Ein Gedenkbuch. Über Namen, Fakten und Schicksale
Das Buch ist schwarz. In weißen Buchstaben steht auf dem Umschlag: „Die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Köln“. Und ganz unten: „Gedenkbuch“. Auf der Rückseite ist ein Bild eines Grabes zu sehen: ein hoher schwarzer Stein mit Namen und Daten, ebenfalls in weißen Buchstaben.
Das Buch umfasst 555 Seiten. Die ersten fünfzehn beinhalten „Inhalt“, „Geleitwort“, „Grußwort“ und „Einleitung“; die letzten fünfzehn „Hinweise zur Benutzung“, „Quellen und Literatur“ und einen kurzen Text unter dem Titel: „Der Weg der Kölner Juden in den Holocaust“. Auf den übrigen 525 Seiten des Buches werden in alphabetischer Reihenfolge die Namen und Daten von jüdischen Opfern der Nationalsozialisten aus Köln aufgelistet.
Jede Seite enthält die Daten von etwa fünfzehn Personen. Die Schicksale der Einzelnen werden auf die Grundkoordinaten des Lebens reduziert: Geburtsdatum, Geburtsort, Familienname, Jahr der Deportation und Sterbedatum. Ich gebe drei Bespiele:
Jacobsohn, Jetta
geb. Cappel
geb. 27.07. 1864 in Stommeln
gest. 20.03. 1944 in Theresienstadt
Deportation: Theresienstadt (1942)
Moses, Max
geb.: 01.09.1890 in Lessen
gest.: 21.05.1942
Deportation: Lodz (1941)
Silberstein, Eva
geb. Kessler
geb.: 02.04.1906 Köln
gest.:
für tot erklärt
Deportation: Auschwitz
Ich habe das Buch letzte Woche in Köln gekauft. Es lag im Schaufenster eines Antiquariats, ich kam vorbei, sah es, wollte es sofort haben. Für meine Entscheidung brauchte ich keine drei Sekunden. Erst als ich es in meinen Händen hatte, wurde mir klar, dass es lauter Namen und Daten von Opfern enthält, also keine historischen Beschreibungen, Analysen, Erläuterungen oder Bewertungen. Mit etwa 7500 Namen in der Hand bin ich dann nach Hause gelaufen.
Das Buch ist benutzt worden. An drei Stellen sind Artikel aus Zeitungen gesteckt worden, hier und da ist ein Name mit Bleistift markiert. An einer Stelle ist mit der Hand ein Name hinzugefügt worden: „Hans Kelsen, 11.10.1881, gestorben 19.04.73, 33 Prof in Köln“ Was mit „33“ gemeint ist, kann ich nicht einordnen. Und aus dem Kontext geht nicht hervor, was mit der Ergänzung gemeint ist. An einer anderen Stelle ist nur ein Name eingetragen worden: Jahn, Lilli, geb. Schlücheler.
Und damit bewegt sich das Buch in drei Schichten der Zeit. Erstens berührt es die Zeit des Holocaust, worauf sich das Buch-als-Gedenkbuch bezieht. Zweitens hat es mit der Zeit des mir unbekannten Benutzers zu tun, der vermutlich eine Beziehung zu einigen im Buch genannten Personen hatte. Dieser Mann oder diese Frau hat sich mit den Schicksalen einzelner Opfer beschäftigt. Und dann gibt es die Schicht meiner Zeit, in der ich mich frage: Was könnte der Grund sein, dass ich das Buch unbedingt haben wollte?
Ich lese die Namen, vertiefe mich in die Daten, vergegenwärtige mir, was es heißt, an einem Samstagmorgen zum Bahnhof Deutz-Tief zu gehen, auf dem Gelände der Messe warten zu müssen, in einen Güterzug gepresst zu werden, über Hamm und Breslau Richtung Auschwitz oder Lodz, über Würzburg Richtung Buchenwald oder Theresienstadt weg transportiert zu werden. Ich lese den Namen Nathan Salomon, stelle fest, dass er noch keine sieben Jahre alt war, als er von Köln nach Auschwitz gebracht wurde.
Ich lebe in der Kölner Innenstadt im Rathenau-Viertel, dort, wo im Dritten Reich viele Juden abgeführt worden sind, und an der Roonstraße noch immer die große Synagoge steht. Täglich komme ich an Häusern vorbei, wo damals vielleicht Nathan Salomon oder Sara Levy oder Johanna Sommer lebten. Und mich bewegt das Empfinden: Sie sind nicht mehr da, noch immer da sind allerdings die Löcher, die sie hinterlassen haben.
Löcher sind nie leer. Und Löcher gehören nie nur der Vergangenheit an. Löcher können Orte des Aufwachens sein. Und ja, wo und wie können wir Nathan und Sara und Johanna in der Gegenwart finden? Wo sind sie jetzt? Was machen sie jetzt?
4 Kommentare:
Nach dem Tod wird die Zeit zum Raum. Nichts geht verloren, was je geschehen ist, Böses und Gutes.
Es gibt ein Gebet, das ich täglich spreche:
Sonnenwesen, Christusheld,
schicke Deine Kraft zu uns auf die Erde, dass zum Guten sich wenden die Kräfte des Bösen in der Zeit der Not.
Lasse werden, o Herr, die Geschehnisse dieser Welt zukunftsförderne Taten.
Wende die Lanze des Bösen von ihrem Ziel!
Gib der Welt Frieden!
Es gibt ja bekanntlich ein Buch, welches sich - aus völlig anderer Perspektive - ebenfalls mit den Opfern des Holocaust befasst und welches in ähnlicher Weise anrührt.
Im meine das Buch von Yonassan Gershom: "Kehren die Opfer des Holocaust wieder?". Das Anliegen dieses Buches ist nicht rein spekulativ, sondern angesichts des Massenmordes an Millionen Juden durch Zyankali (Zyklon B) höchst aktuell. Die Grundfrage dieses Buches wird im Vorwort erläutert:
Kehren die Opfer des Holocaust trotz ihrer Ermordung durch das Gift, welches normalerweise den "zweifachen" Tod verursacht, dennoch als (Re-)Inkarnationen wieder?
Da mich diese Frage ebenso bewegt hat, wie den Autor, habe ich diesem Thema in meinem Werk "Aus anthroposophischen Zusammenhängen Band II" ein eigenes Kapitel gewidmet.
Es geht dabei um die "brennende Frage", haben die Geist-Seelen die im Holocaust zum Opfer wurden, diesen trotz des Einsatzes von Zyankali, spirituell überlebt?
Rätsel auf Rätsel liefert uns die Zeit des Nationalsozialismus - und dieses ist eines davon.
Herzlich,
Michael Heinen-Anders
soweit ich weiss, wurde "nur" in auschwitz mit blausäure getötet, in anderen lagern mit abgasen und kohlenmonoxyd. ich glaube, wenn jemand mit etwas ermordet wird, das auch zur goldgewinnung eingesetzt und dann der körper verbrannt wird, ermöglicht ihm das eine schnelle rückkehr. aber auch die mörder haben sich teilweise mit zyankali ihrer verantwortung entziehen wollen.
also werden sie alle mitten unter?in? uns sein...
christus
du mein göttlicher bruder
du mein ewiges, eigenes selbst
lebe du dein leben in mir
werde du zum fleische in mir
keinen anderen willen will ich haben als den deinen
kein anderes selbst
als dich allein.
roswitha
Kelsen war ein berühmter Jurist. 33 bedeutet wohl 1933, da war Kelsen Prof. in Köln bzw. wurde wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 entlassen. Über ihn steht einiges in Wikipedia, seh ich gerade. XXX
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