23.12.2011

Weihnachten im Hochsommer in Köln. Über die Sichtweise von Kindern

Vor fünf Monaten, es war Hochsommer, war ich in einem Kindergarten zu Besuch. Eines der Kinder war dabei, den Kindergarten zu verlassen. Die Kinder aus seiner Gruppe wollten sich von ihm verabschieden und hatten mit Spielständern, Kissen, Decken und Tüchern eine Art Bühne aufgebaut. Zum Abschied sollte also ein Theaterstück gespielt werden.

Die Stille vor dem Spiel war perfekt. Ich saß an der Wand und wartete. Als dann das Spiel anfing, erschien ein Hirte, er war offensichtlich dringend unterwegs. Er befand sich auf einer Suche, er wollte „ein Kind“ finden, das gerade geboren worden war. Und als das Spiel sich weiter entfaltete, machten sich von den Decken und Tüchern die mir bekannten Gestalten frei, sie lösten sich quasi aus dem wolligen Nichts: der kleine Johann als Josef, Andrea als Maria, Peter als das Kindlein Jesus, Paulo als der Esel...

Die Weihnachtsgeschichte wurde von Anfang bis Ende mit einer großen Intensität gespielt. Draußen schien die Sonne, es war richtig warm, von der winterlichen Wende waren wir damals weit entfernt. Für die Kinder schien das gar kein Problem zu sein, ganz im Gegenteil, souverän und entschieden weckten sie Maria und Josef und Jesus und den Esel aus der Ansammlung von Tüchern und Decken. Als Zuschauer wurde ich in eine weihnachtliche Stimmung mitgenommen.

Und mir war auf einmal ganz weihnachtlich zumute. Ja, ich war ein bisschen verwirrt, irritiert auch, und bemerkte, dass in mir ein Lied gesungen werden wollte, „Stille Nacht, heilige Nacht“, ein Lied, das man bekanntlich normalerweise nur im Winter, etwa in einem Supermarkt, hören muss. Meine Ohren sind im Sommer nicht auf „Stille Nacht, heilige Nacht“ eingestellt, die Nächte sind nur im Winter still und heilig.

Weihnachten ist ein Fest... Das Wort Fest geht auf das verloren gegangene indogermanische Urwort „fes“ oder „fas“ zurück, das „religiöse Handlung“ bedeutet. Das alte Wort hat sich in seiner Bedeutung wahrscheinlich nicht nur auf einen Moment in der Zeit bezogen, wie das in der heutigen Zeit meistens mit den Jahresfesten der Fall ist, sondern auch auf einen bestimmten Ort. Ein „Fest“ war eine feierliche Handlung, die zeitlich und räumlich definiert war.

Das heißt, um ein Fest zu feiern, ging man irgendwo hin. Nun ist es natürlich noch immer so, dass Menschen zu Weihnachten in die Kirche gehen, bestimmt nicht alle, vielleicht auch nicht mehr viele, aber immerhin noch einige. Der Gedanke, dass man Weihnachten eigentlich überall feiern kann, hat allerdings über die Jahrhunderte an Kraft gewonnen. Die „geographischen“ Koordinaten des Weihnachtsfestes sind frei geworden. In der Zeit ist Weihnachten noch immer fest fixiert, es wird nie im Hochsommer gefeiert.

Wie kamen die Kinder darauf, mitten im Sommer als Abschied ein Weihnachtsspiel zu spielen? Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher, dass keine der Erzieherinnen auf diesen Gedanken gekommen ist. Erwachsene können nicht einmal denken, dass im Juli vielleicht Weihnachten ansteht (deswegen nennt man sie wohl Erwachsene.) Die Frage der damaligen Motive der Kinder tauchte in der Adventszeit wieder auf. Wie ist die spontane und entschiedene Wahl der Kinder zu verstehen?

Es ging im Sommer um einen Abschied. Mit einer Geburt ist auch immer ein Abschied verbunden, man kommt nicht nur irgendwo an, man verlässt auch etwas, geht irgendwo weg. Die Kinder haben vielleicht irgendwie sagen wollen: Du wirst uns verlassen und damit kommt eine vertraute Welt an ihr Ende, nicht nur für dich sondern auch für uns... Eine neue Welt fängt an, Neues kommt auf dich zu, und damit auch auf uns, und so wünschen wir dir, dass du vom wachsenden Licht getragen wirst!

Also: Weihnachten kann es immer geben...

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke schön! Gruß aus Berlin. Nitta

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Weihnachten ist das Fest der Erwartung - zugleich ist es auch ein Lichterfest, was ja bekanntlich schon zu St. Martin seinen Vorschein entwickelt.
Der Gebrauch des Schenkens (sowohl die Hirten, als auch die drei heiligen Könige beschenkten ja bekanntlich das Jesuskind) ist zwar immer noch sehr "in", doch gibt es immer mehr Familien, die auf Geschenke zum Weihnachtsfest verzichten. "Wir haben doch alles!" wird einem da häufig entgegnet, wenn man doch etwas Schenken will.
Dabei gibt es sehr persönliche und weltanschauliche Geschenke, von denen ohnehin nur ganz selten Gebrauch gemacht wird, denn es muß ja, wenn geschenkt wird doch etwas "von Wert" sein - die inneren Werte werden dabei aber oft komplett ignoriert.
Auch daher ist Weihnachten in der westlichen Welt zu einem reinen Konsumfest degeneriert, mit allen Unarten, die dies in der jeweiligen Produktwerbung hinterlässt.
Was alles bleibt nun angesichts dieser Situation noch vom Weihnachtsfest?
Ich meine es ist die Stille, das innige Leuchten der Kerzenlichter und schließlich auch noch ein wenig innere Einkehr.
Auch wenn diese "Werte" hier in Europa nicht mehr großgeschrieben werden, so sind sie doch für ein "richtiges" Weihnachtsfest so unentbehrlich, wie der festlich geschmückte Weihnachtsbaum...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders