12.11.2011

Hinter der Sprachlosigkeit. Über elitäre Orte des Erwachens

Immer wenn es nichts zu sagen gibt, wende ich mich der Sprache zu. In der Sprachlosigkeit vergegenwärtigen die Worte eine letzte Sicht auf große und kleine Bedeutungen, sie wirken wie schwebendes Mobiliar in der bereits dunklen Weite. Bevor die Auflösung sich definitiv und unwiderruflich durchsetzt, ziehen sie die Vergangenheit noch einmal zusammen, bringen zwar nichts mehr auf den Punkt, halten die Bedeutungen aber wie die letzten Wolken vor der nächtlichen Aufklärung noch eine Weile fest.

Auch heute sind die letzten Worte nicht willkürlich. Sie stammen aus einem Gespräch, das heute stattfand, irgendwo in der Welt, irgendwo in der Zeit, zwischen Menschen die mit sich, mit einander und mit mir unterwegs sind. Nach dem Gespräch sind sie auseinander gegangen, betroffen und vielleicht beunruhigt, bestimmt aber fragend. Ich weiß nicht, wo sie sich im Moment befinden, vielleicht schreiben sie letzte Briefe, lesen Nachrichten, schälen Kartoffeln oder schauen aus dem Fenster in die kommende Nacht.

Heute geht es um vier Worte: „elitär“, „Orte“, „des“ und „Aufwachens“, die letzten drei Worte bilden eine vage Einheit: „Orte des Aufwachens“, das erste Wort war wie ein Sprungbrett. Einer der Teilnehmer hatte im Gespräch gesagt: „Die Tatsache, dass wir uns hier treffen und über unsere Anliegen sprechen können, macht uns elitär. Weitaus die meisten Menschen in der Welt sind dazu gar nicht im Stande.“ Auch wenn seine Bemerkung rot klang, hatte der Mann recht.

Ein Blick auf die sieben Milliarden Menschen in der Welt – ich wüsste nicht einmal, wie ich sie ins Auge fassen könnte – macht sprachlos. Auch die immer bereitwilligen Stichworte wie „Armut“, „Ungerechtigkeit“, „Unterdrückung“, „Unfreiheit“ und „Dummheit“ bieten an dieser Stelle keinen Ausweg. Der chancenlose Versuch sich die Wirklichkeit der Menschen vorzustellen – was passiert gerade mit Mensch Nummer 2.221.320.712, etwa in Hongkong? – bringt uns an eine Grenze, die wir nur überschreiten können, wenn wir Ideologien verstummen lassen und uns in die Sprachlosigkeit hinein begeben.

Orte des Aufwachens... Richtig ist, dass weitaus die meisten Menschen schlafen, weil sie mit dem Überleben beschäftigt sind. Es ist ein falscher Gedanke, dass jeder Einzelne sich seine Freiheit zur Kreativität erkämpfen muss, unter dem Motto: Jeder für sich und Gott gegen alle (wie Werner Herzog es mal formuliert hat. Es gibt auch so etwas, wie eine neoliberale Variante der Spiritualität). Es mag sein, dass jeder Mensch ein Künstler ist, genau so richtig ist, dass ohne meine Beteiligung nichts läuft.

Es dämmert. Die Welt wird sprachlos. Ich weiß nicht, was es heute Abend noch zu sagen gilt. Ich wende mich der Sprache zu, um mich von Worten und Redewendungen zu verabschieden. Ich hoffe, dass über die Worte hinaus, sich ein kleiner Ort des Aufwachens öffnet, für mich, für dich, für Mensch Nummer 2.221.320.712. Und ich nenne diesen Ort einfach „Text“, oder „Herzwerk“ oder „Akt des Schweigens“. Ich verneige mich, denke an meine verstorbene Mutter, an das Kind-im-Kommen, und verzichte auf die Sicherheiten des Verstehens.

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was für ein ergreifender Text!

...nach dem ersten Absatz des Textes dachte ich, dass er in der Folge vom Gegensatz zwischen "mit-Sprache-sein" oder "ohne-Sprache-sein" handelt.

...nach dem zweiten Absatz dachte ich, dass ich etwas über die Beteiligten des Gesprächs erfahren würde.

...nach dem dritten dachte ich, dass der Text sich nun mit Worterklärungen und deren Herleitungen befassen würde.

...dann erwartete ich, dass etwas über einen konkreten Menschen inmitten der unendlichen Weltbevölkerung kommen würde.

...und dann dachte ich, dass nun etwas über Orte des Aufwachens oder des Schlafens kommen würde, über Freiheit, Kreativität...

...und dann bin ich in der Welt des Verstehens komplett verloren gegangen, fand mich plötzlich im Raum ohne Worte. Die Sprache verschwand. Ich war hinter sie geraten.

Ob ich schon an einem "elitären Ort des Erwachens" angekommen bin wird sich in den nächsten Stunden erweisen...
Ggf. lasse ich es dich wissen.

Danke!
Herzlich, Ch.

Anonym hat gesagt…

Liebe CH., es sind manchmal die Kommentare, die rückwirkend einem Text seine Würde verleihen. Danke. Jelle van der Meulen

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

In der Tat! Das ist ein Gedanke, der mir auch immer wieder kommt. Wo nehmen Menschen, die mit dem reinen Überleben beschäftigt sind, die Kraft her für eine eventuell doch mögliche freie Spiritualität?
Meine bisherige Antwort auf dieses Dilemma lautet: die vielen Überzähligen, auch die "Arbeitslosen", welche genügend mit ihrem Überleben beschäftigt sind, das sind schlicht Ausgeschlossene.
Ausgeschlossene von der Idee der Freiheit, wie sie uns eine vielleicht auch manchmal neoliberale Spiritualität als erstrebenswert vermittelt.
Was tun wir diesen Menschen an, indem wir behaupten, letzten Endes käme es ja nur auf sie selber an?
Auch auf diese Frage, weiß ich keine so recht schlüssige Antwort...
Nur in sehr langfristiger Sicht, aus der Perspektive von Reinkarnation und Karma, erschließt sich dazu vielleicht so etwas, wie eine "Aussicht".

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Caroly hat gesagt…

Gestern sah Ich am Fernsehen Bernie Glassman, ein sozial engagierter Zenbuddhist der vieles für die Obdachlosen in New York macht. Er sagte: "Man muss dass nicht machen um sich besser zu fühlen, aber weil man die wirklichen Bedürfnisse und Fragen der Menschen sieht."
"Wo muss man anfangen, es gibt so viele Probleme in der Welt," fragte ihm der Interviewer.
Sein Antwort war ein bischen rätselhaft, er wollte es mit seinem Körper vergleichen. Dass habe ich so verstanden: wenn man viele Probleme erfährt, fange einfach irgendwo an.
Ich ware auch Teilnehmer dieses Gespräch, und irgendwo sprachlos. Wie fängt man an, und wo, wenn irgendwo Alles ein Problem ist? Was mir in letzter Zeit hilft ist eine jüdische Weisheit, und die sagt: Wenn man ein Mensch rettet, dann rettet man die ganze Welt. Und ja, jeder Mensch ist ein Künstler. Weil jeder Mensch über eine unendliche Quelle von Kreativität verfügt, unabhängig davon, unter welchen Umständen er lebt.

Anonym hat gesagt…

Das Jahr der Unbeschwertheit.