen Europäer prägt, ist – mit allen Unterschieden zwischen Nord und Süd, Ost und West – nicht so einfach in Worte zu fassen. Man könnte vielleicht sagen, dass die Europäer zumindest eine gemeinsame Geschichte haben, die zur Demokratie, Industrie und Emanzipation (des Arbeiters, des Individuums, der Frau) geführt hat.

Gemeinschaften werden am Ende nicht von wirtschaftlichen oder rechtlichen Wirklichkeiten bestimmt, sondern von Ideen. Interessant ist, dass nicht nur das Individuum, sondern auch die Idee der Idee in der Debatte über Europa kaum eine Rolle spielt. Es scheint, als ob die Ideen nur noch auf einer pragmatischen Ebene wirksam sein dürfen...

...oder gerade wieder neu geboren werden? Die Europäer scheinen im Moment auf die angeblich leeren Löcher zwischen den Unterschieden – zwischen Merkel und Sarkozy, Nord und Süd, Kapitalismus und Sozialismus – schauen zu müssen, um zu merken: Der Geburtsort der Zukunft liegt immer „zwischen uns“. Und ist das nicht das, was Deutschland ist: ein Mittelfeld?