18.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. (2) Der Platoniker

Der Platoniker wird weniger von einer unbefangen Neugier und eher von einer melancholischen Sehnsucht getrieben. Er spürt, er hat etwas Großes verloren, ein spontanes und unmittelbares Wissen, ohne dies zu leben, einen süß-bitteren Schmerz erzeugt. Sein Aufwachen beruht auf ein Vermissen.

Auch ihm ist klar, dass die Götter sich zurückgezogen haben, dieses Empfinden haben Aristoteliker und Platoniker gemein, spürt allerdings, dass ein letzter Rest der übersinnlichen Schöpfungskraft noch vorhanden ist, und zwar in der Wirkung der großen Ideen. Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit, Liebe und Freiheit sind heiligen geistigen Bestimmungen, inneren Orten, wo die gesamte Ordnung der Dinge zelebriert werden kann.

Der Platoniker sagt nie: „Wir haben es nicht gewusst“. Er hat es immer gewusst, seine Momenten des aufwachenden Verstehens sind immer Momente des Rückkehrens. Er kann nicht etwas wissen, was er nicht einmal gewusst hat. Die Gedanke, in seinem Blickfeld auf etwas Neues zu stoßen, zum Beispiel auf einen Elefant aus dem unbekannten Indien, ist ihm fremd. Seine Beziehung zu dem Elefant hat es immer bereits gegeben, auch wenn er nie einen mit seinen Augen gesehen hat.

So wie so sind Elefanten in ihrer äußeren Erscheinung für den Platoniker nicht besonders interessant. Was ihm berührt, ist, was der Elefant „verkörpert“, was der Elefant „inne“ hat. Was könnte das sein? Ich würde sagen: ein schweres und breites und stetiges Tragen, eine „saturnale“ und „tiefgründige“ Präsenz, ein kosmisches Gedächtnis auch... (Um den Platoniker zu verstehen, braucht der Aristoteliker eine Menge Anführungszeichen.)

Der Platoniker hört auf Platoniker zu sein, wenn er (vielleicht aus Versehen? Oder aus Verzweiflung?) damit anfängt seine Wahrheiten zu konservieren. Im Moment tun manche Platoniker das, weil der Zeitgeist darum bittet. Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit können allerdings leider nicht konserviert werden, in Konzepten nicht, in Programme nicht, nicht einmal in der Sprache. Die große Ideen gehen wie Elefanten in der geistigen Welt frei herum.

Das Konservieren ist ein platonischer Akt der Selbstzerstörung. Es bedeutet im Grunde genommen, dass den Ideen das Lebenselixier genommen wird, und ja: Auf den Rücken der Elefanten bluten die Streifen der Peitsche. (In der deutschen Politik gibt es im Moment ein klares Beispiel eines Platonikers, der vor dem Abgrund steht, nämlich Oskar Lafontaine. Immer wenn er spricht, muss er jemand weh tun.)

Manche Platoniker meinen spontan, dass sie beides sind, Platoniker UND Aristoteliker. Das beruht allerdings auf ein Missverständnis aus Arroganz und Ignoranz, das nur bei Platoniker vorkommt. Manchmal meinen sie nämlich zu sein, was sie sich vorstellen können, dass sie sind. Bei Aristoteliker ist das übrigens umgekehrt, sie können sich manchmal nicht einmal vorstellen, dass sie Aristoteliker sind. Der Aristoteliker meint, dass die Idee „Aristoteliker“ nicht existiert. Der Platoniker ist manchmal nichts, weil er meint alles zu sein, der Aristoteliker ist alles, weil er meint nichts zu sein.

Schon ein verrücktes Spiel... Als ich diese Sätze schreibe, sitze ich in einem Bar in Gandia, eine Kleinstadt in Spanien. Der Kellner ist Idee-sei-dank ein Platoniker, er präsentiert mir mein café solo nicht nur, als wäre es ein Kunstwerk, sondern verspricht mir mit seinen feinen Gebärden den definitiven Rückkehr zu der vollen und runden Idee des Kaffees.

10 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Auch über Platoniker und Aristoteliker: http://sophiepannitschka.blogspot.com/
JvdM

Andrea hat gesagt…

Vielen lieben Dank für die zwei schönen, grossen Wortbilder! Sie haben und tun es noch, mich sehr gerührt und beruhigt. Letzte Woche durchsuchte ich deine alten Blogtexte zu diesem Thema und siehe da, letztes Jahr auch im Dezember fand ich das "Fragment über die Feindschaft. Das Schicksal von Kain und Abel." 21.12.2010 Dann noch "Über das Lauschen, Fragen und Wollen in den zwölf heiligen Nächten" 31.12.2010. Zu Empfehlen ist auch ein weiter zurückliegender Text " Machtfrage in einer Kultur des Herzens, über das Tier in uns." 20.10.2008. Ja da setzt sich in mir ein Thema zur Ruhe ohne es zu Konservieren;) Ja, wenn eine Aristotelikerin, wie ich es bin, sich mit einem so grossen,weiten und alten bis heute wirkendem Thema beschäftigt, sich festfrisst und mit ihren Konstruktionen nicht ankommt, nicht weiterkommt, dann dauert es Jahr um Jahr und braucht Steinchen um Steinchen das Gesamtbild zu kreieren. Herzliche Grüsse Andrea

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

WEIHNACHTEN GANZ UNHEILIG

Was feiern wir an Weihnachten?
Offensichtlich eine Sportwette.
"Weihnachten wird unter dem Baum
entschieden" - so ein Werbespot
eines großen Multimediaunternehmens.

Nehmen wir uns dies zu Herzen?
Oder kommt unser natürliches Gefühl
darauf, dass dies ja wohl nicht
der eigentliche Sinn der Weihnacht sein kann?

Was würde das Jesuskind wohl zum heutigen
Geschenkerummel sagen?
Ob es sich schämen würde dafür, was lauter
Namenschristen und geschäftige Händler dazu
aus diesem doch eigentlich recht besinnlichen
Anlass seiner Geburt, für ein Geschäftshighlight
gemacht haben?

Wer erinnert sich noch daran, dass der
erwachsene Jesus, Händler und Schacherer
aus seinem Tempel höchstpersönlich vertrieb?

(Michael Heinen-Anders)

Andrea hat gesagt…

Lieber Michael, Du musst ja nicht mitmachen, aber ich vermute auch, dass du nicht mitmachst sondern nur beobachtest und feststellst. Vor drei, vier Jahren bin ich mal wie extra spät in den letzten Tagen vor Weihnachten in die Stadt gefahren und habe mit grossem Vergnüngen, weil ich genaue Vorstellung hatte und wusste was ich wollte und brauchte, einkaufen gegangen. Mitten durchs Gewühl mit vergnüglichem Gefühl:) Nun ja Vergangenheit, Erinnerung! Grüsse Andrea

Andrea hat gesagt…

Lieber Jelle, darf ichs wagen nach deinen Bildworten für die dritte grosse Strömung zu fragen?

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Andrea, könntest du ein bisschen genauer beschreiben, was du meinst? Welche "Strömung" hast du in Gedanken? Herzlich,

Andrea hat gesagt…

Lieber Jelle, ich meine, die aus der Strömung, die schier unendliche Energie zu haben scheinen, nein es scheint nicht, es ist so. sie interessieren sich für dich und deinen momentanen Seelenzustand sie hören zu, gut nicht stundenlang natürlich, denn sie müssen bald weiter zu ihren anderen Aufgaben Seelen zu trösten, aufzumuntern und zusagen, ach ist doch nicht so schlimm. Der Kratzer in der Haut und sei er im Gesicht ….Sie finden dich schön, sie sind schön. Weil sie sind grundsätzlich gern da auf der Welt, in ihrem Körper. Sie können mit viel Energie und Phantasie vieles, fast alles. Damit die Freude auf der Welt wächst kümmern sie sich um die Menschen, die Tiere. Es ist nicht alles perfekt und vollendet schön was sie zum Beispiel zeichnen oder plastizieren, aber sie haben die Seelenstimmung erfasst und das ist die Hauptsache. Sie wollen nicht gründlich allen Forschergedanken und Experimenten folgen, sie wollen auch nicht allen kosmisch grossen Gedanken und Ideen nachsinnen, sie wollen schauen, dass das Leben weiter geht nach einer Katastrophe, dass es ins Gleichgewicht kommt. Und sie müssen sich auch selbst mal ausruhen. Die alles umfassende Mitte. Ja genau die Strömung meine ich.

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Andrea, die alles umfassende Mitte... Das klinkt nach die "manicheische" Strömung, wie von Bernard Lievegoed beschrieben in seinem "Über die Rettung der Seele". Ich werde die nächste Zeit über deine Frage nachdenken. Danke sehr! Herzlich,

Anonym hat gesagt…

Ja, gerne. Dankend schöne Weihnachten Andrea

Babs hat gesagt…

Potverdorie zeg, wat een mooie tekst! Hmmm, mooi? Ja ook, maarre...nee, zo grappig treffend, en nog meer. Maar ik heb de woorden even niet. Schrijf Jelle, schrijf!