05.10.2011

Der Weitsicht der Griechen. Über die Vereinigten Freien Staaten von Europa

Erst haben die Hellenen versucht ihr Ansinnen, etwa zehn ihrer hübschen Inseln zu verkaufen, durchzusetzen. Das klappte aber nicht, weil kein Spekulant sich zutraute, sich gegen den Willen der Götter zu stellen. Es ist nun einmal so, dass Zeus, Apollo und vor allem Neptun im Mittelmeer noch immer die Drahtzieher und Entscheidungsträger sind. Und zu versuchen, sich etwas anzueignen, was eindeutig den Göttern gehört, führt bekanntlich dazu, dass man am Ende vereinsamt stirbt. Die Griechen haben sich über die Abneigung der Investoren übrigens gar nicht gewundert, ganz im Gegenteil, sie wussten von Anfang an, dass sie mit dem übersinnlichen Widerstand der Firma Zeus & Co. rechnen konnten. (Zwar haben die Chinesen vor ein paar Jahren den Hafen von Piräus gekauft, aus Sicht der Griechen bedeutete dies aber nicht viel, weil diese Stadt bereits vor einer Ewigkeit von den Göttern verlassen worden war.)

Als dann auch die Weltbank und der IWF endlich verstanden hatten, dass Mythologie sich nicht veräußerlichen lässt, kam der zweite Schritt der Hellenen: Das Vorhaben, etwa 140.000 Beamten zu kündigen. Diese Kündigungen wurden minutiös geplant und genauso minutiös nicht durchgesetzt. Den Griechen war klar, dass es nur darum ging, Frau Merkel und Herrn Schäuble für etwa sechs Wochen in ihrem protestantischen Glauben zu stärken. (Sparmaßnahmen mit Hilfe von Kündigungen durchzusetzen ist laut Max Weber eine Erfindung der Protestanten.) Die hohen Götter konnten sich beruhigt in ihre Sessel auf dem Olymp zurücklehnen und zuschauen, wie die Menschen miteinander nicht auskamen. Merkel und Schäuble brauchten in der Tat sechs Wochen, um den schlauen Trick zu durchschauen: Den Beamten sollte eben nicht nur gekündigt, sondern sie sollten auch noch in Frührente geschickt werden, was bekanntlich bedeutet, dass sie ihr Geld nur auf eine andere Art und Weise bekommen sollten. (Die Griechen wissen noch, was die Protestanten längst vergessen haben: Um zu leben braucht man Geld.)

Die Empörung in der Merkel’schen und der Schäuble‘schen Seele war natürlich groß, die Kraft des protestantischen Glaubens liegt allerdings darin, dass man bei einer bereits gefundenen Lösung bleibt. Seine Meinung zu ändern, ist bekanntlich eine Erbsünde. Und nun ist deswegen für die nächsten sechs Wochen das Thema: Wie können die Renten in Griechenland dramatisch gekürzt werden? Und weil diese Frage eben auch in Deutschland mit bestimmten Empfindlichkeiten einhergeht, ist für die Griechen für eine Weile alles wieder im homerischen Bereich. Um allerdings die nächste Runde vorzubereiten, sind sie jetzt auf den Gedanken gekommen, das Rauchverbot aufzuheben. Die Griechen dürfen in ihren Kneipen wieder qualmen.

Genialer hätten sie es nicht machen können. Gegen die offizielle Begründung ist nichts einzuwenden, sogar Schäuble bleibt die Spucke weg: Rauchen bringt der Staatskasse viel Geld. Die erwünschten inoffiziellen Nebeneffekte der Maßnahme sind allerdings die Wesentlichen. Sie führen zum Beispiel dazu, dass auf einmal die Bayern (die meisten von ihnen sind Katholiken) in den Griechen ihre wahren Verbündeten sehen. Wie bekannt, wehren die süddeutschen Freistaatler sich innerlich gegen die korrekte grün-rote Einmischung in ihr Privatleben, sie meinen zu Recht, dass Frau Roth in den gemütlichen Dorfwirtschaften nichts zu suchen habe. Die reichen Bayern sind also dabei zu kapieren, warum sie sich an den Rettungsschirmen beteiligen sollten. An dieser Stelle beweist sich der Weitblick der Griechen. Sie verstehen, dass die Vereinigten Freien Staaten von Europa (VFSE) nur eine Chance haben, wenn die Götter oben auf dem Olymp und die Menschen unten in ihren Kneipen in Ruhe gelassen werden.

7 Kommentare:

Henning hat gesagt…

Sehr wahr!
Eine Kleinigkeit noch: Es geht ja in Wahrheit, wenn man sich die realen Machtverhältnisse anschaut, nicht darum, "Griechenland" zu retten, sondern die griechischen Banken samt den mit ihnen verbandelten ausländischen, einschließlich deutschen. Der Vorsitzende der polnischen Liberalen hat einen vernünftigen Vorschlag gemacht: Banken, sagte er, müssen bankrott gehen können wie jeder Wirtschaftsbetrieb. Statt Banken, die objektiv insolvent sind, am Leben zu erhalten, solle man den grichischen Sparern sämtliche Spareinlagen zu 100 Prozent erstatten und dann die Zocker untergehen lassen. Das käme viel billiger und würde niemand anderem schaden als denen, die das Chaos angerichtet haben. Ich bin zwar nicht der große Finanzfachmann, aber das schien mir einleuchtend.
Henning






die griechischen Banken zu stützen

Anonym hat gesagt…

Ein wunderbarer letzter Satz, knackig!

Anonym hat gesagt…

Danke!

Jelle van der Meulen

Caroly hat gesagt…

Jelle, even iets anders. Ik ben recent zeer enthousiast geraakt door het werk van de socioloog Zygmunt Bauman. Voor een goede introductie in zijn denken, lees Liquid Times. Hij is ver in de tachtig, maar ik hoorde van de week dat hij is uitgenodigd door de universiteit van Nijmegen voor de Holocaust Memorial Day Lezing: http://www.ru.nl/@819030/holocaust-memorial/

Het lijkt me gezien jouw interessesfeer erg de moeite waard voor jou. Misschien de laatste kans om hem in levende lijve te zien. Ik lees zijn boeken sinds de zomer, en heb tot op heden nog geen denker gevonden die zo scherpzinnig en doorleefd weet te schrijven over de crisis van onze beschaving.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Noch ist Griechenland nicht verloren - und dennoch liegt in Griechenland in Gestalt einer ausufernden Bürokratie und des dagegen haltens der schlitzohrigen sprichwörtlich "Steuern sparenden" Zeus-Nachfahren, sozusagen "der Hund begraben". Solange die Griechen aber noch ihren Sirtaki tanzen können und der Nachschub an Ouzo und Oliven so ziemlich das einzige ist, was die Griechen, neben ihrer Sonne selbstverständlich, exportieren könnten, entsteht ein Mißverhältnis im Geben und Nehmen. Was die Griechen noch einnehmen an Tourismus-Penunzen das mehrt nun mal kaum den einheimischen Steuertopf. Und solange der nicht besser dirigiert und organisiert wird, bleibt den griechischen (Staats-)Gästen nur weiterhin das Land der Griechen "mit der Seele" besuchen zu können, aber keinesfalls mit irgendeiner Art protestantisch gewandetem Sachverstand, denn der funktioniert in Griechenland nicht.
Und so wird Griechenland wohl noch für lange Zeit das berühmte "Fass ohne Boden" bleiben. Wie man damit am besten umgeht, das wusste aber seinerzeit schon der weinselige Dionysos.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Beste Caroly, nein, von Zygmunt Baumann hatte ich noch nie gehört. Ich werde mich mal mit seiner Arbeit beschäftigen. Bin gespannt, Jelle van der Meulen

Michael J. hat gesagt…

Lieber Jelle!

*sorry offtopic*
Ich lese eben Ihr interessantes Buch "Mittendrin" hier in der Stadtbücherei und bin begeistert davon. Das Kapitel über das sog. "Rosenkreuz Lectorium" ist spannend, denn es gibt auch in N-Amerika eine Gruppe von Anthropsophen, die derselben Meinung ist, nämlich dass man in einer Gruppe schneller vorankommt, ich meine die "Brunnen von Christus-Gruppe". Ich würde sie wegen Ihres Buches gerne per eMail kontaktieren; mein Blog beschäftigt sich hauptsächlich mit der Kulmination der Anthroposophie aus astrologischer Sicht,denn in den Jahren 1987, 2003, 2004 gab es sehr bedeutsame Konstellationen, welche ein eigenes Buch verdienen, aber ich habe den eindruck, dass es hier in D'land kein Interesse dafür gibt, da es kaum Reaktionen auf meine Texte dazu gibt, auch wenn ich es in esoter./anthrop. Foren bzw. Boards poste. So far so good - sunny regards! Michael J.