01.10.2011

Über das Anthroposophische und das Kindliche. Sich immer wieder aufrichten wollen

„Die Anthroposophie, sagte Steiner, ist wie ein kleines Kind, wie das Kind in der Krippe zu Bethlehem, ihre Geschichte liegt zu allergrößten Teilen noch vor ihr, es lässt sich gar nicht ermessen, was aus ihr in späteren Zeiten wird.“ Und: „Das gilt auch heute, 100 Jahre später, nun ist sie, die Anthroposophie, gerade mal dabei, sprechen zu lernen ... Wir müssen ihr Entwicklungsräume schaffen - FREIE Entwicklungsräume. Sie darf nicht in Ketten gelegt werden. Ich denke, dazu können wir im Bereich der Waldorfpädagogik ein wenig beitragen.“

Mit diesem Kommentar reagierte Henning Köhler letzte Woche auf meine „Werbung“ für das Seminar für Waldorfpädagogik in Köln. Seine Worte sind mir aus dem Herzen gesprochen und ich nehme sie in dieser Woche zum Anlass, meine Beziehung zur Anthroposophie zu erläutern. Immer wieder muss ich feststellen, wie groß die Missverständnisse bezüglich der Anthroposophie sind.

Wenn Henning recht hat, dass die Anthroposophie wie ein kleines Kind gerade mal dabei ist, sprechen zu lernen, bedeutet dies, dass sie sich, zumindest anfänglich, „aufgerichtet“ hat. Und wie es so mit dem kindlichen Stehen steht: man kann eigentlich nicht an der wackeligen Schönheit vorbei sehen. Die Kraft der Anthroposophie liegt gar nicht in ihrer Muskulatur, sondern gerade in ihrer behutsamen Innerlichkeit.

Das suchende und verletzbare Stehvermögen der Anthroposophie besteht meines Erachtens darin, dass sie um eine Perspektive im Leben ringt. Sie hat einen Blick ins Offene geöffnet, eine freischwebende Sichtweise erörtert, die es ermöglicht, sich auf eine bestimmte Art und Weise auf das Leben hinzu zu bewegen. Ich würde die Eigenheit dieser Perspektive so beschreiben: Sie nimmt die Erscheinungen in der Welt als zu mir gehörig, sie nimmt die Erscheinungen in mir als zur Welt gehörig.

Die Folgen dieser Entscheidung – man könnte an dieser Stelle wohl sagen: das Anthroposophische in mir WILL es so sehen – sind radikal. Sie führen zum Beispiel dazu, dass ich mich von abstrakten, ideologischen und theoretischen Gedanken verabschiede. Nur Gedanken, die aus einer lebendigen Beziehung zu den Menschen und den Dingen entstehen, zählen. Mit dem kleinen Kind ist es genau so: Es lässt sich uneingeschränkt führen von der Sehnsucht, die Beziehungen zu den Erscheinungen des Lebens zu LEBEN.

Die Anthroposophie ist ein Versuch, Worte und Begriffe zu finden für das Offene und Weite, für das Unbestimmte und eben „Ungeheurere“ (Nietzsche), sie will sich in eine Sprachlosigkeit hinein begeben, ohne eine kalte Klarheit, die die Geheimnisse des Lebens töten, zu schaffen. Rudolf Steiners Texte wirken oft so, als ob er versuchen würde, große Mysterien zu lüften; im Grunde genommen ging es ihm jedoch darum, sie für das wache Bewusstsein spürbar, erfahrbar und integrierbar zu machen.

Eine freie Sprache ist für das Anthroposophische wesentlich. Immer und unter allen Umständen die bereits anerkannten Worte und Redewendungen wiederholen zu wollen, führt manchmal dazu, dass das Anthroposophische nicht „geschieht“, nicht zum „Ereignis“ wird. Und Ereignisse sind in diesem Sinne als Momente in der Gegenwart zu verstehen, in denen das Zukünftige das Vergangene nicht nur berührt, sondern eben verwandelt.

Die drei großen Vorgänge in den ersten drei Jahren des Lebens eines kleinen Kindes, das Aufrichten, das Sprechen und das Denken, werden in der Anthroposophie nicht als bloße Phasen in der Biographie verstanden, die irgendwann mal mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen sind. Sich immer wieder auf das Mysterium des Lebens einzulassen bedeutet nicht nur, das Kindliche in sich zu bewahren, sondern eben zu stärken.

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

zweistromland

leben
im hierundjetzt
inmitten der gedankenflüsse

bewässert
durch das immerundewig
von tausend und einer nacht

fortgang
durch das nieundnimmer
des turmbaus zu babel

roswitha

Caroly hat gesagt…

Lieber Jelle,

Gestern wann du diesen Blogtext veröffentlichte hatte ich zufällig eine Gedanke über mich als Lehrerin in der Schule: seit zwei Jahre versuche is das Unterricht geben zu lernen, und mit Teenagers ist das Lernprozess eine art Fallen und mich wieder aufrichten. Also mehr Fallen als Aufrichten. Jetzt bin ich wieder gefallen, und das Aufrichten geht nog nicht so schnell. Vielleicht soll ich die Lehrer unterrichten, die es weit besser machen als ich! So ist es jetzt mit mir. Ich denke darüber ob ich vielleicht mitmachen soll mit diesem Seminar. Und ja, das Kind in uns sollen wir nie vergessen. Erinnerst du dich an das berühmte Gedicht von Martinus Nijhoff?

Het kind en ik

Ik zou een dag uit vissen,
ik voelde mij moedeloos.
Ik maakte tussen de lissen
met de hand een wak in het kroos.

Er steeg licht op van beneden
uit de zwarte spiegelgrond.
Ik zag een tuin onbetreden
en een kind dat daar stond.

Het stond aan zijn schrijftafel
te schrijven op een lei.
Het woord onder de griffel
herkende ik, was van mij.

Maar toen heeft het geschreven,
zonder haast en zonder schroom,
al wat ik van mijn leven
nog ooit te schrijven droom.

En telkens als ik even
knikte dat ik het wist,
liet hij het water beven
en het werd uitgewist.

Es ist noch immer mein Lieblingsgedicht

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Caroly, das Gedicht von Nijhoff, kennen wir Niederländer das nicht allen? Schön, dass Du es in Erinnerung bringst! Liebe Grüße aus Köln. J.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Anthroposophie hat weitaus mehr erreicht, als die Aufrichtung in die Vertikale. Wenn auch das Sprechen oft noch ungelenk erscheint, so erscheinen in ihr sehr wesen-t-liche Gedanken über das sonst, mit Wittgenstein gesprochen, "unsagbare".
An dieser Stelle gilt es darum Rudolf Steiner Dank zu sagen für seine Inaugurationstat gegenüber dieser Bewegung der vielen Suchenden, und die nun viele tausende Menschen nicht mehr ruhen lässt, die sich irgendwie mitgenommen fühlen durch das Wesen "Anthroposophia", durch dessen Geburtsakt, geistige Erkenntnisse als so wesentlich empfunden werden können, wie andere heutige ihr Wasser und Brot empfinden.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Henning hat gesagt…

Lieber Michael Heinen-Anders, vielleicht liegt hier ein Missverständnis vor, denn ich wollte mit dem Zitat Steiners vom Baby Anthroposophie überhaupt nicht die großen bisherigen Leistungen des Babys schmälern. Was Steiner an dieser Stelle meint, ist, dass im ganz großen historischen Kontext gerade erst alles begonnen hat. Insofern lernt das Kind gerade ("gerade" heißt: seit Jahrzehnten und weitere Jahrzehnte)sprechen. Das Sprechenlernen beginnt ja schon während des Aufrichteprozesses.
Im Übrigen gilt: Nie in seinem Leben lernt der Mensch in so kurzer Zeit so viel wie in der frühen Kindheit. Das ließe sich auch auf die A. übertragen. Nur müssen wir wissen: Es wird noch lange, lange daueren, bis sie erwachsen ist. Sagt jedenfalls Steiner. Ich verstehe gut, was er meint.
Henning