10.10.2011

Ereignis in Stolberg. Über eine große Frau im Schatten

Es war zehn vor zehn am Donnerstagabend, die Kinderbesprechung im Kinderhaus in Aachen war gerade vorbei, ich schaute auf die Uhr und stellte fest: Wenn ich mich beeile, erwische ich noch den Zug von Stolberg nach Köln. Mein Kollege Ralf war bereit das Schicksal herauszufordern, wir verabschiedeten uns mit einem schnellen Tschüss und rasten in seinem Auto davon.

Als wir zehn Minuten später den Bahnhof erreichten, stand die Regionalbahn bereits am Bahnsteig. Ich sagte nochmals Tschüss, rannte über den Platz, über die Treppen runter, über die Treppen wieder herauf, kam jedoch gerade eine Sekunde zu spät. Die Türen schlossen sich und als ich mit meinen Fingern auf den Knopf drückte, öffneten sie sich nicht mehr.

Zehn Minuten später sollte ein zweiter Zug abfahren, Richtung Düren, wo ich in die Straßenbahn nach Köln-Ehrenfeld umsteigen konnte. Von dort konnte ich dann ein Taxi in die Innenstadt nehmen. Ich lief ruhig zu dem anderen Bahnsteig, rauchte dort eine Zigarette, fühlte mich irgendwie verloren... Als der Bummelzug kam, stieg ich ein. Ich setzte mich hin und merkte dann unmittelbar, dass etwas nicht stimmte.

Meine Geldbörse war weg. Mit diesem Umstand bin ich ziemlich vertraut, weil so etwas etwa drei Mal im Jahr passiert. Mein Geldbeutel hat die Neigung sich übersehen zu lassen, oder genauer gesagt: Er wird von einem närrischen Zwerg gehütet, der ihn für mich manchmal unsichtbar macht. Es war noch keine drei Wochen her, dass der Zwerg seinen Trick wieder mal ausgespielt hatte: Ich hatte in einem Kiosk eine Zeitung gekauft und meine Börse dort liegen lassen. Der Kiosk-Inhaber gab mir sie mir am nächsten Tag wieder zurück.

Im Bummelzug zwischen Stolberg und Eschweiler dachte ich also: „Ach, du liebe Scheiße, bitte nicht schon wieder!“ Als ich drei Mal in all meinen Taschen geschaut hatte – komischerweise will man es nicht glauben – konnte ich nicht mehr darum herum: Meine Börse war definitiv weg, mit meinem Pass, meinen Bankkarten, meiner Bahncard, mit noch ein paar Karten mehr (ich habe mittlerweile für alles Karten), mit etwa vierzig Euro, und mit meinem Selbstvertrauen. Und sofort war mir klar, dass es während meines Spurts zum ersten Zug passiert sein musste, dass sie aus meiner Tasche gesprungen war.

Nach ein paar Anrufen – während solcher Prüfungen bin ich nicht gerne alleine, brauche dringend ein paar tiefere Weisheiten und höhere Einsichten – stieg ich in Eschweiler aus, um mit dem nächsten Bummelzug wieder zurück nach Stolberg zu fahren. Ich sah für mich nur noch eine Möglichkeit, nämlich, daran zu glauben, dass ich meine Börse wieder finden würde. In den quälenden vierzehn Minuten, die ich in Eschweiler zu warten hatte, und in den zehn Minuten der ärgerlich-langsamen-Rückfahrt, sagte der Zwerg mir andauernd: „Ach, du lieber Scheißkerl, das kannst du vergessen, dass sich die Welt dieses Mal nach deinen illusorischen Wünschen richtet“.

Als ich wieder in Stolberg eintraf, war der Bahnhof von Gott und jeglichen Menschen verlassen. Mit schnellen Schritten lief ich die Treppen herunter, sah keine Börse, lief durch dem Tunnel, sah keine Börse, lief die Treppen auf der anderen Seite wieder hoch, sah auch keine Börse, und dachte: „Das war es dann wohl! Schluß-Scheiße-Schluß!“ Als ich mich umdrehen wollte, hörte ich jedoch eine wunderschöne Stimme, die fragte: „Suchen Sie etwas?“ Im Schatten stand eine große Frau, zu ihren Füßen lagen bestimmt sechs volle Taschen und Tüten, und ich dachte: „Eine Pennerin!“ Die Schatten um sie herum schienen irgendwie ihre Wohnung auszumachen, ihr Lächeln wirkte allerdings leicht und licht und fröhlich... Und nochmals: Sie war groß und weit und breit...

„Ich suche eine Geldbörse“, sagte ich. „Das dachte ich mir“, sagte sie, „ich habe gerade eine gefunden“. Sie bückte sich, nahm eine der Tüten und holte meine Börse heraus. Sie schaute auf das Bild in meinem Reisepass, dann auf mich und sagte: „Sie sind es!“ Mit diesen Worten gab sie mir meine Börse zurück. Ich nahm zwanzig Euro heraus und sagte: „Machen Sie etwas Schönes damit“. Sie aber sagte: „Bitte, geben Sie mir zehn Euro, das reicht“, und ich wieder: „Nein, nehmen sie bitte zwanzig!“ Darauf erwiderte sie: „Sie müssen ein bisschen besser auf sie aufpassen!“ Und ich sagte: „Ich werde besser auf mich aufpassen!“

Und dann umarmte ich die Frau. Meine Arme wurden irgendwie auf einmal länger, lang genug um ihre ganze Größe und Weite und Breite zu umfassen, und sie umfasste mich, machte mich genauso groß und weit und breit wie sie. Sie wollte mich nicht mehr loslassen, nicht mehr gehen, nicht mehr mit meinem Zwerg alleine lassen. Und sie flüsterte: „Passen Sie bitte ein bisschen besser auf, so kann es doch mit Ihnen nicht weiter gehen...“ Dann ließ sie los. Und noch heute, vier Tage später, fühle ich mich von ihrer Größe getragen.

7 Kommentare:

Sanne hat gesagt…

Danke fürs teilhaben lassen...

Ruthild Soltau hat gesagt…

Lieber Jelle, ich bin Dir ja auf den düsteren Bahnhof nachgereist und habe Deine Rührung erlebt, da dachte ich (und hoffte auch inständig): Wahrscheinlich schreibst Du Deinen nächsten Text über die Begegnung mit dieser Frau!
Herzliche Grüße
Ruthild

Anonym hat gesagt…

heel mooi! liefs, E.

Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle, heute früh beim Aufräumen der Kinderzimmer ist mir eingefallen, dass ich zu meinem Schlüsselbund ein ähnliches Verhältnis habe wie Du zu Deiner Geldbörse. Immer wieder verlege ich dieses dicke Bund irgendwo im Kinderhaus. Gerade also ist mir eine Begebenheit eingefallen, die mich vor einigen Jahren sehr berührt hat und über die ich immer mal wieder nachsinne. Du weisst ja auch, dass vor einiger Zeit im Kinderhaus oft Geld verschwand. Alle im Team hat das beschäftigt und beunruhigt. Einmal vermisste ich wieder mein Bund und als ich es wiederfand, fehlte der Schlüssel vom Teamzimmer daran. Ich war beunruhigt, dachte sofort an ein Kind und zog mich kurz verstört zurück. In Gedanken war ich ganz bei dem Kind,dachte an seine Nöte und umarmte es in meiner Vorstellung. Als ich wieder zu den Kindern zurückging, kam das Kind auf mich zu und streckte mir den Schlüssel entgegen.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Geld - Gold - Gewissen. (So lautet ein Büchlein von Gérard Klockenbring), in welchem der Autor u.a. auch die wohltätige Wirkung der Tempelritter schildert.
Diese Frau dort am düsteren Bahnhof von Stolberg (gottverlassene Gegend) hatte eines sicher nicht. Geld und Güter hatte sie wohl nicht im Überfluß. Was sie dennoch hatte: eben das Gewissen, es wirkte so heilsam auf Dich Jelle, wie eine vitalisierende, warme Mineralquelle. Vielleicht pochte ja in dieser großen Frau im Schatten, ganz unerkannt, ein Templerherz...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

Eine schöne Geschichte! P.Zl.

Anonym hat gesagt…

herrlich!
SST