10.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. Der Aristoteliker am Abgrund

Weil er sich weiter vom Himmlischen entfernt hat, tritt der Aristoteliker erst nach dem Platoniker in der historischen Zeit in Erscheinung. Hinter seinem Rücken liegt ein Raum des Sterbens und des Beendens, er hat sich von den letzten Taten der Götter befreit und von der Erotik der Ideen auch. Wenn Orpheus singt, hält er den Zauber für eine Sache des Herzens, nicht des Denkens oder des Wollens.

Der Aristoteliker fühlt sich von den Göttern beauftragt, die vorhandene Welt mit seinen Händen zu betasten, mit seinen Augen zu berühren, in seinen Ohren erklingen zu lassen. Er lässt sich das Skelett eines verendeten Elefanten in Kisten bringen, sortiert und sortiert, bis er aus den trockenen Gebeinen ein Bild des Tieres gewonnen hat. Er sehnt sich danach, das Tote in seinen Vorstellungen lebendig zu machen.

Er versteht die Seele des Menschen nicht als einen Vorposten des Geistigen, sondern als einen Ausgangsort für das Physische. Er verbleibt gerne dort wo er ist, nämlich bei sich, in sich, mit sich, versteht sich allerdings als eine gebrochene Einheit in einer Welt der Vielfalt. Nicht ein angeblich ehemaliger Zusammenhang interessiert ihn, nicht die ersten oder die letzten Worte der Götter, sondern die vereinzelten Anfänge der Eigenheiten.

Der Aristoteliker liebt Verwirrungen. Er mag es, wenn er in einem Raum Dinge nebeneinander stehen und liegen und hängen sieht: einen Aschenbecher, eine Radierung von Rembrandt, eine Pflanze aus Plastik (kurz fragt er sich: ist die Pflanze echt? Und sagt dann: natürlich, auch falsche Pflanzen sind echt!), einen Filzhut, eine Bombe, eine Flasche Gerolsteiner, zwei Schuhe (der eine rot, der andere schwarz), eine Uhr aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein leeres Handy ohne Adapter, ein Buch von Hannah Arendt...

Und er denkt: Irgendwie könnte aus den toll verwirrenden Gegenständen ein Elefant aufstehen... Der Aristoteliker spricht allerdings erst dann von Elefanten (oder Schülern von Beuys, oder Clowns, oder Terroristen – es gibt ja eine Bombe – oder von gestressten Philosophen) wenn er sich sicher ist, dass seine Schlussfolgerung transparent ist. Sein Spiel bezieht sich auf etwas, was tatsächlich vorhanden ist: auf Fett, Salz, Holz, Marmor...

Der Aristoteliker hört auf Aristoteliker zu sein, wenn er (vielleicht aus Versehen?) damit anfängt seine Wahrheiten zu konstruieren. Im Moment tun manche Aristoteliker das, weil der Zeitgeist das fordert. Elefanten werden allerdings leider nie konstruiert: Sie werden geboren, laufen in den weiten Landschaften in Afrika herum, stehen in unseren Vorstellungen (aus Kisten) auf oder werden durch Bilder an der Wand repräsentiert.

Das Konstruieren ist ein aristotelischer Akt der Selbstdestruktion. Im Konstruieren wird die leer gewordene Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft geschoben. Die Verlängerung des hartnäckigen Schweigens der Götter bis zum übermorgigen Tag wird zwar manchmal „Transparenz“ genannt, bedeutet allerdings, dass auch der Aristoteliker nichts mehr sagen darf. Er nimmt an nichts mehr teil, und konstruiert Brücken für Elefanten, die längst nicht mehr existieren. Und natürlich ist wahr: nichts ist transparenter als nichts, und nichts ist schöner, als eine Brücke ohne Besuch aus Afrika.

Der Aristoteliker hat einen Feind, der sein Freund ist, nämlich den Platoniker. Auch der Platoniker kommt (aus Versehen?) letztendlich an seinen Abgrund, es dauert nur ein bisschen länger, weil er älter ist. Es ist immer schön dabei zu sein, wenn ein Aristoteliker und ein Platoniker sich treffen und feststellen: Erst am Abgrund merken wir, dass wir Freunde sind. (Darüber vielleicht ein nächstes Mal...)

5 Kommentare:

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle, diese Beschreibung ist wunderschön!
Liebe Grüße
Ruthild, die sich weder als Aristoteliker, noch als Platoniker fühlt.

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Lieber Jelle, auch mich hat dein Text sofort inspiriert - wunderbar, vielen Dank!
Und daraus ist unmittelbar eine Darstellung über Platoniker entstanden.
Sie ist zu finden unter:
www.sophiepannitschka.blogspot.com

Herzlich!
sophie

Anonym hat gesagt…

Liebe Sophie, ich habe deinen Beitrag auf deinem Weblog gelesen. Sehr schön, und alleine von deiner Sprache her wohltuend „platonisch“. Vor allem was du über die Freundschaft schreibst, berührt mich. Ich werde am nächsten Wochenende einen Text über den Platoniker veröffentlichen. Vielleicht ist noch wichtig zu sagen, dass ich mich mit dem Aristoteliker und dem Platoniker beschäftige, weil Andrea Schilperoort, eine Freundin aus der Schweiz, mich darum gebeten hat. Sie ist die „Andrea“, die im Titel erwähnt wird. Herzlich, Jelle

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

DAZWISCHEN

Gurrend lockendes Vogelgezwitscher,
über mir,
das sanft murmelnde Gesäusel
eines moosbegrünten Bachlaufs,
unter mir:
Ich stehe auf der höchsten Kuppe
eines Hügels,
über mir der grenzenlose Himmel,
unter mir die Geheimnisse der Natur.
Was würde ich vorziehen, wenn ich
zu wählen hätte den Lebensort?
Den weiten, gestirnten Himmel über mir,
etwa als gefiederter Gast,
oder die zu mikroskopierende Natur unter mir,
etwa als gepanzerte Waldameise?
Ich fasse keinen Entschluss -
ich bleibe im Dazwischen, menschelnd,
wie so oft in meinem Leben.

(Michael Heinen-Anders)

Caroly hat gesagt…

Ich glaube ich bin ein Platoniker der sein ganzes Leben versucht ein Aristoteliker zu werden. Wieviel Abgründe sind das? Schwer zu sehen für eine kurzsichtige...