Reif fürs Ungewöhnliche. Nicht zu Ende geschrieben...
Die Adventszeit kommt auf uns zu. Und diesmal fühle ich mich davon so richtig erwischt. Aus irgendeinem Grund scheinen die Geister des Wetters uns täuschen zu wollen. Es regnet nicht, die Sonne hat in den letzten Wochen golden gestrahlt, der Westwind (Shelley: „Oh wild west wind, thou breath of autumn´s being/ thou, from whose unseen presence the leaves dead / are driven...“) hat sich kaum gezeigt, nur die Mülltonnen im Hof scheinen auf Innerlichkeit vorbereitet zu sein.
Die Blätter auf der Wiese strahlen gelb im Tageslicht, sie scheinen ein zweites Leben zu haben, zwar haben sie sich von den Bäumen verabschiedet, sind allerdings noch gar nicht im Vergehen begriffen, tun etwas, was auch meine Seele tut: sie bilden eine Art Schale für einen Überschuss an Klarheit, einen letzten lichten Traum vor dem Aufwachen. Wollen die Geister des Wetters sagen, dass es noch etwas ganz Bestimmtes zu erfahren gilt, bevor wir für die Dunkelheit reif sind?
Reif für die Dunkelheit... Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir in etwa vier Wochen den kürzesten Tag des Jahres erreichen werden, die Winterwende, die Umkehrung der Lichtverhältnisse... Und gerade als ich dabei bin diese Sätze zu schreiben – es ist Samstagmorgen – gleitet das Sonnenlicht großzügig über die Mauersteine, über die Hortensien, die Mülltonnen. Ein Zaunkönig hat sich kurz an die Mauer im Hof gehängt, guckt nach oben ins Licht, springt wieder weg. Er ist offenbar sehr beschäftigt, mit irgendetwas...
Die Welt scheint auf etwas zu warten, etwas muss noch geschehen, bevor wir die Kerzen auf die Tische stellen können. Wenn ich die Mülltonnen befrage schweigen sie, sie wollen sich nicht einmischen, ihr sicheres Wissen nicht bekannt geben. Sie halten die Klappe. Und ich nehme mir vor nach dem Schreiben auf den Flohmarkt um die Ecke zu gehen, sobald wie möglich, um auf die Menschen zu schauen, auf die alte Sachen auch, die sich in der Zeit nicht nach vorne schieben lassen.
Ich höre mit dem Schreiben auf, obwohl ich nicht angekommen bin. Die bunten Blätter liegen aufmerksam auf dem Boden meiner Seele, reif fürs Ungewöhnliche. Der Wind lässt sie in Ruhe, weil er weiß: sie werden noch gebraucht.
3 Kommentare:
Möglicherweise ist es der Klima-Wandel, möglicherweise auch der schlechte Sommer, die uns die "goldenen" Herbsttage vor dem Weihnachtsfest bescheren.
Aber kommt es darauf an, was der Grund für diese außergewöhnliche Wetterlage ist?
Ich selbst genieße sie sehr. Einmal ein Herbst der ohne ein ständiges mitführen des Regenschirmes uns das Herausschauen aus unseren Wohnungen erlaubt. Einmal ein Herbst voller goldener Blätter, die nicht vergehen wollen.
Einmal ein Herbst, der - ganz anders, als nun der EURO - vor Sattheit glänzt.
Einmal eine Adventszeit, die die Heizungen noch kalt sein lässt, so als wären wir in Südamerika.
Wenn da nicht die Armut wäre, gerne lebte man in solch einem Land.
Doch wie sieht es innen aus: Was sind unsere Kultur- und Geistesgüter? Was birgt unsere Zivilisation an innerem Glanz?
Und ich meine, da sieht es, entgegen des großzügigen Wetters ganz finster aus. Solange eine Charlotte Roche und eine Helene Hegemann die Buchcharts anführen,
solange korrupte Vorstandschefs die Wirtschaftselite bilden, müssen und können wir angesichts der geistigen Lage dieses Landes nicht unbesorgt sein. Doch sieht es im gesamten mitteleuropäischen Raum nicht viel besser aus. Einzig die Schweizer werden nicht nur von der Sonne, sondern auch vom Negativzins des Franken und von der eigenständigen Kultur und Wirtschaft verwöhnt.
EURO-Rettungsschirme und andere ähnlich desaströse Unternehmungen sind dort kein Thema.
Und doch: gerade die besonders sonnenverwöhnten Zonen: Italien, Portugal, Spanien, Griechenland sind unsere besonderen Sorgenkinder.
Nicht also der äußere Anschein macht's, sondern schon eher die berühmt-berüchtigten "inneren Werte", die aber in Deutschland geradezu inflationär aufgebraucht scheinen.
Was will uns das günstige Wetter also sagen?
Vermutlich sagt es uns: Vorsicht! Das schlimmste kommt noch...
Herzlich,
Michael Heinen-Anders
29.November 2011
So einfach ist es mit dem Schreiben, plötzlich ist es da, ist das Unbeabsichtigte eingetroffen! - Ich sage du, lieber Jelle, weil ich dich öfters lese, ich sage du, weil wir eine gemeinsame Freundschaft pflegen, sie bloggt so wie du. Es ist Sophie! Heute schreibe ich dir, weil ich mich wie angezogen fühle von deinen einfachen Worten, vielleicht weil du wie zeichnest mit deinen Worten, vielleicht auch nur weil Weihnachten schwierig ist für mich. Letztes Jahr schenkte Sophie ein ungewöhnliches Weihnachtsexperiment mit offenen Fragen, die Menschen sich begegnen ließen, die sich nicht kannten, außer mit dem spontanen Wollen, sich zuzuhören, zu lesen, zu schweigen, zu schreiben, mitzutun bei etwas, was entstehen würde, ohne den Ausgang zu kennen. Ein ungewöhnliches Begegnen und Begegnetwerden entstand in den Tagen der Weihnacht. Jetzt ist dies plötzlich wieder da, wie eingeschrieben und heraufgeholt, an deinen Mülltonnen entlang, dem lichtigen Tanz eines Zaunkönigs entschlüpft dieses unerwartete Erinnern! Mit herzlichem Dank für deinen schönen und anregenden Blog. Wolf
Ihr in Deutschland habt wohl inzwischen euren Sturm gehabt, ich hier oben in den Bündner Bergen warte auf den schon garnicht mehr, der war noch selten hier, seit ich hier wohne. Wir warten eher sehnlichst auf Schnee, die Saison hat begonnen und mache boarden und fahren Ski auf breitgenugen weiss geregneten Bändern, Sonne und Bewegung geniessend. Irgendwie die Ruhe vor dem Sturm ist es, der doch sowie so wo anders stürmt. Wie ausgespart im Raum und brav mit den eigenen Sorgen versponnen lebe ich meist im November. Wer nichts unternimmt wird auch nicht mit genommen.
November - Geduld
" Was jetzt Sehnsucht ist wird Wille. Was jetzt Wille, wird einst Kraft nach der grossen reichen Stille
Kraft, die das gewollte schafft, Wille, der aus diesem schaffen abermals sich weiterrafft." Ch.Morgenstern
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