24.10.2011

Herrschaft, Macht und Gewalt. Über himmlische Hierarchien und Menschen

Anders als die Begriffe Freiheit, Schönheit oder Gerechtigkeit wird der Begriff Macht, zumindest öffentlich, nicht besonders hoch angesehen. Wenn Menschen Macht suchen oder sie eben ausüben, stehen sie prinzipiell unter Verdacht. Mit Macht ist es wie mit Geld: es scheint irgendwie moralisch sauber zu sein, wenn man davon nicht zu viel hat. Die Volksweisheit meint mit Sicherheit zu wissen, dass Macht „korrumpiert“.

Was ist Macht? In seiner Lehre der himmlischen Hierarchien spricht Dionysius Areopagit (um 500 nach Christus) von den geistigen Wesenheiten, die sich an der Entwicklung der Erde und der Menschen beteiligt haben (und das immer noch tun). Er beschreibt neun Arten von Wesenheiten, die jeweils zu drei Gruppen gehören. Die erste Gruppe umfasst die Wesenheiten, die dem Anblick der Gottheit unmittelbar ausgesetzt sind und das Wollen der Gottheit ohne Einschränkungen entgegen nehmen. Die Wesenheiten dieser ersten Gruppe werden Seraphime, Cherubime und Throne genannt.

In der dritten Gruppe handelt es sich um Wesenheiten, deren Dasein am unmittelbarsten mit den Menschen verknüpft ist. In der „Leiter“ der Hierarchien stehen sie „unten“, und das heißt, dass sie eine Nähe zu den Beschränkungen von Raum und Zeit denen wir Menschen ausgeliefert sind. Sie sind deswegen im Stande in den Seelen der Menschen zum Beispiel die Liebe zu entzünden. Bei Dionysus Areopagit werden die Wesenheiten dieser Gruppe die Archai, die Archangeloi und die Angeloi genannt.

In der zweiten Gruppe, die sich zwischen „ganz oben“ und „ganz unten“ befindet, geht es um Wesenheiten, die nicht den unmittelbaren Anblick der Gottheit haben, aber doch den unmittelbaren Impuls haben, den Offenbarungen der Gottheit zu folgen. Sie werden die Kyriotetes, die Dynamis und die Exusiai genannt, oder in der deutschen Sprache: die Herrschaften, die Mächte und die Gewalten.

Herrschaft (und Damenschaft?), Macht und Gewalt werden in der christlichen Kosmologie also in einem Zwischenbereich angesiedelt. Die Kräfte sind dort aktiv, wo es einerseits eine Distanz zu dem Allgemeinen (oder dem Göttlichen), andererseits eine Nähe zu dem Besonderen (oder den individuellen Menschen) gibt. Anknüpfend an Dionysus Areopagit ist Rudolf Steiner in seinen Beschreibungen dieser zweiten Gruppe sehr genau. Er sagt, dass die Wesen der zweiten Hierarchie nicht nur ihr Selbst „offenbaren“; sondern sie sondern das, was sie innerlich erleben, von sich ab, so dass selbständige Wesenheiten entstehen.

Jedes Mal, wenn ein solches Absondern stattfindet, wird „Leben“ erzeugt. Rudolf Steiner spricht an dieser Stelle von „Selbsterschaffen“, von einer schöpferischen Tätigkeit also. Interessant ist nun, dass diese spirituelle Beschreibung von Herrschaft, Macht und Gewalt weit - weit - weit entfernt von der heutigen Sicht auf diese Dinge ist. Heutzutage sehen wir manchmal nur die negativen Schattenseiten der Macht.

Eine Ausnahme ist allerdings der französische Philosoph Michel Foucault. Er hat versucht, meiner Meinung nach mit Erfolg, den Begriff der Macht von seinen Schatten zu befreien. Mit Recht kann man sagen, dass Foucault die vertikale Ansicht der christlichen Lehre quasi horizontal gemacht hat, anders gesagt: Er hat Macht als ein Phänomen im Mittelbereich zwischen den Menschen verstanden. Und ebenso wie Rudolf Steiner verbindet Foucault den Begriff nicht an erster Stelle mit Staatsmacht, Unterdrückung oder persönlichen Interessen, sondern mit Kreativität, Gestaltungswillen und Mut.

Die Möglichkeit einer Machtentfaltung gibt es immer und überall. Wenn zwei Menschen sich begegnen, sich gegenseitig öffnen und sich anerkennen, kommt sofort eine Kraft frei, die Foucault wohl eine „politische“ Macht nennt. Und er hat auch verstanden, dass Richtung und Qualität der konkreten Machtentfaltung von der Innerlichkeit der Beziehung zwischen den Menschen abhängt. Wenn zwei oder drei oder hundert oder tausend Menschen etwas bewirken, das über diese Menschen hinaus „eine selbständige Wesenheit bekommt“, zählt am Ende die Substanz der Innerlichkeit.

Macht ohne Innerlichkeit erzeugt Terror, egal ob sie von Staaten, Unternehmungen oder sogenannten frustrierten Minderheiten ausgeübt wird. In einer Kultur des Herzens kann es also nicht darum gehen, auf eine gezielte Ausübung der Macht zu verzichten, sondern um eine ständige Vertiefung der Innerlichkeit, die mit einer Machtentfaltung einher gehen müsste.

Nicht ein Verzicht auf Macht, sondern ein Verzicht auf ideologische oder weltanschauliche Abstraktionen und vermeintliche Interessen steht in einer Kultur des Herzens an. Solange wir die Entfaltung einer Macht von der Frage abhängig machen, ob wir gleicher Meinung sind, kommt am Ende nichts Gutes dabei heraus. Das ist der alten christlichen Lehre der himmlischen Hierarchien zu entnehmen.

1 Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

"Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Matthäus 18,20). So hat der Christus einst zu den Menschen gesprochen und ließ sie so teilhaben an seiner Geistesmacht. Macht ist so gesehen eine freiwillige Ermächtigung und das Spiegelbild der Ohnmacht. Wir müssen uns nur ins rechte Verhältnis zueinander setzen - und schon haben wir Macht. Wir können das an zahlreichen "Campact"-Aktionen, aber auch an Parlamentspetitionen, wie z.B. derjenigen von Susanne Wiest erkennen.
Politiker fürchten sich bekanntlich vor dererlei Macht, denn es lässt sie selbst ihre vermeintliche Ohnmacht erleben - eben die Spiegelseite der Macht.
Auch die Bewegung "Occupy Wall Street" wird von den Regierenden, die sich von der Macht der Spekulation treiben lassen, wie ein Haufen durcheinanderlaufender Hühner - sehr ernst genommen und gefürchtet.
Ja, das zitierte Christus-Wort kann sehr wohl auch politisch verstanden werden, es kann Ohnmacht zur Macht werden lassen, ohne den Verlust von Verantwortung und Ethik. Politik in diesem Sinne kann aus "Piraten"-Aktionen bestehen, es kann aber auch hinreichen zu bürgerschaftlichen Netzwerken, wie es z.B. die Tauschringe sind. Lasst uns doch unser eigenes Geld schaffen denken immer mehr Menschen und lassen die verlockenden EURO's achtlos liegen.
Gelänge es uns auf diese Weise eine Art christlicher Komplementär-Währung nach dem Vorbild Silvio Gesells, der Templer und den Überlegungen Rudolf Steiners in seinem "Nationalökonomischen Kurs" zu schaffen, so hätten wir tatsächlich den Götzen Mammon ein Stück weit besiegt - auch das ist Macht. (->Lit.: Flensburger Hefte 111).

Herzlich,

Michael Heinen-Anders