04.12.2011

Mittelfeld Deutschland. Über Angela Merkel und Europa

Europa, Europa, Europa... Und wieder ist die Debatte über die Rolle Deutschlands in Europa ausgebrochen. Während der vielen Krisen – die natürlich ihre Wurzel in EINER Krise hat, die nicht einmal eine europäische ist – wurde immer wieder betont: Deutschland soll sich mit seiner Führungsrolle anfreunden. Und jetzt wird bedauert: Deutschland bestimmt eigenwillig wo es lang geht.

Ich weiß noch immer nicht, was ich von Frau Angela Merkel diesbezüglich halten soll. Ist sie die Retterin Europas? Oder wird sie am Ende als die Person dastehen, die Europa definitiv in die Zerstückelung gestoßen hat? Einerseits zögert sie ständig, andererseits hält sie hartnäckig an bestimmten Vorstellungen fest; und manchmal wirft sie auf einmal ihre Vorstellungen über Bord und proklamiert etwas Unerwartetes. Beruht ihre Haltung auf Weisheit oder auf Angst?

Es dürfte wohl eine Kombination von beidem sein. Ich stelle mir vor, dass sie unter einem immensen Druck steht, und ich nehme an, dass sie nicht so genau wissen wird, woran sie sich halten sollte. In einer französischen Zeitung meinte ein Kommentator, dass Frau Merkel im Grunde genommen in den Strudel geraten ist, der vor hundert Jahren zum Ersten Weltkrieg geführt hat. Diese Bemerkung war nicht positiv gemeint, ganz im Gegenteil, der Typ meinte, dass sie in alten Ängsten „gefangen“ sei. Und: Sie müsse sich unbedingt davon befreien.

Gefangen oder nicht gefangen, ich kann es nicht sagen, richtig ist, dass die aktuelle Krise eine uralte Krise ist. Ich erinnere mich an Manfred Schmidt-Brabant, der mir vor etwa zwölf Jahren sagte, dass die Entwicklung Europas seit der Zeit Karls des Großen von drei Grundfragen geprägt ist. Die erste Frage lautet: Was ist der Mensch? Die Zweite: Wie verhalten sich Individuum und Gemeinschaft zu einander? Und die Dritte: Wie hängen Bewusstsein und Materie miteinander zusammen?

Die erste Frage, so meinte Schmidt-Brabant, ist vor allem in den vergangenen südlichen Kulturen gelebt worden: in Griechenland, Italien und Spanien. Die dritte Frage stufte er als zukünftig ein: Um die Ostsee herum werde in der Zukunft eine Kultur entstehen, die sich mit der Frage des Bewusstseins und der Materie beschäftigen werde. Die zweite Frage, so meinte er, gehöre in die Gegenwart. Mit Gegenwart meint er den Zeitraum von der Renaissance bis irgendwann ins zweiundzwanzigste Jahrhundert hinein. Er dachte also ziemlich groß und weit.

Individuum und Gemeinschaft... In der aktuellen Krise wird tatsächlich von Gemeinschaft gesprochen, von Europa als „Union“. Die Bestandteile dieser Union scheinen allerdings gar keine Individuen zu sein, sondern Staaten. Die Debatte konzentriert sich im Grunde genommen auf die Frage, in wieweit die beteiligten Staaten ihre Souveränität aufgeben müssen, um eine Gemeinschaft zu realisieren. Leider spielt dabei das Individuum kaum eine Rolle.

Was macht den europäischen Bürger aus? Rein rechtlich gesprochen existiert ein europäischer Bürger nicht. Als Bürger ist er Deutscher, Franzose, Spanier oder Grieche. Nur auf einer kulturellen-ideellen Ebene könnte eventuell von „dem“ Europäer gesprochen werden. Was den kulturellen Europäer prägt, ist – mit allen Unterschieden zwischen Nord und Süd, Ost und West – nicht so einfach in Worte zu fassen. Man könnte vielleicht sagen, dass die Europäer zumindest eine gemeinsame Geschichte haben, die zur Demokratie, Industrie und Emanzipation (des Arbeiters, des Individuums, der Frau) geführt hat.

Gemeinschaften werden am Ende nicht von wirtschaftlichen oder rechtlichen Wirklichkeiten bestimmt, sondern von Ideen. Interessant ist, dass nicht nur das Individuum, sondern auch die Idee der Idee in der Debatte über Europa kaum eine Rolle spielt. Es scheint, als ob die Ideen nur noch auf einer pragmatischen Ebene wirksam sein dürfen...

...oder gerade wieder neu geboren werden? Die Europäer scheinen im Moment auf die angeblich leeren Löcher zwischen den Unterschieden – zwischen Merkel und Sarkozy, Nord und Süd, Kapitalismus und Sozialismus – schauen zu müssen, um zu merken: Der Geburtsort der Zukunft liegt immer „zwischen uns“. Und ist das nicht das, was Deutschland ist: ein Mittelfeld?

2 Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Frau Merkel ist wohl vor allem eine "Getriebene". Eine große Weisheit vermag ich bei ihr nicht zu erkennen.
Doch auch die anderen europäischen Staatschefs sehen in dieser Krise, angetrieben durch die Macht der Gier und der Spekulation nicht viel besser aus.
Deutschland war einmal das Land der Dichter und Denker. Was aber ist davon übrig?
Der letzte universale Geistesriese war Rudolf Steiner. Er gab diesem europäischen "Mittelfeld" eine Grundierung, ja eine Art Programm, welches er "Dreigliederung des sozialen Organismus" nannte - und welche das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft auf eine neue Grundlage hätte stellen können.
Ich vermute eine Frau Merkel weiß nichts davon. In dieser Hinsicht ist sie schlicht "nicht informiert".
Im Fußball würde man sagen ein "Mittelfeld" ohne einen ensprechenden Regisseur, hat das Spiel bereits verloren - noch bevor es angepfiffen ist.
In der Sprache des Fußballs gesprochen befinden wir uns bereits weit in der zweiten Halbzeit. Ideen
und wirkliche Initiativen sind nicht in Sicht.
Schade um Frau Merkel, aber vielleicht kann sie es als geborene Ostdeutsche nicht besser wissen, denn Rudolf Steiner war hinter dem
ehemaligen "eisernen Vorhang" nur ein Thema für die ganz ganz wenigen, die sich illegal seine Schriften und Vorträge beschaffen konnten und darüber "im geheimen" geradezu konspirativ diskutierten, wie etwa Rolf Henrich. Aber hat man seit der Wiedervereinigung von Rolf Henrich eigentlich noch irgendetwas gehört?
Schade! Mit einer Nichtbesetzung der Führungsrolle im Mittelfeld (Europas) schliddern wir zusehends ins Abseits...
Es wird nicht mehr lange Zeit dauern, da wird der europäische EURO von den Märkten disqualifiziert werden - und das nur wegen der fortgesetzten Ideenlosigkeit seiner Gestalter...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrte Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel,

da ich die ganzheitlichen, ungewöhnlich-klaren Gedanken des Journalisten Jelle van der Meulen (Köln) hoch schätze, möchte ich Ihnen seine wertschätzenden Gedanken über Sie und Europa zukommen lassen. Aus Freundschaft…